Symbolbild Erinnerungen
Das Gehirn verarbeitet und speichert Informationen - doch wie, daran wird noch geforscht.
Das Gehirn verarbeitet und speichert Informationen - doch wie, daran wird noch geforscht.
Das Gedächtnis
Erinnerungen an Erlebtes aktivieren die Sinnesbereiche im Gehirn
Bei Erinnerungen an Erlebtes sind im Gehirn zum großen Teil dieselben Areale aktiv wie beim Abspeichern dieser Erlebnisse - so der Sehsinn für visuelle Erinnerungen.
Jede episodische Erinnerung ist einzigartig und an einen bestimmten Ort und Zeitpunkt gebunden. Im Erinnerungsprozess werden die Sinnesinformationen reaktiviert - und das überraschend schnell: bereits nach 100 bis 200 Millisekunden. Zuvor gingen Hirnforscher davon aus, dass Erinnerungen aus dem Hippocampus abgerufen werden müssen.

Doch gerade die frühen Prozesse seien entscheidend für das erfolgreiche Erinnern an ein Geschehen, fanden Forscher zudem heraus. Im Unterschied dazu speichert das semantische Gedächtnis Fakten wie den, dass Paris die Hauptstadt von Frankreich ist.

Das Gehirn speichert Informationen schrittweise
Grafik des Gehirns
BeitragBeitrag
Unterschiedliche Gehirnareale sind für verschiedene Erinnerungen zuständig.
"Die Erinnerung ist in mehrere Stufen unterteilt und wird im mittleren Temporallappen seriell verarbeitet", schildert Guillen Fernandez von der Universität Bonn. Während das Langzeitgedächtnis Erinnerungen dauerhaft speichert - wahrscheinlich durch Änderung der "Verkabelung" zwischen den Nervenzellen -, ist der Inhalt des Kurzzeitgedächtnisses flüchtig, erläutert der Bonner Hirnforscher Dr. Nikolai Axmacher. Er besteht aus elektrischen Erregungsmustern, die für eine Zeitspanne von wenigen Sekunden bis Minuten aufrecht erhalten werden. Sobald die Erregung abklingt, ist die Erinnerung gelöscht.

Der Hippocampus filtert die Eindrücke aus dem Kurzzeitgedächtnis und entscheidet, an was wir uns längerfristig erinnern. Die elektrische Aktivität im Hippocampus ändert sich zyklisch - der Hippocampus "schwingt". Und das gleichzeitig in verschiedenen Frequenzen; Hirnforscher sprechen auch von "Bändern". Das Theta-Band schwingt nur mit vier bis acht Hertz - deutlich langsamer als das Gamma-Band, das auf 25 bis 100 Hertz kommt.

Hirnforscher unterscheiden verschiedene Formen der Langzeiterinnerungen:

  • Das prozedurale Gedächtnis im Neocortex speichert Bewegungsabläufe. Es funktioniert unbewusst.
  • Das perzeptuelle Gedächnis im Großhirn ist für Muster zuständig.
  • Der polymodale Cortex der linken Großhirnrinde speichert Fakten. Hier sitzen auch die Sprachzentren. Bleibt ein Wort im Gedächtnis, so wird drei Zehntelsekunden nach dem Lesen der rhinale Cortex aktiv, ein früher als "Riechhirn" bezeichneter Teil des mittleren Schläfenlappens. Fünf Zehntelsekunden nach dem Lesen zeigte sich eine elektrische Aktivität im Hippocampus, der "Seepferdchenstruktur" des Gehirns.
  • Erinnerungen legen wir im autobiografischen Gedächtnis ab, an dem mehrere Gehirnareale beteiligt sind, darunter die frontalen und temporalen Areale der rechten Gehirnhälfte

Das Langzeitgedächtnis entwickelt sich erst im Verlauf des zweiten Lebensjahrs, so Conor Liston und Jerome Kagan von der US-amerikanischen Harvard-Universität. Vorher können sich Kleinkinder nur sehr schlecht an länger zurückliegende Ereignisse erinnern. Sechs Monate alte Babys behalten Erlebnisse lediglich 24 Stunden im Gedächtnis, mit neun Monaten steigt das Erinnerungsvermögen schon auf einen Monat.

Nach Ansicht der Wissenschaftler ist die Ausbildung des Langzeitgedächtnisses eng an die Entwicklung des Gehirns gekoppelt. Der Frontallappen im Gehirn, der für das Speichern und Abrufen von Erinnerungen zuständig ist, entwickelt sich zwar bereits gegen Ende des ersten Lebensjahrs, vollständig reift er aber erst im Verlauf des zweiten Lebensjahrs aus. Damit nimmt auch die Fähigkeit zu, sich über längere Zeiträume an bestimmte Ereignisse zu erinnern, berichten die Wissenschaftler.

Wissenschaftsdoku
Das getäuschte Gedächtnis
Erinnerungen können trügen. Psychologen und Kriminologen wissen: Auf Augenzeugen ist wenig Verlass, auch wenn die in bester Absicht handeln.
Literatur
Fernández G et al (1999) Real-Time Tracking of Memory Formation in the Human Rhinal Cortex and Hippocampus. Science 285: 1582-1585
mehr zum Thema