Demonstrant mit Plakat © dpa
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In Deutschland hatten die Forderungen nach einer "dritten Option" Erfolg.
Zwitter und Intersexualität
Nicht immer ist das Geschlecht klar bestimmbar
Unter 5000 Neugeborenen ist eines, dessen Geschlecht nicht klar erkennbar ist. Mediziner sprechen von einem sehr komplexen Phänomen.
Aktuell: Grünes Licht für dritte Geschlechtsoption "divers"
Der deutsche Bundestag hat die Einführung einer dritten Geschlechtsoption beschlossen. Neben "männlich" und "weiblich" ist im Geburtenregister künftig auch die Option "divers" für intersexuelle Menschen möglich. Mit dem Beschluss vom späten Donnerstagabend setzt das Parlament eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem vergangenen Jahr um. Die bisherige Pflicht, einen Menschen dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen, wurde darin als Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht und das Diskriminierungsverbot gewertet.

Die Reformpläne der großen Koalition standen allerdings von Anfang an in der Kritik, weil eine Änderung im Geburtenregister auf Drängen der Union an die Vorlage eines ärztlichen Attests geknüpft wird. Diese Regelung wurde in den Ausschussberatungen nur leicht abgeschwächt. Danach soll nun in wenigen Ausnahmefällen auch eine eidesstattliche Versicherung der Betroffenen ausreichend sein.

Bei intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale - wie etwa Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane - zweifelsfrei dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Der medizinische Fachbegriff lautet "Disorders of sex development" (Störungen der Geschlechtsentwicklung, DSD). Genetisch lassen sich mehrere Ursachen ausmachen:

  • Genetisch männlich, physiologisch weiblich: Menschen mit kompletter Androgeninsensitivität (CAIS) haben einen XY-Chromosomensatz und bilden im Embryonalstadium Hoden aus. Die körpereigenen Rezeptoren reagieren aber nicht auf die ausgeschütteten Androgene, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt.
  • Merkmale beider Geschlechter prägen sich beispielsweise aus, wenn in einem genetisch männlichen Fetus ein zusätzliches, zweites X-Chromosom vorkommt (XXY).
  • Genetisch weiblich, physiologisch männliche Merkmale: Die Nebenniere produziert durch eine Mutation auf dem Chromosom VI ungewöhnlich viele männliche Hormone. Es entstehen dann weibliche Geschlechtsorgane mit männlichen Merkmalen wie einer vergrößerten Klitoris. Das nennt man Androgenitales Syndrom (AGS).

Leitlinien fordern Zurückhaltung bei medizinischen Eingriffen
Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter durchzuführen war. Selbsthilfeverbände wie der Verein "Intersexuelle Menschen" verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung.

Mittlerweile empfehlen Leitlinien, beispielsweise von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, größte Zurückhaltung bei der Behandlung und eine Einbeziehung der Kinder. Umstritten ist aber, inwiefern eine Entfernung von im Bauchraum liegenden Hoden wegen eines höheren Krebsrisikos nötig ist. Analysen zufolge variiert das Risiko je nach Form der Intersexualität.

Intersexualität ist etwas anderes Transsexualität oder Transvestiten. Transsexuelle haben eindeutige Geschlechtsmerkmale, wollen aber ihr Geschlecht ändern. Transvestiten fühlen sich in der Kleidung des anderen Geschlechts wohl.

nano spezial vom 17.08.2017
Mann, Frau - egal
Ingolf Baur geht auf Spurensuche. Er will wissen, warum wir uns als männlich oder weiblich definieren, denn unsere Geschlechtsidentität beruht nicht nur auf Chromosomen.
Glossar
Transsexualität
Transsexualität bezeichnet das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht auf die Welt gekommen zu sein. Betroffene fühlen sich dem anderen Geschlecht zugehörig.
Glossar
Chromosomen
Die Erbinformation DNA liegt bei höheren Zellen mit echtem Zellkern, den Eukaryonten, in Form von Chromosomen vor.