Archivbild, "Republik freies Wendland" © dpa
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Der Traum von der "Republik freies Wendland" währte nicht einmal einen Sommer.
Kurz-Zeitreise
"Republik Freies Wendland": Archäologie der Anti-Atom-Bewegung
Atomkraftgegner bauen 1980 bei Gorleben ein Hüttendorf, sie rufen eine eigene Republik aus. Nicht lange her, doch sind die Überreste bereits ein Thema für die Archäologie.
Der Archäologe Attila Dézsi auf Spurensuche. © dpa
Die Atomkraftgegnerin Gabi Haas (l.) und Attila Dezsi bei ihrer Feldforschung. © dpa
Die "Republik freies Wendland" hat einiges an Aktenbergen hinterlassen. © dpa

"Es ist ein wichtiger Ort der Demokratie-Geschichte der Bundesrepublik", erklärt der Archäologe Attila Dézsi, der seine Doktorarbeit darüber schreiben will. Er bekam dafür ein zweijähriges Stipendium der Universität Hamburg. Der Ort sei bedeutsam auch für die Wende in der Energiepolitik, betonte Dézsi. "Das ist kulturelles Erbe der Menschen." Die "zeitgeschichtliche Archäologie" gebe es hierzulande erst seit zehn Jahren.

Lange war Gorleben die einzige Option zur dauerhaften Lagerung von hoch radioaktivem Atommüll. Am 22. Februar 1977 hatte der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) den Salzstock als mögliches Endlager vorgeschlagen. Ein ganzes nukleares Entsorgungszentrum sollte an der damaligen innerdeutschen Grenze entstehen. Viele Lokalpolitiker in Lüchow-Dannenberg waren damals für das Projekt, dem strukturschwachen "Zonenrandgebiet" winkten Jobs und eine sprudelnde Steuerquelle.

Doch die Pläne stießen auf den erbitterten Widerstand von Atomkraftgegnern - bis heute ist Gorleben der Symbolort der Anti-Atom-Bewegung. Noch im Frühjahr 1977 gibt es eine erste große Demonstration bei Gorleben, am 3. Mai 1980 rufen sie ihre Republik aus - "Atomkraft? Nein danke".

Frauenhaus, Friseur, Gemeinschaftsküche und auch eine Sauna
"Gorleben soll leben" auf Hausfassade © dpa Die Republik hielt sich nicht lange.
Die Republik hielt sich nicht lange.
Darauf gründeten Atomkraftgegner die "Republik Freies Wendland". Die Aktivisten hatten das Hüttendorf aus Protest im Mai 1980 in der Nähe von Gorleben im Landkreis Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen errichtet. "Bei der Besetzung waren wir rund tausend, niemand weiß es mehr so genau", erinnert sich Gabi Haas, Atomkraftgegnerin der ersten Stunde. "Wir hatten ein Frauenhaus, einen Friseur, eine Gemeinschaftsküche, eine Krankenstation, eine Sauna, eine Mülldeponie und eine Passstelle." Bioprodukte habe es im Dorf gegeben, Strom nur aus Solarzellen und Windenergie. "Außerdem hatten wir ein reichhaltiges kulturelles Programm mit Musik und Dichterlesungen, auch Wolf Biermann war da", sagt sie. "Es gab ganz biedere Besucher, die haben sich das am Wochenende angeschaut." Auch der spätere SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder als Juso-Vorsitzender kam.

Wo einst die "Republik Freies Wendland" stand, wächst heute Heidekraut
Polizeieinsatz © dpa Einer der größten Einsätze der deutschen Geschichte.
Einer der größten Einsätze der deutschen Geschichte.
Nach 33 Tagen kam das Ende für die "Republik Freies Wendland". Mehrere tausend Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte räumten am 4. Juni 1980 das Dorf, die Bagger und Planierraupen rollen. "Bei der Räumung waren wir etwa zweitausend Menschen", sagt Gabi Haas. Es war einer der größten Polizeieinsätze der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte - später kamen noch größere, wenn die Castor-Transporte mit ihrer strahlenden Fracht ins Zwischenlager Gorleben rollten. Wo einst die "Republik Freies Wendland" stand, wächst heute Heidekraut. Drumherum ist dichter Kiefernwald, nur eine kleine Senke verrät, wo 1980 das Bohrloch 1004 war. Die gewaltige Lichtung zwei Kilometer südlich der seit Jahrzehnten umstrittenen Anlagen von Gorleben ganz im Nordosten Niedersachsens ist nicht einfach zu finden.

"Vom Gefühl her könnte das hier so gewesen sein", sagt Haas. "Ich war vom ersten bis zum letzten Tag dabei", sagt sie über die Ereignisse von 1980. "Das ist Teil meiner Identität." Dézsi "könnte mein Sohn sein", sagt Haas. Es sei ein merkwürdiges Gefühl, von archäologischem Interesses zu sein.

"Bis zu 120 Hütten haben hier gestanden", sagt Dézsi. Eine Fläche von sechs Fußballfeldern muss untersucht werden - nur einige kleine Hügel zeigen, wo sich etwas im Boden verbergen könnte. "Ich hoffe, Spuren der Hütten und der Zerstörung bei der Räumung zu finden - auch Kleinfunde des Alltags, die einen Einblick in die Lebenswelt der 33 Tage geben", sagt der junge Wissenschaftler mit der ruhigen Stimme.

Die Räumung von 1980 war nicht das Aus für den Widerstand. "Viele von uns sind noch heute dabei", berichtet Haas. Sie seien damals ins Wendland gezogen und geblieben. "Sie haben den Landkreis mitgeprägt." Die Hamburgerin hat mit ihrer Familie dort einen Zweitwohnsitz. "Damals herrschte Euphorie - es ging um die Sache, war aber auch ein großes Abenteuer", so Haas. Spielregeln für Aktionen seien entwickelt worden. "Das Entscheidende war die politische Konsensbildung."

Glossar
Gorleben
Am 22. Februar 1977 hat die niedersächsische Landesregierung Gorleben als möglichen Standort eines Endlagers für Atommüll benannt. Die Entscheidung löste starke Proteste aus.