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Raucher © dpa Lupe
Ein paar "Skeptiker" schafften es, die Gefahren des Rauchens zu verharmlosen
Händler des Zweifels
"Das Netzwerk des Leugnens" aufgedeckt
Naomi Oreskes und Erik M. Conway schildern in "Die Machiavellis der Wissenschaft", wie sich die Öffentlichkeit in Umwelt- und Gesundheitsfragen täuschen ließ.
© Wiley-VCH Lupe
Rauchen erhöht das Krebsrisiko. Fluorchlorkohlenwasserstoffe schädigen die Ozonschicht. Der Ausstoß von CO2 ist die wesentliche Ursache des Klimawandels. All das ist unter Fachwissenschaftlern Konsens. Und doch war vor allem die US-amerikanische Öffentlichkeit lange anderer Meinung - und die Politik handelte nicht. Wie es zu dieser absurden Situation kam, haben die beiden Wissenschaftshistoriker in akribischer Detektivarbeit zusammengetragen. Ihr viel diskutiertes Buch "The Merchants of Doubt" ist mit einiger Verspätung nun auch in deutscher Übersetzung erschienen.

Hinter der Leugnung gut belegter wissenschaftlicher Fakten steckte jedes Mal die gleiche, einfache aber sehr effektive Strategie: Einige wenige fachfremde Wissenschaftler verlegten sich darauf, Zweifel zu säen. Es ging darum, den Eindruck zu erwecken, der Forschungsstand sei noch nicht eindeutig, die Erkenntnisse reichten noch nicht aus, um zu handeln. Dabei waren oft sogar dieselben Lobbyisten aktiv - egal, ob es um Lungenkrebs ging oder um den Klimawandel. Die "Händler des Zweifels" (so die wörtliche Übersetzung des passenderen Originaltitels) hatten Erfolg. Dabei half ihnen auch die US-amerikanische journalistische Tradition, stets "beide Seiten zu hören". Was dazu gedacht war, in einem Zweiparteiensystem die Ausgewogenheit der politischen Berichterstattung sicherzustellen, führte in diesem Fall dazu, unwissenschaftliche Behauptungen zu adeln: Außenseitermeinungen standen gleichberechtigt neben gut abgesicherten Fakten.

Eines hatten alle Fälle, in denen die „Händler des Zweifels“ aktiv wurden, gemeinsam: Die Wissenschaft hatte Probleme ans Licht gebracht, die eine Regulierung des Marktes nahe legten. Diejenigen Forscher, die sich gegen den wissenschaftlichen Konsens stemmten, hatten ebenfalls etwas gemeinsam: Sie kamen aus ganz anderen Fachbereichen, waren aber alle stark durch den Kalten Krieg geprägt. Oreskes und Conway zeichnen das Bild einer Forscherclique, die nahezu paranoid auf alles eindrosch, was nur im Entferntesten nach Eingriffen in den Markt roch. Hinter jeder Regulierung schien der Weg in den Sozialismus zu lauern - aus Antikommunismus wurde Antiwissenschaft. Die Beleuchtung dieser politischen und historischen Hintergründe gehört zu den spannendsten Stellen des Buches.

Ihrem Gegenstand nähern sich die Autoren völlig unaufgeregt und wissenschaftlich kühl. Sie gehen stark ins Detail - wahrscheinlich weiter, als es manchen Leser interessiert. Ganze Briefwechsel zwischen Wissenschaftlern werden haarklein aufgerollt. Die akribische Arbeit zeigt, dass ihre Thesen gut belegt sind. Das ist wichtig bei einem solchen Thema, das leicht in haltlose Verschwörungsideologie abdriften könnte, das Lesen wird durch die vielen Details aber mitunter ermüdend. So haben Oreskes und Conway sicher keine Bettkästchenlektüre vorgelegt, wohl aber ein wichtiges Stück Wissenschaftsgeschichte für Interessierte. Und den "Händlern des Zweifels" ihre zukünftige Arbeit vielleicht ein bisschen schwerer gemacht. Die Hintergründe der aktuellen Diskussion um die "Klimaskeptiker" lassen sich mit dem Buch viel besser verstehen.

Info
Naomi Oreskes, Erik M. Conway
Die Machiavellis der Wissenschaft
Das Netzwerk des Leugnens
Wiley-VCH
ISBN 978-3-527-41211-2
Europäischer Gesundheitsbericht 2015
Gesundheit für alle
Europa hat in der Gesundheitspolitik Fortschritte gemacht, aber vieles ist noch verbesserungswürdig. Das ist das Ergebnis des Europäischen Gesundheitsberichtes der WHO.
Glossar
Ozonloch
Das Ozonloch über der Antarktis wurde erstmals 1985 nachgewiesen - es gab aber schon viel früher Hinweise darauf.
Interaktiv
Klima am Scheideweg
Im Amazonas-Regenwald oder im Grönländischen Eisschild könnten schon kleine Veränderungen schwere Folgen für das Klima haben, fanden Klimaforscher aus Potsdam heraus.