Tambora heute
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Austretende vulkanische Gase zeigen, dass der Tambora nach wie vor sehr aktiv ist.
Der Vulkan, der den Sommer stahl
Der Ausbruch des Tambora hatte weitreichende Folgen
Der Geologe Ralf Gertisser wagt sich in den Kessel des Tambora, wo er die letzten Geheimnisse der gewaltigen Eruption von 1815 lüften will.
© ap
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Ausbruch mit verheerenden Folgen.
Hungertote, Auswanderung und Klimaveränderungen waren die Folgen des Ausbruch des Tambora. Das Jahr 1816 ging als "Jahr ohne Sommer" in die Geschichtsbücher ein. Unzählige Menschen in Europa verhungerten oder wanderten aus, weil auf den Feldern kaum etwas wuchs, die mageren Ernten im Dauerregen vermoderten und das Vieh verendete. Dass die Not auf eine weit verheerendere Katastrophe zurückging, ahnten die Menschen damals nicht: Auf der kleinen indonesischen Insel Sumbawa hatte der Vulkan Tambora Anfang April 1815 Dutzende Kubikkilometer Magma aus seinem Schlund geschleudert - der Ausbruch gilt als der größte von Menschen dokumentierte.

Noch auf der mehr als 2500 Kilometer entfernten Insel Sumatra sollen die Eruptionen zu hören gewesen sein, Tsunamis trafen auf die Inseln der Region, der Himmel verdunkelte sich für Tage. 10.000 Menschen sollen unmittelbar gestorben sein, 60.000 allein in der Region an den Folgen. "Ein solcher Ausbruch kommt nur alle 1000 Jahre vor", sagt der Potsdamer Geoforscher Thomas Walter. Der Vulkan, mit 4300 Metern einer der höchsten Gipfel des Archipels, fiel in sich zusammen - und misst nun noch 2900 Meter.

Es blieb nicht bei der regionalen Katastrophe. In Mitteleuropa und Nordostamerika hatte das Jahr 1816 gerade zum Frühling angesetzt, da kehrte der Schnee wegen der Schwefelverbindungen zurück, die das Wetter beeinflussten. Die Kälte blieb. In Regionen wie der Schweiz und Baden-Württemberg hörte es über Monate kaum mehr auf zu regnen oder zu schneien. Auf Tauwetter folgten extreme Hochwasser. Die Getreidepreise vervielfachten sich, Arme aßen Gras vor Hunger. Die schlimmste Hungersnot des 19. Jahrhunderts nahm ihren Lauf.

Die größte Katastrophe in der Menschheitsgeschichte war aber wohl ein anderer Ausbruch: "Das war wahrscheinlich die Eruption des Supervulkans Toba auf Sumatra vor 76.000 Jahren", erklärt Walter. "Er war um den Faktor 20 gewaltiger, über 2800 Kubikkilometer Asche sind dabei ausgeworfen worden." Nur wenige Tausend der Menschen damals überlebten die auf den Ausbruch folgenden dunklen Kältejahre, schlossen Wissenschaftler aus Erbgutanalysen.

Der Tambora in Zahlen

  • 3 Jahre währte die durch den Ausbruch ausgelöste Klimakatastrophe mit Hungersnöten, Dauerregen und ausbleibenden Sommern.
  • 20 Zentimeter große Bimsstein-Brocken gingen bei der Hauptexplosion am 10. April 1815 in der Umgebung nieder.
  • 32 Jahre nach dem Ausbruch des Tambora gelang dem schweizerischen Botaniker Heinrich Zollinger die Erstbesteigung des Tambora. Bei seiner Rückkehr feierten ihn die Einheimischen als Heiligen.
  • 43 Kilometer hoch sollen Gas und Asche in die Atmosphäre geschleudert worden sein.
  • 130 Tage regnete es 1816 in Genf. Das auf den Ausbruch folgende "Jahr ohne Sommer" ließ mit seinen Wassermassen die Ufer des Genfer Sees ansteigen, so dass er die Stadt überflutete.
  • 560 Quadratkilometer Land begruben die glühend heißen Magmaströme unter sich.
  • 1967 brach der Vulkan zum bisher letzten Mal aus, aber er ist weiter aktiv.
  • 2850 Meter hoch ist der Tambora. Vor der Explosion waren es über 4.000 Meter.
  • 100.000 Menschen sollen unmittelbar im Anschluss an den Ausbruch gestorben sein. Wer die Eruption überlebte, sah sich Wirbelwinden und Tsunamis gegenüber. Vulkanische Asche verunreinigte die Brunnen und förderte die Ausbreitung von tödlichen Krankheiten.
  • 170.000 Hiroshimabomben hätten Berechnungen zufolge eine ähnliche Sprengkraft entfaltet wie der Ausbruch des Tambora.

