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© anaconda Lupe
Buchcover "Philosophie des Geldes"
Wie Geld unsere Gesellschaft prägt
Georg Simmels Buch "Philosophie des Geldes"
In seinem 1900 veröffentlichten Hauptwerk untersucht der Soziologe Georg Simmel nicht nur das Wesen des Geldes, sondern geht auch der Frage nach, wie die Geldwirtschaft die ganze moderne Gesellschaft prägt. Für Simmel ist Wert eine relative Größe. Alle menschlichen Beziehungen beruhen auf Tausch.
Wenn der Mensch Güter tauscht, werden die subjektiven Wertzuschreibungen des Individuums mit den subjektiven Wertzuschreibungen der anderen Marktteilnehmer abgeglichen, also objektiviert. Ausdruck dieser Tauschbarkeit und Objektivierung subjektiver Werte ist das Geld.

Lupe
Horst Helle
Der Soziologe Horst Helle sagt: "Für den Soziologen Simmel ist Geld die allgemeinste Form sozialer Beziehungen. Was bei Simmel leicht missverstanden wird, ist die Tatsache, dass die Wirklichkeit ihren Sitz in der Relation hat. Wirklichkeit ist nicht bei dir oder bei mir, sondern in dem, was dazwischen abläuft. Insofern ist das Geld besonders gut geeignet, dieses Verständnis von Wirklichkeit begreifbar und auch quantifizierbar zu machen."

Die Quantität regiert über die Qualität
Für Georg Simmel hat das Geld eine Doppelfunktion. Es drückt den relativen Preis eines Gutes aus, und es ist zugleich selbst ein Wert, weil es überall und jederzeit für jeden Zweck einsetzbar ist. Dieser Eigenwert macht das Geld aber auch zu einem Nivellierer, denn dem Geld ist das Besondere und Unverwechselbare gleichgültig. Die Quantität regiert über die Qualität. Als "Ausdruck und Äquivalent aller Werte" verwandelt es sich von einem Mittel des Tausches zum absoluten Selbstzweck. Geld tritt an die Stelle von Gott.

Waren früher die Kathedralen die höchsten Gebäude einer Stadt, so sind es heute die Banken. Überhaupt sind für Simmel Stadt und Geldwirtschaft untrennbar miteinander verbunden, denn wo viele Menschen zusammentreffen, ist viel Geld im Umlauf und eine hochgradig arbeitsteilige Welt entsteht. Sie ermöglicht dem Individuum große Freiheiten bei der Lebensgestaltung, unterwirft sein Denken und Handeln aber zugleich dem Kosten-Nutzen-Rechnen der Wirtschaft.

Werte machen freier, entfremden aber auch
Die Radikalität, mit der das Geld alle sozialen und individuellen Werte zum reinen Kalkül macht, färbt auf den Menschen ab. Er unterwirft seine Gefühle dem Intellekt, seine subjektive Befindlichkeit den objektiven Sachzwängen. So korrespondiert die Zunahme an individueller Freiheit mit sozialer Entfremdung und einem Verlust an Sinn. Diese Lücke zwischen individueller Selbstbehauptung und sozialer Anbindung erfüllt für Simmel die Mode. Sie drückt die ständige Veränderung der modernen Welt aus und vermittelt zugleich die Sicherheit einer Gruppe von Gleichgesinnten. Gold oder Edelsteine dagegen drücken die Sehnsucht nach ewiger Sicherheit in Form eines Wertes an sich aus, den es für Simmel eigentlich nicht geben kann.

"Besonders interessant ist, dass der Mensch in der Kontinuität mit seinem ambivalenten Denken die Chance hat, Werte zuzuschreiben und damit zu schaffen. Er kann sich auch die Illusion schaffen, dass das Ding, mit dem er sich beschäftigt, von sich aus wertvoll ist und bleibt", sagt Helle. Aus simmelscher Sicht ist die aktuelle Finanzkrise das Resultat einer falschen Wertzuschreibung. Eine gewaltige Masse von Finanzpapieren erwies sich als reine Illusion. Diese zerplatzte Illusion stellt nun den Wert unseres Geldes selbst in Frage. Der Mensch ist offensichtlich nicht kultiviert genug, um mit Wertzuschreibungen umzugehen. Neurologische Forschung deuten darauf hin, dass es den Homo oeconomicus nicht gibt. Bei Verlustsituationen sind nur 14 Prozent der Menschen fähig optimal zu reagieren, wie es in Lehrbüchern empfohlen wird.

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Kann es einen fairen
Kapitalismus geben?
Infos zum Buch
Mit seiner "Philosophie des Geldes" hat der Soziologe Georg Simmel am Beginn des 20. Jahrhunderts eine der scharfsinnigsten Untersuchungen der modernen Gesellschaft vorgelegt. Seine streitbare Diagnose: Geld ist als Tauschmittel unersetzbar, doch die negativen Folgen der Geldwirtschaft sind beträchtlich, soziale Vereinzelung und kulturelle Entfremdung sind das Resultat. (Klappentext)

Georg Simmel
"Philosophie des Geldes"
Verlag: Anaconda