Private Märkte sind nicht mehr grundsätzlich verboten, finden aber wie alles in Nordkorea nur unter dem wachsamen Auge des Regimes statt. © Rüdiger Frank
Private Märkte sind nicht mehr grundsätzlich verboten, finden aber wie alles in Nordkorea nur unter dem wachsamen Auge des Regimes statt.
Private Märkte sind nicht mehr grundsätzlich verboten, finden aber wie alles in Nordkorea nur unter dem wachsamen Auge des Regimes statt.
"Wir drehen uns im Kreis"
Sanktionen gegen Nordkorea sind gescheitert
Die Strategie des Westens gegenüber Nordkorea ist falsch, erklärt der Korea-Kenner Rüdiger Frank im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt. Nicht die Sanktionen, sondern der Ausbau des Handels könne das Regime zum Kurswechsel bewegen.
Bei seinem letzten Besuch in Pjöngjang beobachtete der Ökonom und Ostasienwissenschaftler Rüdiger Frank mehr private Geschäftstätigkeit, als wir uns das im Westen vorstellen: Fahrradtaxis, Autowäsche, auch E-Bikes seien stark im Kommen. Er plädiert dafür, diese marktwirtschaftlichen Pflänzchen durch mehr Handel zu stärken. Dies ändere die Kosten-Nutzen-Rechnung des Regimes - auch mit Blick auf militärische Abenteuer. Ein Festhalten an den Sanktionen unterbinde nur den Fortschritt: "Fast könnte man glauben, wir wollen überhaupt keinen Wandel in Nordkorea."

makro: Mit welchen Eindrücken sind Sie von Ihrer letzten Reise nach Nordkorea zurückgekehrt?

Rüdiger Frank: Das war im Februar 2017. Die Versorgungslage sah gut aus, es gab sogar überall im Land Obst zu kaufen, Äpfel vor allem, keine Selbstverständlichkeit für diese Jahreszeit. Neue Geschäftszweige entstehen, wie Fahrradtaxis oder Autowäsche und sogar eine Sportlotterie. Offenbar haben viele Menschen in Nordkorea mehr Geld, als wir uns das aufgrund der im Westen oft sehr einseitigen Berichterstattung vorstellen können.

Die Hauptstadt wird mit riesigem Aufwand aufgehübscht, aber auch auf dem Land geht es weiter voran. Für ein eigenes Auto langt es bei vielen Menschen noch lange nicht, aber E-Bikes sind stark im Kommen. Gleichzeitig gibt es viel Propaganda, man spürt den totalen Staat überall: das ist noch immer Nordkorea. Neben vielen wohlhabenden Menschen sieht man auch solche, die offenkundig bitterarm sind. Nordkorea ist ein Land der Gegensätze, und es wird interessant sein zu sehen, wie sich das langfristig auf die Stabilität der Gesellschaft auswirkt.

makro: Mit seinem Atom- und Raketenprogramm tanzt Nordkorea der Welt seit Jahren auf der Nase herum. Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Reaktion?

Rüdiger Frank: Sanktionen sind eine Option, doch haben auch diese ihre Grenzen: China will keinen Kollaps, wir wollen die Menschen in Nordkorea nicht in den Hunger treiben, und nicht zuletzt hat sich Nordkorea über die Jahrzehnte ein Maß an wirtschaftlicher Eigenständigkeit erarbeitet, das es vergleichsweise unempfindlich gegen Sanktionen macht. Die militärische Option verbietet sich, niemand will einen zweiten Koreakrieg oder einen Dritten Weltkrieg.

Es bleiben also nur zwei Wege: Kurzfristig muss man mit Nordkorea reden und sehen, was auf diplomatischem Wege möglich ist, um das Problem zumindest einzudämmen. Langfristig wird nur ein Wandel des Systems in Nordkorea helfen. Das muss nicht unbedingt den Sturz von Kim Jong-un bedeuten. Eine Unterstützung der schon lange im Land vorhandenen Tendenzen zur Marktwirtschaft würde genügen.

Bei China hat das recht gut funktioniert. Doch dort hatte der Westen seinerzeit ein Interesse am Erfolg, bei Nordkorea sehe ich dieses Interesse nicht. Außerdem kollidiert eine solche Unterstützung der Marktwirtschaft in Nordkorea mit den Sanktionen, und hier drehen wir uns im Kreis. Darum geht seit Jahren nichts voran, während die Nordkoreaner zielstrebig ihr Atomwaffenprogramm entwickeln, Schritt für Schritt.

© Rüdiger Frank Die Versorgungslage in Nordkorea scheint nicht so schlecht zu sein. Besonders Äpfel wurden vielfach zum Verkauf angeboten, wie Rüdiger Frank beobachtete.
Die Versorgungslage in Nordkorea scheint nicht so schlecht zu sein. Besonders Äpfel wurden vielfach zum Verkauf angeboten, wie Rüdiger Frank beobachtete.
makro: Aber glauben Sie wirklich, dass mehr Handel mit Nordkorea das Regime zum Einlenken bringt?

Rüdiger Frank: Selbstverständlich. Erstens würde man damit die Kosten-Nutzen-Rechnung der Regierung Nordkoreas ändern: Wenn es lange genug umfassende Handelsbeziehungen gibt und sich die Wirtschaft des Landes daran gewöhnt, dann sind westliche Sanktionsandrohungen plötzlich eine ganz andere Hausnummer, als das beim derzeit minimalen Austausch der Fall ist.

