Ingolf Baur und John Zaia
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Ingolf Baur trifft John Zaia, der mit Crispr / Cas gegen HIV kämpft.
Der perfekte Mensch
Gene sind nicht länger naturgegebenes Schicksal
Ingolf Baur auf Spurensuche in den USA: Wann wird es das erste geneditierte Baby geben? Crispr / Cas9 macht menschliche Gene zu Rohstoffen.

Der Genetiker George Church hofft,  mit Crispr / Cas das Altern aufzuhalten
Der Genetiker George Church hofft, mit Crispr / Cas das Altern aufzuhalten
Crispr / Cas9 gilt als der wissenschaftliche Durchbruch des Jahres 2015: Das erst wenige Jahre alte Verfahren ermöglicht es, das Erbgut sämtlicher Organismen - also auch des Menschen - zu verändern. Das weckt Hoffnungen - und schürt Ängste vor Missbrauch. Denn die damit möglichen Keimbahn-Manipulationen sind hoch umstritten: Ein geneditierter Mensch gäbe seine veränderte DNA an seine Nachfahren weiter. Noch ist vollkommen unklar, welche Konsequenzen das nach sich ziehen könnte. Ethiker und Teile der Forschergemeinde haben deshalb große Bedenken und sagen: Stopp.

Wo wird das erste "Crispr-Baby" geboren?
Biohacker Josiah Zayner findet, jeder sollte geneditieren können
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In der neuen Technologie stecken ungeahnte Chancen und Risiken. Die Heilung von HIV oder Krebs scheint greifbar. Die Gentherapie, die in der Vergangenheit mit riskanten viralen Vektoren meist scheiterte, könnte mit Crispr / Cas einen Schub erleben.Und es scheint nur eine Frage der Zeit, bis das erste geneditierte Baby geboren wird. Im März 2015 präsentierten chinesische Forscher im Fachblatt "Protein & Cell" eine viel kritisierte Studie, der zufolge sie mit Crispr / Cas9 einen, allerdings nicht lebensfähigen Embryo genetisch manipuliert haben. Für viele Wissenschaftler war dieses Experiment ein Tabu-Bruch. Inzwischen haben chinesische Wissenschaftler ein zweites Experiment an menschlichen Embryos veröffentlicht. Im Fach-Magazin Nature ging Autorin Heidi Ledford im Oktober 2015 der Frage nach, wo auf der Welt zuerst ein "Crispr-Baby" geboren werden könnte.

Elizabeth Parrish will 45 bleiben: Viren sollen dafür ihre DNA  verändern
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"Die Konsequenzen sind im Grunde nicht absehbar. Wir wollen doch nicht mit Embryonen experimentieren. Das wäre furchtbar", so Jörg Hacker, Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Zu viele wissenschaftliche Fragen seien noch offen. Hacker spricht sich, wie viele seiner deutschen Kollegen, für ein weltweites Moratorium aus, bis die Folgen solcher Eingriffe besser erforscht sind. Auch viele US-amerikanische Experten - wenn auch nicht alle - sind dafür. In Deutschland sind sie ohnehin bereits untersagt. Allerdings ist das Verbot nicht mit der Menschenwürde begründet, wie der Jurist und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Jochen Taupitz erklärt: "Der Gesetzgeber bezieht sich ausschließlich auf das Misserfolgsrisiko. Also darauf, dass man nicht weiß, was man anrichtet bei den zukünftigen Kindern." Sollte mit Crispr / Cas9 irgendwann eine sehr genaue Manipulation möglich sein, müssten neue Argumente gefunden oder das Verbot aufgehoben werden.

In der Debatte um Gentherapien wird unterschieden zwischen der Therapie von Krankheiten bzw. der Beseitigung vermuteter Ursachen von Behinderungen und dem "Genetischen Enhancement", dem Verbessern körperlicher Fähigkeiten gesunder Menschen. Die Trennung zwischen diesen Bereichen ist unscharf.

