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In Zukunft soll ein dritter Geschlechtseintrag möglich sein.
Zwitter und Intersexualität
Nicht immer ist das Geschlecht klar bestimmbar
Unter 5000 Neugeborenen ist eines, dessen Geschlecht nicht klar erkennbar ist. Mediziner sprechen von einem sehr komplexen Phänomen.
Aktuell: Bundesverfassungsgericht beschließt dritten Geschlechtseintrag
Neben "männlich" und "weiblich" muss künftig ein dritter Geschlechtseintrag im Geburtenregister möglich sein, wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe am 8. November 2017 im Beschluss des Ersten Senats entschied. Alternativ könnte der Gesetzgeber ganz auf einen Geschlechtseintrag verzichten. Im Geburtenregister gibt es bislang nur die beiden Geschlechter - oder die Angabe bleibt offen. Das Bundesverfassungsgericht sieht darin einen Verstoß gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht und gegen das Verbot der Benachteiligung wegen des Geschlechts.
Die als Frau geführte Klägerin möchte als "inter/divers" in das Geburtenregister eingetragen werden. Das Bundesverfassungsgericht setzt dem Gesetzgeber eine Frist bis Ende 2018 für eine verfassungsgemäße Neuregelung. Seit 2013 besteht die gesetzliche Möglichkeit, die Eintragung im Geburtenregister offen zu lassen, wenn das Geschlecht eines Neugeborenen nicht eindeutig ist.

Bei intersexuellen Menschen sind nicht alle geschlechtsbestimmenden Merkmale - wie etwa Chromosomen, Hormone, Keimdrüsen oder äußere Geschlechtsorgane - zweifelsfrei dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Der medizinische Fachbegriff lautet "Disorders of sex development" (Störungen der Geschlechtsentwicklung, DSD). Genetisch lassen sich mehrere Ursachen ausmachen:

  • Genetisch männlich, physiologisch weiblich: Menschen mit kompletter Androgeninsensitivität (CAIS) haben einen XY-Chromosomensatz und bilden im Embryonalstadium Hoden aus. Die körpereigenen Rezeptoren reagieren aber nicht auf die ausgeschütteten Androgene, weshalb sich der Körper äußerlich weiblich entwickelt.
  • Merkmale beider Geschlechter prägen sich beispielsweise aus, wenn in einem genetisch männlichen Fetus ein zusätzliches, zweites X-Chromosom vorkommt (XXY).
  • Genetisch weiblich, physiologisch männliche Merkmale: Die Nebenniere produziert durch eine Mutation auf dem Chromosom VI ungewöhnlich viele männliche Hormone. Es entstehen dann weibliche Geschlechtsorgane mit männlichen Merkmalen wie einer vergrößerten Klitoris. Das nennt man Androgenitales Syndrom (AGS).

Leitlinien fordern Zurückhaltung bei medizinischen Eingriffen
Lange versuchten Ärzte, intersexuelle Kinder nach den medizinischen Möglichkeiten einem Geschlecht zuzuordnen - meist dem weiblichen, weil dies operativ leichter herzustellen schien. Selbsthilfeverbände wie der Verein "Intersexuelle Menschen" verurteilen diese Eingriffe heute als Menschenrechtsverletzung.

Mittlerweile empfehlen neue Leitlinien, beispielsweise von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, größte Zurückhaltung bei der Behandlung und eine Einbeziehung der Kinder. Umstritten ist aber, inwiefern eine Entfernung von im Bauchraum liegenden Hoden wegen eines höheren Krebsrisikos nötig ist. Analysen zufolge variiert das Risiko je nach Form der Intersexualität.

Intersexualität hat nichts zu tun mit Transsexualität oder Transvestiten. Transsexuelle haben eindeutige Geschlechtsmerkmale, wollen aber ihr Geschlecht ändern. Transvestiten fühlen sich in der Kleidung des anderen Geschlechts wohl.

nano spezial vom 17.08.2017
Mann, Frau - egal
Ingolf Baur geht auf Spurensuche. Er will wissen, warum wir uns als männlich oder weiblich definieren, denn unsere Geschlechtsidentität beruht nicht nur auf Chromosomen.
Glossar
Chromosomen
Die Erbinformation DNA liegt bei höheren Zellen mit echtem Zellkern, den Eukaryonten, in Form von Chromosomen vor.