Zweitens bedeutet mehr Handel auch mehr Geld, das im Inland im Umlauf ist. Geld will ausgegeben werden. Das führt zu mehr Nachfrage auf den Märkten, was wiederum zu mehr Produktion, mehr Angebot und einer wachsenden Zahl von Händlern und kleinen Produzenten führen wird. Der Staat schafft das nicht; also reden wir von einem Wachstum der Privatwirtschaft und des Mittelstandes.

Das verschiebt dann auch die innenpolitischen Verhältnisse: Bürger, die etwas zu verlieren haben, sind tendenziell eher für Stabilität und gegen militärische Abenteuer. Außerdem sind sie politisch selbstbewusster und besser informiert als vollständig vom Staat abhängige Fließbandarbeiter oder Bauern. Handel macht Nordkorea bunter und stärker an guten Beziehungen mit der internationalen Gemeinschaft interessiert.

makro: Blicken wir auf Kim Jong-un. Dienen die Drohungen aus Pjöngjang vielleicht nicht nur der Provokation nach außen, sondern auch dem Machterhalt im Innern?

Rüdiger Frank: Es wird, wie immer, eine Mischung sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass auch ein Diktator wie Kim Jong-un innenpolitischen Zwängen unterliegt. Er muss seinem Volk und auch der Führungsriege Erfolge vorweisen, um seinen ursprünglich nicht sehr soliden Anspruch auf die Macht zu bewahren. Nicht zuletzt darf man auch nie vergessen, dass die größte militärische, politische und kulturelle Bedrohung Nordkoreas nicht die USA sind, sondern China.

Das erkennt man schon nach einem unvoreingenommenen Blick auf die Landkarte, und es gibt auch handfeste Anhaltspunkte dafür, dass Pjöngjang das tatsächlich so sieht. Das nordkoreanische Atomprogramm dient also auch der Abschreckung gegenüber dem großen Nachbarn, der schon einmal - 1950 - eine Million Soldaten ins Land geschickt hat, um die Amerikaner zurückzuschlagen. Das war damals sehr willkommen, hat den Nordkoreanern aber auch gezeigt, wie schnell so etwas gehen kann.

makro: China sieht sich als Ordnungsmacht in Südostasien. Wie lange sehen die Chinesen dem Treiben Kim Jong-uns noch zu?

Rüdiger Frank: Das werden sie so lange tun, wie er das kleinere Übel ist. Ein nach südkoreanischem Muster vereinigtes Südkorea mit nordkoreanischen Atomwaffen, amerikanischen Truppen und japanischen Verbündeten wäre der größtmögliche Alptraum für Beijing.

makro: Donald Trump schreibt auf Twitter, China habe seinen Handel mit Nordkorea sogar gesteigert, statt das Land wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Stimmt das?

Rüdiger Frank: Im letzten Jahr gab es im Januar einen nordkoreanischen Atomtest. Darauf hat China mit einer kurzfristigen starken Reduktion des Außenhandels reagiert. Kein Wunder also, dass man im ersten Quartal 2017 knapp 40% mehr Handel verbucht hat; in absoluten Zahlen sind wir noch immer weit unter dem hohen Niveau, das etwa 2015 erreicht wurde, mit fast 7 Milliarden Umsatz im Jahr.

Auch haben die Chinesen ihre Kohleimporte aus Nordkorea durch Import von Eisenerz ersetzt. Da bestehen also auch wirtschaftliche Interessen. Nicht zuletzt muss man sich bei diesen Ländern immer fragen, wie korrekt die uns vorliegenden Daten eigentlich sind. 1400 km Grenze zwischen beiden Ländern - da ist viel möglich, was dem Westen nicht treu und brav berichtet wird.

makro: In Nordkorea gibt es mehr Konsummöglichkeiten, als wir uns das vorstellen, Sie haben es eingangs geschildert. Macht also die Globalisierung selbst vor Nordkorea nicht halt?

Rüdiger Frank: Das geht schon spätestens seit den Juli-Reformen von 2002 so, und zwar trotz Sanktionen. Wenn wir an unsere eigenen Ideen von Liberalismus und freiem Markt mitsamt deren nicht ausschließlich positiven gesellschaftlichen Konsequenzen glauben würden, dann würden wir diese Tendenzen sogar stärken, wie wir es ganz bewusst im Falle Osteuropas und Chinas gemacht haben.

Aber seltsamerweise tun wir bei Nordkorea genau das Gegenteil: Wir verweigern den Handel, bieten der neuen Marktwirtschaft also keine Absatzmärkte, und wir verweigern die Investitionen, so dass die vielen Sonderwirtschaftszonen leer bleiben. Fast könnte man glauben, wir wollen überhaupt keinen Wandel in Nordkorea.

Das Interview führte Eva Schmidt.

Zur Person
© Rüdiger FrankProf. Dr. Rüdiger Frank
Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. Er gehört weltweit zu den wenigen Nordkorea-Experten, die in mehreren sozialistischen Systemen gelebt haben: In Nordkorea, in der Sowjetunion und in der DDR. Rüdiger Frank besucht regelmäßig beide koreanischen Staaten. Zuletzt erschien sein Buch "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates".
Interview
Nordkorea - Einblick in eine verschlossene Welt
Vor 25 Jahren verschwand der Kommunismus aus Europa. Seitdem gibt es weltweit nur noch wenige Bastionen, die uns vorkommen wie Relikte aus vergangenen Zeiten. Nordkorea zum Beispiel mit seinen bizarren Bildern aus dem Reich der Kim-Diktatur.
(makro, Dezember 2014)