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Wirtschaftswachstum schlägt zunehmend in ökologisch destruktives Wachstum um. © ap Lupe
Wirtschaftswachstum schlägt zunehmend in ökologisch destruktives Wachstum um.
Grenzen des Wachstums
"Wirtschaftswachstum zunehmend destruktiv"
Hält Wachstum an, droht der Kollaps. Lässt es nach, wird es ungemütlich. "Postwachstums-Gesellschaften werden voraussichtlich keine harmonischen Gesellschaften sein", sagt der Soziologe Klaus Dörre gegenüber makro.
makro: Warum ist Wirtschaftswachstum ein Problem?

Klaus Dörre: Aus zwei Gründen: Erstens weil die Früchte des Wirtschaftswachstums immer ungleicher verteilt werden. In allen OECD-Staaten haben Vermögenskonzentration und die Einkommensungleichheit dramatisch zugenommen. Nicht minder gravierend ist, dass ein Viertel der Weltbevölkerung vorwiegend des globalen Nordens drei Viertel der natürlichen Ressourcen konsumiert und drei Viertel des Abfalls und der Emissionen erzeugt. Das Wirtschaftswachstum im Norden geht zunehmend zulasten von Milliarden Menschen, die im Süden leben.

Zweitens bezahlen wir für das Wirtschaftswachstum einen hohen ökologischen Preis. An vorindustriellen Normwerten gemessen, befinden wir uns beim Klimawandel, der Artenvielfalt und dem Stickstoffkreislauf bereits jenseits einer roten Linie planetarischer Belastungsgrenzen. Behielten wir die in den entwickelten Kapitalismen gegenwärtig vorherrschenden Produktionsformen und Lebensweisen bei, würden wir alsbald mehrere Planeten benötigen, um unseren Hunger nach Energie, Rohstoffen, Wasser, Böden etc. zu befriedigen. Wirtschaftswachstum schlägt zunehmend in ökologisch destruktives Wachstum um.

makro: Was ist die zentrale Frage ihrer Forschungsgruppe?

Klaus Dörre: Die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Nordens müssen wachsen, müssen expandieren, oder sie versinken in Stagnation und Krisen. Im Grunde haben sie nur zwei Möglichkeiten, diesem Dilemma zu entkommen. Entweder es gelingt ihnen, ökonomisches Wachstum sozial und ökologisch nachhaltig zu gestalten, oder sie müssen sich stabilisieren, ohne zu wachsen.

Wir fragen danach, welche Entwicklungspfade geeignet sind, um diesem Wachstumsdilemma zu entgehen. Dazu müssen wir herausfinden, welche gesellschaftlichen Wachstumstreiber wirken und wie sie funktionieren. Wir fragen, ob und wie die notwendige Transformation auf demokratischem Weg zu erreichen ist. Und wir suchen nach alternativen Ansätzen, die schon jetzt den Weg in eine demokratische Postwachstumsgesellschaft jenseits systemischer Steigerungszwänge weisen könnten.

makro: Was ist das Ziel ihrer Forschungen?

Klaus Dörre: Wichtigstes Ziel ist es, einen internationalen sozialwissenschaftlichen Dialog anzustoßen, der dort ansetzt, wo naturwissenschaftliche Erkenntnis in der Regel aufhört. Wir gehen davon aus, dass die Abkehr von destruktivem Wachstum vor allem eine Frage gesellschaftlicher Ordnung ist. Uns ist aber auch klar, dass eine Gesellschaft jenseits von Wachstumszwängen nicht von einzelnen erdacht werden kann.

Deshalb wollen wir ein globales Netzwerk von Sozialwissenschaftlern schaffen, das gemeinsam Expertise entwickelt. Dabei setzen wir auf das Arbeitsprinzip konstruktive Kontroverse. Es gibt nicht die eine Lösung für alle Probleme. Stattdessen prüfen wir verschiedene Teilantworten und Lösungsansätze, die durchaus in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen können. Postwachstumsgesellschaften werden voraussichtlich keine harmonischen Gesellschaften sein.

makro: Welche Schwerpunkte haben sie dabei gesetzt?

