Versuchsfeld von Monsanto in Kanada © reuters
BeitragBeitrag
Selbst in den USA ist Monsanto mit seinem Glyphosat mittlerweile äußerst umstritten.
Entscheidung erneut vertagt
Die Diskussion um Glyphosat geht weiter und weiter
Für die einen ein nützlicher Helfer, für die anderen gefährliches Gift: In der Wissenschaft wie in der Politik tobt weiter der Kampf umGlyphosat.
Die bisherige Zulassung von Glyphosat läuft am 15. Dezember aus. In der Europäischen Union wird schon seit Jahren um das weit verbreitete Unkrautvernichtungsmittel gestritten. Die EU-Kommission hat mit ihrem Vorschlag für eine fünf Jahre geltende Neuzulassung am Donnerstag in Brüssel nicht die nötige Unterstützung der EU-Regierungen gefunden. Während Deutschland sich enthielt, stimmten 14 EU-Staaten für und neun gegen den Vorschlag. Die Arbeitsgemeinschaft Glyphosat drohte mit einem Prozess und teuren Konsequenzen für die EU, sollte die Neuzulassung am Ende verweigert werden.

Der zuständige Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel setzt sich aus Experten der 28 EU-Mitgliedstaaten zusammen, die unter dem Vorsitz der Kommission tagen. Unter den Ländern, die den Kommissionsvorschlag mittrugen, waren die Niederlande, Spanien und Großbritannien, zu den Gegnern gehörten Österreich und Frankreich. Neben Deutschland enthielten sich vier andere Länder. Für eine Annahme wie für eine Ablehnung des aktuellen Vorschlages wäre eine qualifizierte Mehrheit nötig gewesen. Dafür wären jeweils 55 Prozent der Mitgliedstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren, nötig gewesen.

Ohne Einigung, könnte ein Gericht eingreifen
Die Kommission will nun bis Ende November einen Berufungsausschuss mit ranghöheren Vertretern der Mitgliedstaaten einberufen. Was bis dahin eine Sinnesänderung bei den Regierungen und damit eine Entscheidung bewirken könnte, wollte eine Kommissionssprecherin nicht sagen. Fällt auch der Berufungsausschuss kein klares Votum, müsste die Kommission allein entscheiden. Allerdings wäre die EU-Kommission am Ende nicht so frei wie jetzt der Ausschuss, für Ja oder Nein zu stimmen. Vielmehr müsste sie entweder den bestehenden Vorschlag annehmen oder eine Entscheidung ganz verweigern, hieß es aus Kommissionskreisen. Hintergrund ist, dass der Vorschlag der Kommission seinerseits auf dem wissenschaftlichen Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) beruht, die Glyphosat grünes Licht gegeben hätte. Würde die Kommission sich weigern, zu entscheiden, könnte sie allerdings vor Gericht gezogen werden, verlautete aus Kommissionskreisen.

Ähnlich äußerte sich ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Glyphosat, die Monsanto, Syngenta Agro, Cheminova und weitere Firmen vereint, die Glyphosat-Produkte vertreiben. Die Kommission müsste am Ende die Neuzulassung annehmen, sagte Arbeitsgemeinschafts-Sprecher Thoralf Küchler. Schließlich basiere der Vorschlag auf der EFSA-Expertise. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kommission geltendes Recht bricht", sagte Küchler und verwies auf mögliche rechtliche Schritte. "Das würde ja dann teuer." Insgesamt kritisierte der Sprecher den Prozess der Neuzulassung, der bereits 2012 begonnen hatte und in dessen Verlauf die Kommission die vorgeschlagene Dauer der Neuzulasssung mehrfach nach unten veränderte. "Wo ist Planungssicherheit, wo ist Sicherheit?"

Die Grünen wandten sich gegen eine Neuzulassung. Die Kommission dürfe nicht "vor Monsanto einknicken, aus Furcht, bei einer Nicht-Verlängerung Strafzahlungen an den Chemie-Giganten leisten zu müssen", erklärte der Europaabgeordnete Martin Häusling. "Glyphosat ist schlicht unnötig und kann durch gute landwirtschaftliche Praxis ersetzt werden." Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte ebenfalls ein Ende der Zulassung. Es gehe dabei um mehr als umGlyphosat: "Die Zulassungsverfahren in der EU sind mangelhaft, deshalb gehören alle eingesetzten Pestizide auf den Prüfstand, beim konventionellen wie beim Bio-Landbau", erklärte Foodwatch.

In den USA klagen Krebspatienten gegen Monsanto
BeitragBeitrag
In den USA klagen Krebspatienten, die das glyphosathaltige Roundup als Verursacher ihrer Krankheit ansehen. In Gerichtsakten wird der Konzern zudem beschuldigt, entsprechende Studien manipuliert zu haben. Monsanto weist diese Vorwürfe zurück. Der Ausgang der Sammelklagen ist ungewiss. Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln. Es hemmt ein Enzym, das für die Proteinsynthese in Pflanzen zuständig ist. Es tötet jede Pflanze, die nicht so verändert wurde, dass sie den Einsatz des Herbizids überlebt. Glyphosat wird vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, aber auch zur Unkrautvernichtung in Parkanlagen, auf Bahngleisen und in Gärten.