Genetisches Optimieren gesunder Menschen
So rücken nach und nach auch mögliche Eingriffe ins Erbgut zur "Optimierung" gesunder Menschen ins Blickfeld. Diese seien nach deutschem Recht zulässig, sobald die Forschung dafür sichere Wege biete, zeigte die Juristin Lioba Welling in ihrer Studie zu Genetischem Enhancement. Ein Verbot des genetischen "Verbesserns" sei im neutralen Rechtsstaat juristisch nicht zu begründen, da das Verfahren keine Grundrechte verletze. Die Medizin könne solche Wünsche zwar noch nicht erfüllen, doch dürfte sich die Forschung so schnell entwickeln wie in der Gentherapie, die bis zum ersten Medikament 15 Jahre gebraucht habe, so die Autorin der Studie unter Leitung des Rechtsphilosophen Thomas Gutmann aus dem Forschungsverbund "Religion und Politik" der Uni Münster. "Darauf sollte die Gesellschaft politisch, ethisch und rechtlich vorbereitet sein."

Hinter dem Wunsch nach genetischen Verbesserungen stehen laut Welling ähnliche Motive wie bei Schönheitsoperationen, Doping oder hohen Bildungsinvestitionen. Sobald die Medizin garantieren könne, dass das Einfügen der erwünschten Gensequenzen ins Genom nicht zu Behinderungen oder Krankheiten führe, müssten aktuelle Rechtsnormen überdacht werden, so die Wissenschaftlerin. Sollte sich die Gesellschaft aus politischen oder ethischen Gründen für ein Gesetzesverbot entscheiden, könnten dafür aber keine religiösen Argumente herangezogen werden, so Welling. Dazu zähle etwa, dass das Erbgut unantastbar oder der Mensch nicht Schöpfer seiner selbst sei. Der neutrale Rechtsstaat müsse sich aus dem Streit um die Weltanschauung heraushalten.

Die Gesellschaft muss die Debatte aufgreifen
Im Streit um Chancen und Gefahren gentechnischer Eingriffe in den menschlichen Organismus hat der Berliner Molekularbiologe Jens Reich dazu aufgefordert, einem möglichen Missbrauch durch Kontrollen vorzubeugen. Die neuen gentechnischen Methoden rückten die Aussichten auf Heilung schwerer Erbkrankheiten in den Bereich der Möglichkeiten. Wenn dies gelinge, dann stünde die Welt vor einem neuen Zeitalter, so Reich. Die gegenwärtige Generation müsse entscheiden, "ob der Weg in das Design der menschlichen Konstitution überhaupt eingeschlagen werden soll".

Sendedaten
nano spezial "Der perfekte Mensch" am 6. Januar 2017 um 14.15 Uhr in 3sat, in der Mediathek und in zahlreichen Wiederholungen. (Erstausstrahlung Donnerstag, 14. April 2016)
Thementag
Zukunfts Visionen
An Heilige Drei Könige wirft 3sat einen Blick in die Zukunft und sendet einen Tag lang hochwertige und spannende Dokumentationen sowie Science-Fiction-Klassiker.
Glossar
Genome Editing
"Genome Editing" ist eine Sammelbezeichnung für molekularbiologische Verfahren, mit denen gezielt Mutationen im Erbgut herbeigeführt werden.
Wachstumsmarkt Genome Editing
Patente & Lizenzen
Noch sind geneditierte Organismen kaum in der Praxis angekommen. Doch etablieren sich viele Startups, um die Forschung anzukurbeln.
Wissenschaftsdoku
Neue Hoffnung in der Medizin
Ein neues biotechnisches Werkzeug, die Genschere CRISPR, revolutioniert die Gentechnik. Und beflügelt die Hoffnung, dass lange ersehnte Gentherapien nun endlich zur Anwendung kommen.
Mediathek: Gene Editing
VideoDie Konkurrenz war schneller
Kaum jemand kennt Virginijus Siksnys - er entdeckte die Genschere zeitgleich mit anderen Forschern. Dafür erhielt er nun eine Auszeichnung.
Glossar
Crispr/Cas9
Crispr/Cas9 schaltet Gene aus, verändert oder ersetzt sie durch andere Gene. Jeder zelluläre Bauplan kann mit dieser Genschere überarbeitet werden, auch die menschliche Keimbahn.
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