Kunst und Innovationen folgten auf den Ausbruch

Ausstellungsbild © dpa Der Tambora könnte an Frankensteins "Geburt" schuld sein.
Der Tambora könnte an Frankensteins "Geburt" schuld sein.
Bis 1817 habe es kaum Ernten gegeben, sagt Claus-Peter Hutter von der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg. "Die Menschen haben ihre Zugtiere geschlachtet und die Saatkartoffeln wieder ausgegraben in ihrer Not." Mit Gipspulver, Eichel- oder Sägemehl gestreckte Hungerbrötchen seien gebacken worden. Etliche Menschen wanderten in die USA aus. Gemälde aus jener Zeit, etwa von Caspar David Friedrich, zeigen glühend rote Sonnenuntergänge: Von Vulkanaerosolen werden nur die langwelligen, rötlichen Strahlen durchgelassen. Mary Shelley soll ihren Roman "Frankenstein" geschrieben haben, weil sie wegen des vielen Regens kaum das Haus in der Nähe des Genfersees verlassen konnte, in dem sie zu Gast war. Das "Jahr ohne Sommer" habe auch Gutes zur Folge gehabt, betont Hutter. "Es gab ein Feuerwerk an Innovationen."

König Wilhelm I. habe mit seiner Frau, der Zarentochter Katharina Pawlowna, eine landwirtschaftliche Hochschule gegründet - aus der später die Universität Hohenheim hervorging. Die Vorläufer der Sparkassen seien zu jener Zeit entstanden, bei denen die Bauern fortan einen Notgroschen deponieren konnten. "Und Wilhelm I. ließ 1818 eine Landwirtschaftsmesse ausrichten, eine Mischung aus Erntedankfest und Ausstellung an einem Tag, zu der 30.000 Menschen kamen", sagt Hutter. "Das war der Vorläufer des Cannstatter Wasen."

In der Nähe des Vesus "braut sich etwas zusammen"
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Unter den Phlegräischen Feldern braut sich was zusammen.
Ein Supervulkan vergleichbarer Größenordnung ist der Yellowstone-Komplex im US-Staat Wyoming. Weit sorgenvoller blicken Vulkanologen allerdings auf ein Vulkangebiet in Europa: die Phlegräischen Felder westlich des Vesuv. "Da braut sich was zusammen, aber ob und wann es letztlich zu einem Ausbruch kommt, kann niemand sagen", sagt Walter. Viel hänge davon ab, welche Jahreszeit gerade sei und welche Luftströme es gebe, erklärt der Meteorologe Volker Wulfmeyer von der Universität Hohenheim. Prinzipiell habe sich am Einfluss von Vulkanen bei allem Fortschritt wenig verändert, die Landwirtschaft werde in gleichem Maße beeinflusst wie einst - es gebe jedoch inzwischen weit mehr Menschen. "Wir können nun mal keine künstliche Sonne aufhängen."

Eine Trumpfkarte hält die Menschheit aber inzwischen in der Hand: "1816 gab es nicht mal eine Ahnung, wo das Ungemach herkam und erst recht keine Möglichkeit, zu reagieren", so Wulfmeyer. "Heute können wir die Klimawirkung eines Ausbruchs unmittelbar simulieren, uns auf die Folgen einrichten und in gewissem Maße sogar gegensteuern." Lasse sich aus der Größe der Eruption und den Luftströmungen zum Beispiel ablesen, dass Nordeuropa besonders betroffen sein wird, könnten die Landwirte auf andere Feldfrüchte ausweichen. "Es könnte zum Beispiel Winter- statt Sommerweizen gepflanzt werden, der Kälte und Dunkelheit besser vertragen kann."

Zwei Millionen Menschen leben im Einflussgebiet der Phlegräischen Felder. "Und eine Evakuierung in sehr kurzer Zeit ist dort unmöglich, da wäre mindestens eine Woche nötig", schätzt Walter. Wie beim Ausbruch des Vesuv drohen Wolken aus Gas, Gestein und Asche, die mehrere Hundert Grad heiß sind und die Hänge hinabrasen. Man spricht von pyroklastischen Strömen. Die Folgen für andere Regionen ließen sich nicht vorhersagen - global seien sie aber in jedem Fall.

Glossar
Der Pazifische Feuerring
90 Prozent der weltweit 1500 aktiven Vulkane sind Teil des Pazifischen Feuerrings und auch 90 Prozent der Erdbeben weltweit ereignen sich innerhalb des Feuerrings.
Leben auf dem Vulkan
Fruchtbares Verhängnis
Vulkane prägen seit Urzeiten das Gesicht unseres Planeten. Fruchtbare Asche und Lava aus ihren Schloten sind der Menschheit aber auch immer wieder zum Verhängnis geworden.
Vulkanausbruch in Tonga
Eine Insel ist geboren
Durch einen Vulkanausbruch im Königreich Tonga ist im Südpazifik eine neue Insel entstanden. Sie sei 1,8 Kilometer mal 1,5 Kilometer groß und ragt 100 Meter aus dem Wasser.
Surtsey ergrünt
Das Leben fasst Fuß
Es dauerte lange, bis Leben auf der Vulkaninsel Surtsey Fuß fasste, die 1963 aus dem Meer erschien. Strandmiere, Meersenf und Strandgerste eroberten das Land.