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Cannabis - Medizin oder Droge?
Das Für und Wider eines viel diskutiertes Rauschmittels
Hanf, aus dem u.a. Cannabis gewonnen wird, gehört nicht nur zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit, sondern auch zu den medizinisch wirksamsten. Mittlerweile können Menschen bei schwerwiegenden Erkrankungen, bei chronischen Schmerzen und als Palliativ-Behandlung im Einzelfall Cannabis auf Rezept bekommen.
Kann der Arzt nachweisen, dass es keine andere anerkannte Therapie für den Patienten gibt und dieCannabis-Gabe erfolgversprechend ist, sollen die Krankenkassen die Kosten für Cannabispräparate oder für getrocknete Cannabisblüten bezahlen. Im März 2017 hatte ein Gesetz den Weg dafür frei gemacht.


Erfolge bei Schmerzpatienten

Bei chronischen Schmerzen, etwa bei Rückenschmerzen oder Rheuma, dürfen Ärzte nun testen, ob es den Menschen mit Cannabis besser geht. Als gesichert gilt, dass Cannabisblüten bei Spastiken helfen, die bei Multipler Sklerose und bei Nervenverletzungen auftreten. Cannabis soll darüber hinaus Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien unterdrücken und den Appetit bei Aids anregen. Bei Epilepsie, Alzheimer, Juckreiz und Depressionen sind die Erkenntnisse über die Wirksamkeit bisher eher gering. Medizinisches Cannabis kann man auf verschiedene Weisen einnehmen. Die Wirkstoffe lassen sich auch über ölige Lösungen und Tropfen inhalieren oder schlucken. Vom Rauchen wird wegen Nebenwirkungen eher abgeraten.


Umsätze in Milliardenhöhe

In Kanada und in den USA ist die Behandlung mit Hanf längst ein Milliardenmarkt, ähnlich in Israel. In Deutschland indes ist die Zielgruppe für Cannabis-Therapien noch klein. Nur rund 1000 Patienten hatten bisher eine Ausnahmegenehmigung zum Kauf für medizinische Zwecke. Mit der Liberalisierung wächst jedoch die Nachfrage: Im ersten Halbjahr 2017 sind über 10.000 Einheiten an Blüten ausgegeben worden, berichtet der Apothekerverband ABDA. Die Zahl der verschriebenen Behandlungen ist seit März von Monat zu Monat kräftig gestiegen. Hinzu kommen etwa 12.500 Fertigarzneien.

Cannabisagentur soll Kranke versorgen

Die staatliche Stelle soll sowohl für den Anbau in Deutschland als für die Einfuhr zuständig seinChronisch Kranke in Deutschland sollen künftig besser mit Cannabis als Medizin versorgt werden können. Die Bundesregierung plant zu dem Zweck den Aufbau einer staatlichen Cannabisagentur. Ein entsprechender Gesetzentwurf wurde Ländern, Verbänden sowie der EU zur Prüfung zugeleitet.Die geplante staatliche Agentur soll ermöglichen, insbesondere schwerwiegend und chronisch erkrankte Patienten leichter mit so genanntem Medizinalhanf versorgen zu können.

Mit einem neuen Gesetz, das seit 10. März 2017 gilt, können Schwerkranke auf Rezept Cannabis in der Apotheke erhalten. Patienten brauchen keine Ausnahmeerlaubnis mehr, entsprechende Vorschriften laufen aus. Während Erkrankte bisher Cannabis in der Regel selbst bezahlen mussten, sind Krankenkassen nun verpflichtet, die Therapiekosten zu übernehmen. Das Gesetz sieht monatliche Behandlungskosten von im Schnitt 540 Euro vor. Auf die Kassen kommen daher auch Kosten zu.

Die Bundesregierung will mit dem neuen Gesetz den Anbau von Cannabis zu medizinischen Zwecken sowie die Kostenerstattung durch die Krankenkassen in "medizinisch begründeten Fällen" regeln. So soll auch ein unkontrollierter Eigenanbau durch Patienten verhindert werden.

Strenge rechtliche Regeln
Seit Mai 2011 dürfen zugelassene Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis auch in Deutschland hergestellt und von Ärzten auf Betäubungsmittel-Rezept verschrieben werden. Bisher ist lediglich ein Extrakt aus Cannabis sativa - so der lateinische Name für die Hanfpflanze - unter dem Namen "Sativex" zugelassen, und zwar für Patienten, die an Multipler Sklerose erkrankt sind und an schweren spastischen Lähmungen und Krämpfen leiden. Bereits seit längerem können Patienten die im Ausland zugelassenen Wirkstoffe Dronabinol und Nabilon verschrieben werden. Für die Kosten müssen sie in der Regel aber selbst aufkommen.