Gutachter wertete Glyphosat-Bericht des Bundesinstituts als "Plagiat"

Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt es viele Meinungen.
Zu Risiken und Nebenwirkungen gibt es viele Meinungen.
Für Sprengstoff sorgte in der Diskussion der Bericht des Plagiatsprüfers Stefan Weber: Nach seiner Einschätzung hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) für seinen Glyphosat-Bericht wesentliche Angaben von Herstellern des umstrittenen Unkrautgifts wörtlich übernommen. Es sei "offensichtlich, dass das BfR keine eigenständige Bewertung der zitierten Studien vorgenommen hat", erklärte Weber. Über "zahlreiche Seiten hinweg" seien Textpassagen "praktisch wörtlich übernommen" worden. Deutschland ist in der EU der Berichterstatter für Glyphosat.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kam zu dem Schluss, dass von bei sachgerechter Anwendung nicht von Gefahren für den Menschen auszugehen sei. Auch die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) hält den Stoff für wahrscheinlich nicht krebserregend bei Menschen, ebenso Europas Chemikalienagentur (Echa). Ähnlich sieht das ein Ableger der Weltgesundheits-Organisation (WHO), das Joint FAO/WHO Meeting On Pesticide Residues (JMPR). Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) der WHO stuft die Substanz hingegen als wahrscheinlich krebserregend ein. Allerdings bewertet die Behörde die Beweislage dafür, dass Glyphosat Krebs auslösen könnte - und nicht das Risiko, tatsächlich an Krebs zu erkranken.

Kritiker: Gefahren für den Menschen sind möglich

Kritiker werfen den europäischen Behörden vor, die Bevölkerung nicht auf eine Glyphosat-Belastung hin zu untersuchen und Lebensmittel zu selten auf Rückstände zu testen. Zudem befürchten sie negative Auswirkungen auf das menschliche Hormonsystem und Fehlbildungen bei Kindern. Deutsche Landwirte spritzen das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat, um alle Getreidepflanzen in einem Feld auf den gleichen Trocknungszustand zu bringen und so effizienter ernten zu können. In der Schweiz ist es nicht zugelassen. In Österreich wird Glyphosat noch verwendet, es läuft jedoch ein parlamentarisches Verfahren, es zu verbieten.

Es bleibt das Problem der Artenvielfalt

"Die Auswirkungen wurden nur für wenige ausgewählte Organismen getestet", so der Ökotoxikologe Dr. Werner Kratz. "Außerdem finden die maßgeblichen Untersuchungen in Laboratorien statt, nicht im Freiland. Weil Freilanduntersuchungen mit ihrer sehr komplexen Verknüpfung von Arten natürlich sehr viel schwieriger zu simulieren sind als eine Laborsituation." Das Herbizid vernichtet Ackerkräuter und damit die Nahrungsgrundlage für Insekten. Diese wiederum dienen Feldvögeln als Nahrung. Die Auswertung von mehr als 1000 Studien habe aber gezeigt, dass bestimmte glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel wegen anderer Inhaltsstoffe giftiger sein könnten als der Wirkstoff Glyphosat an sich, warnte Andreas Hensel vom BfR. Dies werde bei der Zulassung glyphosathaltiger Pflanzenschutzmittel berücksichtigt, fügte er hinzu.

Die Daten gaben Hensel zufolge keinen Anlass, "die gesundheitlichen Grenzwerte des Wirkstoffs wesentlich zu verändern". Bestehende Höchstwerte für Rückstände seien nach wie vor sicher für Verbraucher. Bei Bedarf könnten einzelne Höchstgehalte für Glyphosat sogar ohne Gefahr für Verbraucher angehoben werden, etwa wenn dies wegen neu beantragter Importtoleranzen erforderlich wäre, erklärte das BfR.

Glossar
Glyphosat
Glyphosat ist weltweit einer der am meisten eingesetzten Wirkstoffe in Unkrautvernichtungsmitteln und das am weitesten verbreitete Pflanzengift. Es ist seit vielen Jahren umstritten.
Mediathek
VideoDer lange Streit um Glyphosat
Die EU-Kommission hat die Zulassung für den Unkrautvernichter Glyphosat um weiter 18 Monate verlängert. (Beitrag vom 30. Juni 2016)
Wirtschaftsdokumentation
Schöne neue Landwirtschaft?
Der Kauf des Gentechnikspezialisten Monsanto ist für die Bayer AG ein zweischneidiges Schwert: schlechte Reputation gegen gute Gewinne. Trotzdem: Der Mega-Deal könnte die Zukunft der Landwirtschaft erheblich verändern.
Glyphosat im Bier
Prost Mahlzeit!
Glyphosat hat des Deutschen liebstes Getränk erreicht: Das Pestizid ist im Bier gefunden worden. Auch wenn die Konzentrationen gering sind: Die Diskussion entfacht das neu.
Mediathek
VideoTeufel und Beelzebub
Das Unkrautvernichtungsmittel 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D) könnte gefährlicher sein als das in Verruf geratene Glyphosat, das es ersetzen soll. (Beitrag vom 10. Juli 2015)