Forscherin hält Müll
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Ob Netze im Meer oder winzige Plastikfresser - nichts hilft gegen Müll im Meer außer Vermeiden.
Es wird einfach nicht weniger
Plastik müllt alle Weltmeere zu - und ihm ist nicht beizukommen
Deutschland steht bei der Vermeidung von Plastikmüll im EU-Vergleich nicht gut da. Nur drei Länder produzieren noch mehr Abfall.
Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln produzierte jeder Bundesbürger zuletzt jährlich 37,4 Kilogramm Abfall aus Plastikverpackungen. Das waren über sechs Kilogramm mehr als der EU-Durchschnitt. Den Ergebnissen zufolge wird weltweit immer mehr Plastik produziert: 2015 waren es rund 322 Millionen Tonnen und damit sieben Mal so viel wie Mitte der 1970er Jahre. In der EU nahm der Plastikverpackungsmüll zwischen 2005 und 2015 um zwölf Prozent zu - in Deutschland waren es sogar 29 Prozent, wie die Studie ergab. Noch mehr Plastikmüll pro Kopf als die Deutschen produzierten zuletzt nur Irland (60,7 Kilogramm), Luxemburg (52) und Estland (46,5). Am besten schnitten die Kroaten mit 12,4 Kilogramm Plastikmüll pro Kopf ab. Wird Plastikmüll dann nicht recycelt oder verbrannt, sondern auf Deponien geschafft, landet es durch Verwehungen oder Fortspülungen oft im Meer.

Eine Möglichkeit, die Meere zu verschonen, ist Recycling. Dabei schneidet Deutschland besser ab: In der Bundesrepublik wird der Studie zufolge fast die Hälfte (49 Prozent) des Mülls aufbereitet, im EU-Durchschnitt sind es nur 40 Prozent. Noch vorbildlicher sind Tschechien mit 62 Prozent, Bulgarien mit 61 Prozent und die Niederlande mit 51 Prozent. Trotzdem werde in Europa "noch immer viel zu wenig dafür getan, dass der Müll recycelt werden kann", sagt die IW-Umweltökonomin Adriana Neligan. Laut Studie will die EU-Kommission deshalb Anfang Dezember 2017 eine Kunststoffstrategie vorstellen. Dabei geht es nicht nur um Anreize zur Reduzierung von Einwegprodukten und eine Vereinfachung von Recycling, sondern auch um eine EU-weite Regelung zur Mülltrennung und Regeln für biologisch abbaubaren Kunststoff.

Visionen statt Erfolge
Plastikmüll lässt sich aus den Ozeanen nicht entfernen: "Es wäre viel sinnvoller zu verhindern, dass Plastikmüll ins Meer gelangt", sagt der Kieler Ökologe Dr. Mark Lenz. Schiffe oder Bojen, die mit Netzen die winzigen Kunststoffteile aus dem Wasser fischen oder Bakterien, die das Plastik auffressen sollen - nur Visionen, die sich großflächig nicht umsetzen lassen. "Wir müssen verhindern, dass noch mehr Plastik ins Meer gelangt", so Lenz. "Wenn wir das im Griff haben, dann können wir vielleicht Mal darüber nachdenken, wie wir den Plastikmüll aus dem Meer herausholen, der da jetzt schon drin ist."

Zum Schutz der Meere und anderer sensibler Ökosysteme wollen 40 der weltweit größten Konzerne weniger und umweltfreundlicheres Plastik verwenden. Unternehmen wie Procter and Gamble, Unilever und Coca-Cola schlossen sich im Vorfeld des Weltwirtschaftsforum 2017 einer entsprechenden Initiative der britischen Seglerin Ellen MacArthur an. Werde nicht rasch etwas getan, würden die Weltmeere 2050 mehr Plastik enthalten als Fische, warnten die Unterzeichner.

Meere voller Plastik: Müllmenge könnte sich bis 2025 verdoppeln

Forscherin hält Müll
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Vor allem ostasiatische Staaten sind für den Müll im Meer verantwortlich.
Bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle landen jedes Jahr in den Ozeanen, schätzt das deutsche Umweltbundesamt. Doch an der Oberfläche treibt nur ein Bruchteil davon. Die Länder, aus denen der meiste Müll stammt, sind China, Indonesien, die Philippinen, Vietnam und Sri Lanka. Die USA liegen auf Platz 20 und sind damit auch das einzige Industrieland in den Top 20. Die Schätzungen basieren auf der Müllmenge, die in den 192 Ländern mit einer Meeresküste pro Kopf produziert wird. Berücksichtigt wurde in dem Rechenmodell zudem der geschätzte Anteil an Plastikmüll und die Menge des Mülls, der nicht fachgerecht entsorgt wird.

Zerkleinert zu Mikroplastik sinkt er Richtung Meeresgrund, wird von Fischen und anderen Meerestieren aufgenommen - und kann so auch wieder auf unseren Tellern landen. Noch ist völlig ungeklärt, ob die winzigen Partikel für die menschliche Gesundheit gefährlich sind. Trotzdem fordern Wissenschaftler einen radikalen Wandel im Umgang mit Plastik.

