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kaputte Fenster in einem verfallenem Gebäude © mev Lupe
Kaputte Fenster und verfallene Gebäude sollen zu mehr Kriminalität führen
Die "Broken Windows"-Theorie
Verfall und Kriminalität: Umstrittene Theorie
Anzeichen des städtischen Verfalls könnten eine Abwärtsspirale in Gang setzen und den Boden für Verbrechen bereiten.
So lautet die Kernthese der Broken-Windows-Theorie. Sie wurde vor über 30 Jahren in den USA veröffentlicht. Das Bild eines zerbrochenen Fensters diente als Symbol für den physischen und moralischen Verfall eines Stadtviertels. In den 1990er Jahren diente die Broken-Windows-Theorie als Vorlage für das Einführen einer Null-Toleranz-Politik der New Yorker Polizei. Kleine Vergehen wie Schwarzfahren, Betteln oder Falschparken werden seitdem streng verfolgt. Der Zusammenhang zwischen Verwahrlosung des sozialen Raumes und Kriminalität ist heute aber umstritten.

2008 konnten niederländische Sozialpsychologen bei Feldversuchen zwar Verhaltensmuster aufzeigen, die eine Abwärtsspirale in Stadtvierteln skizzieren. In einer Gasse in der Nähe einer Groninger Einkaufsstraße hatten die Forscher geparkte Fahrräder mit Werbeflyern versehen und beobachtet, wie viele der Zettel auf dem Boden landeten. Waren die Wände sauber, warf nur jeder dritte Radfahrer den Zettel auf die Straße. Waren sie mit einfachen Graffiti beschmiert, waren es mit 69 Prozent mehr als doppelt so viele. In einem zweiten Experiment konnten die Forscher nachweisen, dass Graffiti und Müll in der Umgebung Passanten eher dazu verleiten, zu stehlen. Die im Fachmagazin "Science" veröffentlichte Studie gilt als bester empirischer Beleg für die Broken-Windows-Theorie.

Verwahrlosung bringt Bürger in Versuchung
In Anlehnung an die Keizer'schen Versuche haben deutsche Soziologen die Experimente in München nachgestellt. Die 2015 veröffentlichten Ergebnisse belegen, dass auch die Münchener Passanten eher dazu neigten, die Werbeflyer auf den Boden zu werfen, wenn dort bereits Müll lag. Die Bereitschaft, bei Rot die Ampel zu überqueren stieg bei beobachtbaren Normbrüchen anderer Passanten ebenfalls. Solche Nachahmeffekte zeigten sich bei den Feldversuchen vor allem in sozial stärkeren Stadtvierteln. Die Broken-Windows-Theorie scheint also dort besonders gut zu funktionieren, wo eine Verbrechensprävention am wenigsten benötigt wird.

In einem weiteren Versuch untersuchten die Soziologen, ob eine verwahrloste Umgebung Passanten dazu verleitet, nicht nur kleinere Regelverstöße zu begehen, sondern kriminell zu werden. Hierfür platzierten die Forscher vor Briefkästen frankierte und adressierte Briefumschläge, durch deren Fenster man einen 5-, 10- oder 100-Euro-Geldschein sehen konnte. "Es zeigt sich, dass sich die Passanten - sobald es wirklich um eine höhere Summe geht - nicht mehr von schwachen Umweltreizen leiten lassen", erklärt der Soziologe Prof. Tobias Wolbring. "Ob die Gegend verwahrlost ist oder nicht: Die Zahl derer, die den 100-Euro-Brief stehlen, verändert sich nicht."

"Null-Toleranz-Politik erscheint fragwürdig"
Die Beobachtungen der Wissenschaftler legen also nahe, dass zerbrochene Fensterscheiben oder das Herumliegen von Müll zwar weitere, kleinere Regelverstöße provozieren können, aber nicht zwangsläufig zu kriminellen Handlungen wie Diebstahl, Raub oder Mord führen. Eine Abwärtsspirale, wie in der Broken-Windows-Theorie prognostiziert, lasse sich daher wissenschaftlich nicht belegen, so der Forscher. "Der Ansatz der Polizei, vor allem in so genannten 'Problemvierteln‘ bereits kleinste 'Vergehen hart zu bestrafen, erscheinen mir vor dem Hintergrund unserer Ergebnisse zumindest fragwürdig", sagt Wolbring.

Prävention durch Architektur
Subjektive Sicherheit
Einfache städtebauliche Maßnahmen helfen, damit Bürger sich in ihren Stadtvierteln sicher fühlen. Ein Forschungsprojekt hat Ansätze dafür entwickelt.
Literatur
Wilson, J.Q. & Kelling, G.L. (1982) The police and neighborhood safety: Broken Windows. Wiederveröffentlichung am 03.09.2007 in "The Atlantic"