Grafik © colourbox
Pro Generation gehen im Schnitt sieben IQ-Punkte verloren.
Pro Generation gehen im Schnitt sieben IQ-Punkte verloren.
Werden wir immer dümmer?
Seit 1975 sinkt der durchschnittliche Intelligenzquotient
Eine aktuelle Studie zeigt einen Abwärtstrend des menschlichen IQs. Aber warum ist das so?
Der Flynn-Effekt bezeichnet den Umstand, dass die Ergebnisse von IQ-Tests im 20. Jahrhundert lange Zeit anstiegen - die gemessene Intelligenz in der Gesellschaft also zunahm. Ein Effekt, der vom neuseeländischen Politologen James R. Flynn erstmalig systematisch untersucht worden war. Die Wissenschaft diskutiert bis heute, was die verantwortlichen Faktoren für diesen Trend waren. Als wichtigste Einflussgrößen gelten Veränderungen bei der Bildung und bei der Ernährung, aber auch genetische Faktoren werden in Erwägung gezogen.

Seit 1975 geht's bergab
Schon länger zeichnete sich eine Stagnation bzw. Umkehr dieses Trends ab. Norwegische Forscher haben nun die Daten von männlichen Rekruten der Geburtsjahrgänge 1962 bis 1994 ausgewertet. Tatsächlich spiegelte sich der globale Abwärtstrend auch in dieser Gruppe. Insgesamt werteten sie 730.000 Testergebnisse aus und stellten fest, dass pro Generation im Durchschnitt 7 Punkte verloren gehen.

So umstritten die Ursachen für den Flynn-Effekt sind, so verschieden sind jetzt die Erklärungsansätze für einen möglichen Rückgang der Intelligenz. Die neuen Erkenntnisse werfen letztlich wieder die Grundsatzfrage danach auf, ob unsere Intelligenz wesentlich durch die Gene oder durch Umweltfaktoren bestimmt wird. In einer Umfrage unter möglichen Ursachen nannten Wissenschaftler auch unter der Rubrik "Erbanlagen" diffuse Faktoren wie Migrationsfolgen oder die höhere Kinderanzahl von "bildungsfernen Schichten". Erklärungsansätze, in denen politischer Sprengstoff steckt und die im Einzelnen ohnehin keine reinen genetischen Faktoren, sondern ebenfalls durch Umweltfaktoren beeinflusst sind.

Ist Intelligenz nun angeboren oder erlernt?
Die Forscher haben verschiedene Hypothesen nun auf Basis des ihnen vorliegenden Datenmaterials über die norwegischen Rekruten überprüft und ihre Ergebnisse im Fachmagazin "PNAS" veröffentlicht: Bei der untersuchten Gruppe zeigten sich auch die international beobachteten Effekte. Anhand der weiteren Informationen, die die Wissenschaftler über diese sehr große Gruppe von Menschen hatten, konnten sie bestimmte Faktoren allerdings auch ausschließen. Insbesondere die Genetik spielt danach eine sehr untergeordnete Rolle, das zeigten systematische Vergleiche innerhalb und zwischen Familien. Vielmehr sind es Faktoren wie veränderte Mediennutzung oder Veränderungen im Schulsystem, auf die sie nun für weitere Untersuchungen verweisen.

Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst
Eine einfache Antwort auf die Frage, warum wir möglicherweise immer "dümmer" werden, gibt es also nicht. Und - wenn man dem Politologen Flynn selbst folgt - kann es die auch gar nicht geben: "Offensichtlich sagt der IQ wenig über die Intelligenz eines Menschen aus", meinte der neuseeländische Intelligenzforscher 2012. Noch vor hundert Jahren habe der Durchschnittswert bei 70 gelegen, sagte Flynn. Das entspreche derzeit der Grenze zur geistigen Behinderung. Die Vorfahren seien dabei aber keineswegs weniger intelligent gewesen, betonte Flynn. Vielmehr hätten sie rein praktisch gedacht, während nun abstrakte Denk-Kategorien im Alltag eine immer größere Rolle spielten.

Literatur
Glossar
Die Intelligenz, ihre Formen und Tests
Für Intelligenz (lateinisch "intellegentia": Erkennungsvermögen, Verstand) gibt es eine Vielzahl verschiedener Definitionen.
Utopien 2.0
Update für den IQ
Selektion auf Intelligenz könnte technisch bald möglich sein. Ingolf Baur begegnet wichtigen Forschern auf diesem Feld.