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Kriegsgeschehen, Flucht, Terror- oder andere Gewalterfahrungen, aber auch Hunger,
Durst und extreme Armut können Auslöser für Traumata sein.

Nach dem Trauma
Die Behandlung von Betroffenen ist meist langwierig
Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 25 Prozent der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aufgrund von Kriegserlebnissen und Fluchterfahrungen traumatisiert sind. Die wenigsten Menschen sind in der Lage, aus eigener Kraft traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Und doch sind diese Menschen Teil unserer Gesellschaft.
Traumatisierungen haben meist schwerwiegende Folgen. Die Symptome reichen von Panik- und Angststörungen über Zwangserkrankungen, Konzentrationsstörungen und Flashbacks bis hin zu schweren psychosomatischen Erkrankungen und Minderwertigkeitsgefühlen, die auch zum Suizid führen können. Auch lang anhaltende Depressionen, soziale Störungen sowie Abhängigkeits- und Essstörungen sind Folgen traumatischer Erfahrungen.

  • Wie ist es um die Situation der an traumatischen Störungen erkrankten Menschen in Deutschland bestellt - gleich ob es sich um Flüchtlinge handelt oder nicht?
  • Wie werden traumatisierte Menschen erfasst und versorgt?
  • Wie lässt sich sogenannte Resilienz zurückgewinnen und damit die Fähigkeit, Probleme und Störungen gut zu bewältigen?

Die Therapien sind langwierig
Zunächst gilt es den massiven Stress abzubauen, den die unmittelbar traumatisierende Erfahrung zur Folge hat. Erst wenn sich nach Wochen, manchmal auch erst nach Monaten die Situation der Patienten stabilisiert hat, wird mit der Kerntherapie begonnen. Dabei können verschiedene therapeutische Verfahren zum Einsatz kommen, wie das häufig angewandte "EMDR" (Eye Movement Desensitiziation and Reprocessing), aber auch Gestalt-, Gesprächs- und Verhaltenstherapie, Hypnose, Psychodrama, Psychoanalyse und tiefenpsychologische fundierte Therapien.

Was ist EMDR? Wie funktioniert die Methode?

EMDR - Eye Movement Desensitiziation and Reprocessing - übersetzt: Augenbewegung - Desensibilisierung und Neubearbeitung. Ende der 80er Jahre entwickelte die von der US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und Psychologin Francine Shapiro in den USA diese Psychotherapieform zur Behandlung von Traumafolgestörungen bei Erwachsenen und Kindern. Bei dieser Methode soll sich der Patient auf seine ihn am stärksten belastende Erinnerung konzentrieren. Währenddessen regt der Therapeut die Zusammenarbeit von rechter und linker Gehirnhälfte des Patienten an, indem er seine Sinne reizt. Dies kann durch schnelle Fingerbewegungen vor den Augen, Antippen der Hände oder akustische Signale über Kopfhörer erfolgen. Durch diese bilaterale Rechts-Links-Stimulierung wird das Gehirn angeregt, die belastenden Gedanken schneller zu verarbeiten.

  • Phase 1: Die persönliche Gesichte des Patienten wird erhoben. Die Anamnese.
    Eine genaue Diagnose wird gestellt.
  • Phase 2: Das künftige Vorgehen, der Behandlungsplan wird besprochen. Eine positive Erfahrung wird innerlich etabliert, damit der Patient die Möglichkeit hat, während der Behandlung auszusteigen, sollte die Traumaerfahrung zu belastend werden.
  • Phase 3: Zur späteren Bearbeitung wird die belastendste Situation innerhalb der Traumaerfahrung in Verbindung mit einem negativen Gedanken ausgewählt, danach werden positive Alternativen gesucht und ein Zielgedanke formuliert, bei dem der Patient bewertet, wie zutreffend dieser sich anfühlt. Die Bewertung der traumatischen Erinnerung findet statt.
  • Phase 4: Nun erfolgt die eigentliche Behandlung. Der Patient versetzt sich gedanklich und gefühlsmäßig zurück in die Situation der Traumaerfahrung und folgt bei ruhig gehaltenem Kopf mit den Augen den Handbewegungen des Therapeuten.
  • Phase 5: Der Verarbeitungsprozess wurde in Gang gesetzt und meist tritt eine Entlastung ein. Ist die Belastung verschwunden, wird der positive Gedanke und das positive Körpergefühl verankert.
  • Phase 6: Ein Körpertest findet statt. Der Patient geht gedanklich durch seinen Körper und nimmt Veränderungen wahr - Die angenehmen Empfindungen werden verstärkt, die negativen werden so lange bearbeitet, bis sie sich auflösen. Das Trauma ist er dann vollständig bearbeitet, wenn der Körper entspannt ist und keinerlei Belastung mehr zu spüren ist.
  • Phase 7: Das weitere Vorgehen wird geplant. Es wird auf die Möglichkeit des Nachprozessieren, z. B. in Träumen, hingewiesen. In dieser Abschlussphase, werden die Erfahrungen besprochen, die während der Behandlung gemacht wurden. In der kommenden findet Nachbefragung statt. Es wird überprüft, ob das Erreichte stabil ist.