Als Mikroplastik gelten winzige Partikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Sie entstehen zum einen, weil der Plastikmüll mit der Zeit im Wasser zerschrotet oder durch Wellen und UV-Strahlung zerkleinert wird. Die Partikel gelangen aber auch auf direktem Weg ins Meer: Feines Plastikgranulat wird häufig in Kosmetikprodukten wie Peelings, Duschgels oder Zahnpasta verwendet. Auch beim Waschen synthetischer Kleidung wird Mikroplastik freigesetzt.

Mikroplastik gefährdet winzige Lebewesen

Grafik Plastikpartikel sammeln Giftstoffe aus dem Wasser.
Plastikpartikel sammeln Giftstoffe aus dem Wasser.
"Mikroplastik ist mittlerweile überall angekommen, sei es in Fischen, Garnelen oder Zooplankton", sagt der Helgoländer Meeresbiologe Gunnar Gerdts. Das Umweltbundesamt warnt in seiner Studie: "Mikropartikel, deren Größe kleiner als fünf Millimeter ist, können genauso wie größere Kunststoffteile zu mechanischen Verletzungen des Verdauungstraktes führen, die Verdauung behindern sowie die Nahrungsaufnahme blockieren." Völlig ungeklärt sind dagegen noch die Auswirkungen für den Menschen, wenn er etwa mit Mikroplastik belastete Meeresfrüchte isst. "Wir wissen immer noch nicht, wie gefährlich das ist", sagt Gerdts. Bislang sei nur in Einzelfällen nachgewiesen worden, dass Mikroplastik in Fischen vom Darm ins Muskelgewebe übergeht. Ob in Fisch, wie er auf dem Teller landet, also überhaupt Mikroplastik enthalten ist, sei unklar. Es könne zudem sein, dass Mikroplastik auf ganz anderen Wegen zum Menschen gelange - etwa durch Feinstaub in der Luft. "Wir sind ja überall von Kunststoff umgeben", sagt Gerdts.

Zudem haben Forscher herausgefunden, dass Kläranlagen Mikroplastik kaum zurückhalten. Besonders Fasern wie von Fleecepullovern seien häufig im Wasser gefunden worden, erklärt Gerdts. Der Wissenschaftler bezeichnet die Studie allerdings als Momentaufnahme, der weitere Untersuchungen folgen müssten.

Für Gerdts ist klar: "Es ist besser, etwas gegen die Ursachen zu unternehmen und nicht erst, wenn das Mikroplastik im Gewässer ankommt." Zum einen müssten vermehrt Kunststoffe eingesetzt werden, die biologisch abbaubar sind. Zum anderen liege die Lösung in einem radikalen Wandel des Konsumverhaltens. "Da hilft es, das Gehirn einzuschalten und zu überlegen, was man im eigenen Handeln und Tun verändern kann - zum Beispiel im Supermarkt mal eine Plastiktüte weniger mitnehmen."

Expeditionen dokumentieren Müll in Weltmeeren

Forscher Egal, wohin Meeresbiologen reisen - der Plastikmüll ist schon da.
Egal, wohin Meeresbiologen reisen - der Plastikmüll ist schon da.
Vor allem unvergängliches Plastik verschmutzt die Gewässer, wie ein Bericht des UN-Umweltprogramms (Unep) und der Schutzorganisation "Ocean Conservancy" anklagt. Plastik, vor allem in Form von Tüten und PET-Flaschen, sei rund um den Globus der am weitesten verbreitete marine Müll und mache in manchen Meeren bis zu 80 Prozent aller Abfälle aus. Auch das Rauchen trägt demnach erheblich zur Verschmutzung der Meere bei. Mit mehr als 25 Millionen Stück stellten Zigarettenfilter und Zigaretten sogar den größten Anteil an den 103 Millionen Stück marinem Müll, die für die Untersuchung katalogisiert wurden.

Wie viel Müll insgesamt in den Ozeanen schwimmt, wurde schon in früheren Studien berechnet. Laut einer Studie, die im August 2014 veröffentlicht wurde, treiben allein 269.000 Tonnen Plastikmüll an der Wasseroberfläche.

Mediathek
VideoProblem Mikroplastik
Forscher prüfen, ob Mikroplastik in deutschen Flüssen und Seen in die menschliche Nahrung gelangen und gesundheitsgefährdend sein könnte.
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Nachbarland Schweiz
Zahlen und Informationen zum Umgang mit Kunststoffen vom Schweizer Bundesamt für Umwelt.
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Es geht auch ohne
Kann man heute weitgehend auf Plastik verzichten? Die Tippsammlung "Besser leben ohne Plastik" gibt Anregungen, wie erste Schritte in diese Richtung sogar Spaß machen können.
Glossar
Kunststoff
Fast alle Alltagsgegenstände bestehen zumindest teilweise aus Kunststoffen. Der am häufigsten hergestellte Kunststoff ist Polythen, das in Plastiktüten oder Mülltonnen steckt.
Literatur
Jambeck J et al (2015) Plastic waste inputs from land into the ocean. Science Vol 347 no 6223 768-771