Medizin-Cannabis auf dem Vormarsch
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Im Frühjahr 2017 wurde die Nutzung von Cannabis für medizinische Zwecke liberalisiert, die Zahl der Therapien steigt rasant. Dabei ist der Wirkstoff nicht völlig erforscht. Während Anbieter große Chancen wittern, hakt es noch gehörig im System mit Krankenkassen und Ärzten.
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Kurz & knapp: Import von Cannabis
Haschischprodukte dürfen nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts auch dann nicht privat importiert werden, wenn sie zu medizinischen Zwecken wie der Behandlung von Schmerzen gedacht sind. Begründung: Der Konsum von Cannabis sei mit erheblichen Risiken und Gefahren für die Gesundheit verbunden. Der Import von Haschisch oder Haschischprodukten sei zum Schutze der Bevölkerung daher zu Recht generell verboten. Das schließe auch die Einfuhr der Mittel zur Selbstmedikation mit ein. Anbau, Einfuhr oder Vertrieb sind auch zu wissenschaftlichen Zwecken nur dann erlaubt, wenn dafür eine Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte vorliegt.


Kurz & knapp: Anbau von Cannabis
2014 hatte das Kölner Verwaltungsgericht entschieden, dass chronisch kranke Patienten ausnahmsweise privat Cannabis züchten dürfen. Es erlaubte den Anbau zu Therapiezwecken, wenn den Kranken sonst nichts gegen ihre Schmerzen hilft. Die Richter gaben damit den Klagen von Schwerkranken gegen ein behördliches Anbauverbot recht. Der Cannabis-Eigenanbau bleibe im Grundsatz verboten, könne aber unter bestimmten Bedingungen als "Notlösung" erlaubt werden, sagte der Vorsitzende Richter Andreas Fleischfresser.Zu den Voraussetzungen gehöre, dass der schwer kranke Patient austherapiert sei, es für ihn keine andere Behandlungsalternative zu Cannabis gebe und Apotheken-Cannabis unerschwinglich sei. Zwei Klagen hatte das Kölner Gericht abgewiesen, drei waren erfolgreich.

Kurz & knapp: Fahren nach Cannabiskomsum
Auch der gelegentliche Konsum von Cannabis kann nach aktuellen Gerichtsurteilen den Führerschein kosten. Bereits ab einem Grenzwert von einem Nanogramm pro Milliliter Blut (ng/ml) ist ein Fahrer nicht mehr geeignet, ein Fahrzeug zu führen. Der Wirkstoff kann auch Tage nach Gebrauch im Blut nachgewiesen werden. Nach der Verordnung für die Fahrerlaubnis gilt als nicht fahrgeeignet, wer mindestens gelegentlich Cannabis zu sich nimmt. Im Jahr 2015 hatte die Grenzwertkommission die Erhöhung des Grenzwertes auf drei Nanogramm pro Milliliter vorgeschlagen. Dennoch: Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen war in einem erstinstanzlichen Urteil nicht dem Vorschlag der Expertengruppe für den höheren Grenzwert gefolgt, sondern hatte den bisherigen niedrigeren Wert von 1 ng/ml zugrunde gelegt. Das Oberverwaltungsgericht bestätigte diese Entscheidung.

Sendedaten
Cannabis - Medizin oder Droge?
scobel am Donnerstag,
26. Oktober 2017, um 21.00 Uhr
(Erstsendung: 28. Januar 2016)
Wissenschaft am Donnerstag
Video
Scobels Kolumne
Wir machen eine Bogen
um Cannabis

Innenansichten von Gert Scobel
zum Thema der Sendung "Cannabis - Medizin oder Droge?"
Talkrunde im Studio
Gert Scobel und seine Gäste diskutieren über die Geschichte von Cannabis und warum es verboten wurde:

Lorenz Böllinger
Rechtswissenschaftler, Psychologe und Psychoanalytiker
Universität Bremen

Rainer Thomasius
Suchtexperte
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Bernd Werse
Soziologe
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Gast zu "Cannabis als Therapie"
Maximilian Plenert ist Diplom-Physiker und derzeit einer der Patienten, die Cannabis als Medikament konsumieren dürfen.
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