Phasen der Traumabehandlung

Die Behandlung von Betroffenen erfolgt in der Regel über mehrere Phasen:

In der Stabilisierungsphase wird die Basis für die therapeutische Beziehung zwischen Patient und Behandler gelegt. Dem Traumatisierten wird das Gefühl von Sicherheit vermittelt. Er wird über die Ursache seiner psychischen Störung informiert und wie diese durch eine Therapie behandelt werden kann. Durch spezielle Übungen lernen die Patienten, wie sie mit Alpträumen, Flashbacks (Wiedererleben der traumatisieren Situation) und körperlichen Einschränkungen umgehen können.

In der Traumabearbeitungsphase steht die Konfrontation mit dem Trauma selbst im Focus. Teile des traumatischen Ereignisses werden dosiert und kontrolliert unter therapeutischer Aufsicht wiedererlebt und so besser verarbeitet. Für die Behandlungsphase der Trauma-Konfrontation gibt es verschiedene Methoden.

In der Integrationsphase geht es darum, das Trauma zu integrieren und an den anfallenden Gefühlen zu arbeiten. Wie in einer klassischen Psychotherapie werden Bewältigungsstrategien erarbeitet, damit die Patienten wieder selbstbewusst und stark ihr Leben meistern können. Ziel ist anstelle der negativen die positiven Gefühle wie beispielsweise der Zusammenhalt und das gemeinsame Trösten unter den Kameraden rund um das erlebte Traume zu erkennen und zu stärken.

Ziele der Traumatherapien

  • Ungewolltes Erleben der traumatischen Situation verhindern,
    Mittel erlernen, dem entgegen zu wirken.
  • Dem Patienten Hoffnung, Handlungsfähigkeit und Macht über die erlebte Situation geben.
  • Erlernen, sich in die erlebte Situation hereinzufinden und sie bewusst wieder zu verlassen.

Den "Trigger" aus dem Kopf verdrängen

Als Trigger bezeichnet man den Auslöser für das erlebte Trauma. Das können Bilder, Gerüche, Geräusche, Orte oder Bewegungsabläufe sein. Diese können den Patienten jederzeit in die Vergangenheit zurückbringen und mit den qualvollen Erlebnissen belasten. Beispiel: Mit der Farbe rot verbindet beispielsweise ein Soldat den neben sich verblutenden Kameraden.

PTBS - Posttraumatische Belastungsstörung

Die PTBS entsteht laut Definition der Weltgesundheitsbehörde (WHO) "als eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde."

PTBS ist eine Folge eines beziehungsweise mehrerer traumatischer Ereignisse wie das Erleben körperlicher und sexualisierter Gewalt, Vergewaltigung, gewalttätige Angriffe auf die eigene Person, Geiselnahme, Entführung, Terroranschläge, Krieg, Gefangenschaft, Folterung, Natur- oder durch Menschen verursachte Katastrophen, Unfälle oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit, die selbst, aber auch an fremden Personen erlebt werden können. Hilflosigkeit und das traumatische Erleben führen zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses.

Symptome können sein: unkontrollierbare, belastende Gedanken und Erinnerungen oder sogar Erinnerungslücken, Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen, Vermeidungsverhalten, allgemeiner und emotionaler Rückzug, Interessenverlust, Verhaltensauffälligkeiten. Die Symptomatik kann unmittelbar oder auch mit Verzögerung nach dem traumatischen Geschehen auftreten.


Weitergabe von Traumata über die Generationen hinweg
<b>Die unbewussten Erbschaften von Traumata</font><br /></b>Warum haben einige Katastrophenopfer psychische Probleme, andere nicht? Gibt es  genetische Ursachen? Wie stabil sind solche Veränderungen? Vereben sich Traumata?    [Video] © ap
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Ob Opfer oder auch Täter - generell laufen Menschen Gefahr, ihr Trauma weiterzugeben. Transgeneratives Trauma - ein Gespräch mit der Sozialpsychologin Angela Moré. [Video]

Transgeneratives Trauma: Ein Problem bei der Behandlung traumatischer Störungen sind die Auswirkungen auf andere Menschen. Nicht nur die direkt Traumatisierten sind von den psychischen Auswirkungen ihrer Erfahrungen betroffen, sondern auch deren Bezugspersonen und Familien, insbesondere Kinder und Enkel. Das Phänomen der Weitergabe von Traumata über die Generationen hinweg ist als sogenannte "Gefühlserbschaft" vor allem bei Holocaust-Überlebenden untersucht worden. Bindungstheorie und Psychoanalyse bestätigten, dass schon in frühesten Lebensphasen rudimentäre Wahrnehmungsmechanismen entstehen, die anschließend Übertragungsmechanismen auch von psychischen Erkrankungen ermöglichen. Eine solche Weitergabe von Traumata in die nachfolgenden Generationen hinein findet jedoch nicht zwangsläufig statt, ist durchaus reversibel und kann verhindert werden.




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Elise Bittenbinder
Psychotherpeutin, Traumatheraputin, Diplom-Pädagogin
BAfF e.V., Berlin

Andreas Maercker
Psychologe
Psychologisches Institut, Uni Zürich

Marianne Leuzinger-Bohleber
Psychoanalytikerin
Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt

Zusammen mit seinen Gästen blickt Gert Scobel u.a. auf das Phänomen der Weitergabe von Traumata über die Generationen, die so genannte "Gefühlserbschaft". [Artikel]