Klaus Dörre: In der ersten Phase des Kollegs haben wir uns mit soziökonomischen ("kapitalistische Landnahme") und kulturellen Wachstumstreibern ("soziale Beschleunigung") sowie mit Möglichkeiten eines guten Lebens jenseits von Entfremdung ("Resonanz") beschäftigt. Während der zweiten Phase fragen wir nach dem Verhältnis von Wachstum, Wohlfahrtsstaat und Demokratie. Anschließend wollen wir einen sozialwissenschaftlichen Kompass der Transformation in Richtung nichtkapitalistischer Postwachstumsgesellschaften entwickeln.

makro: Gibt es schon erste gemeinsame Erkenntnisse?

Klaus Dörre: Ich beschränke mich auf drei Teilergebnisse. Erstens zeigt sich, dass kapitalistische Gesellschaften, etwa in Japan oder an der südeuropäischen Peripherie, längere Zeiträume ökonomischer Stagnation oder gar Schrumpfung überstehen können. Es entstehen politische Kapitalismen mit besonderen Herrschafts- und Ausbeutungsmechanismen, die nur noch wenig mit jenem rationalen Kapitalismus zu tun haben, den Marx und Weber vor Augen hatten.

Zweitens sehen wir uns darin bestätigt, das Wachstumstreiber nicht nur in der Ökonomie (Akkumulation und erweiterte Reproduktion, Steigerung der Arbeitsproduktivität), sondern auch in wohlfahrtsstaatlichen Strukturen, in Lebensweisen und in den Subjekten selbst verankert sind. Das macht die notwendige Transformation zu einem co-evolutionären Projekt, das auf unterschiedlichen Ebenen und Feldern in Gang gesetzt werden muss.

Drittens schließlich ist ein Umsteuern kaum möglich, wenn wir nicht Vorstellungen von einem guten Leben entwickeln, das uns aus der Tretmühle des "Immer-mehr und-nie-genug" befreit. Weltbeziehungen, die sich auf Resonanzerfahrungen gründen, könnten, so ein Vorschlag Harmut Rosas, einen Weg aus entfremdeten Lebensformen weisen. Ohne demokratische Umverteilung von Nord nach Süd, von oben nach unten und von der hochproduktiven Exportwirtschaft hin zu reproduktiven Tätigkeiten und Sektoren, dürfte ein solches Leben allerdings eine bloße Wunschvorstellung bleiben.

makro.online
Post-Wachstums-Welt
Freitag, 24. Juni 2016
Themen-Schwerpunkt
Post-Wachstums-Welt
Ohne Wachstum ist in der Ökonomie alles nichts. Das Bruttoinlandsprodukt ist das Maß der Dinge. Es reflektiert das Streben des Menschen nach mehr. Und es hat eine wachsende Zahl von Gegnern.
Zur Person
© Annegret Günther, Fotozentrum FSUProf. Dr. Klaus Dörre
Klaus Dörre ist Professor der Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, wo er den Lehrstuhl für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie leitet. Seine Forschungsfelder erstrecken sich über Kapitalismustheorie, Finanzmarktkapitalismus, flexible und prekäre Beschäftigung, Partizipation in Unternehmen, Arbeitsbeziehungen, Strategic Unionism und Green New Deal. Dörre ist geschäftsführender Direktor des "Kolleg Postwachstumsgesellschaften" der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Info
Kolleg Postwachstumsgesellschaften
Im "Kolleg Postwachstumsgesellschaften" der Universität Jena forscht seit über vier Jahren eine Gruppe von Wissenschaftlern im Rahmen eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nach den Parametern einer Gesellschaft, in der Wohlstand nicht mehr in Abhängigkeit zum Wirtschaftswachstum steht.
Interview
Prof. Niko Paech: Wachstum? Nein, danke!
"Wachstum ist schädlich, ungerecht und plündert die Natur", sagt der Volkswirtschaftler: Er plädiert für mehr Eigenleistung, für gemeinschaftliche Nutzung von Gütern und für weniger industrielle Produktion,. Und er lebt selbst vor, was er fordert.