Eva Schmidt ist das Gesicht von makro.
Eva Schmidt ist das Gesicht von makro.
makro - Wirtschaft in 3sat
Gespräch mit Eva Schmidt
Seit März 2011 läuft das neue Wirtschaftsmagazin "makro" in 3sat. Zum Start der Sendung ein Gespräch mit Moderatorin Eva Schmidt über Wirtschaft, die uns alle angeht, und inwiefern globale Geschäfte unseren eigenen Alltag betreffen.
Frau Schmidt, von Wirtschaftsjournalisten erwartet man pointierte Perspektiven. Sie empfehlen, Nikolai Gogols Roman "Die toten Seelen" zu lesen, um die Finanzkrise zu verstehen, das müssen Sie schon mal erklären!

Eva Schmidt: Weil man die Hybris, die zum Zusammenbruch der Finanzmärkte geführt hat, tatsächlich schon in der russischen Literatur findet. Gogol karikiert Profitgier und Wirtschaftsneurotiker. Seine Hauptfigur Tschitschikow ist ein Hochstapler. Er reist durch die russische Provinz, um sogenannte "tote Seelen" zu kaufen, das sind verstorbene Leibeigene. Für die mussten weiter Steuern bezahlt werden, bis der nächste Revisor kam.Tschitschikow will sie kaufen, damit sie aus den Büchern der Großgrundbesitzer verschwinden und um sie als Sicherheit beider Bank zu hinterlegen. Er ist eine Art Bernard Madoff des 19. Jahrhunderts. Allerdings gerät er an Menschen, die genausodurchtrieben und hinterlistig sind wie er selbst.

Welche Rolle kommt dem Menschen in der globalisierten, hyperkomplexen Wirtschaftswelt denn überhaupt noch zu?

ES: Der Mensch spielt immer noch die Hauptrolle. Unternehmen und selbst Börsen sind oft von Einzelpersönlichkeiten geprägt. Deshalb erschöpft sich Wirtschaftsjournalismus nicht darin, betriebswirtschaftliche Details zu kennen. Wichtiger ist zu verstehen, wie Menschen ticken. Wirtschaft ist hochemotional. Es gibt irrationale Momente im Wirtschaftsgeschehen, die muss man hinnehmen wie die Marotten eines Menschen. Firmen und Finanzmärkte agieren wie menschliche Individuen: Die sind manchmal aufgebracht, manchmal hysterisch, manchmal depressiv oder euphorisch. Nicht immer gibt es gleich eine logische Erklärung dafür.

Eva Schmidt ist das Gesicht der Sendung: "Wir nehmen die Zuschauer mit in den Wirtschaftsdschungel"
Eva Schmidt ist das Gesicht der Sendung: "Wir nehmen die Zuschauer mit in den Wirtschaftsdschungel"
Geht es um solche Persönlichkeiten und Zusammenhänge im neuen Wirtschaftsmagazin "makro"?

ES: Darum geht es natürlich auch. Wir haben uns schon bei der "3satbörse" mit den einzelnen Lenkern an den Finanzmärkten beschäftigt. Aber "makro" ist eine Weiterentwicklung. Denn die "3satbörse", die es schon seit über 20 Jahren gibt, was in der wechselvollen Geschichte des Wirtschaftsjournalismus sehr bemerkenswert ist, hat sich vom Titel her an Zuschauer mit explizitem Finanzmarktinteresse gewandt. Wir wollen das öffnen, die Zuschauer mit in den großen Wirtschaftsdschungel nehmen. Wirtschaft geht alle an und nicht nur Investoren, Unternehmer und Banken. Menschen machen Wirtschaft. Davon erzählen wir.

Wo kommen die "Menschen-machen-Wirtschaft-Geschichten" her?

ES: Es ist zwar eine Plattitüde, aber das Herz der deutschen Wirtschaft ist der Mittelstand. Es gibt hierzulande unglaublich viele innovative Mittelständler mit Ideen und Know-how. Wirlegen den Fokus künftig nicht mehr nur auf große börsennotierte Unternehmen, sondern vielleicht auch mal auf Kleinunternehmen mit 20 Mitarbeitern. Auf Menschen, die sich mitMut, einer guten Idee und 20.000 Euro von der Großmutter selbstständig machen. Außerdem stellen wir das Wirtschaftsgeschehen stärker auch aus der Sicht von Arbeitnehmern dar und nicht nur aus der Sicht von Investoren. Inzwischen gibt es viele Zuschauer, die ein Interesse an den Hintergründen des Wirtschaftsgeschehens haben, weil man spätestens seit der Finanzkrise merkt, dass das große Geschehen an den Weltbörsen ganz konkret im eigenen Alltag zu spüren ist.

"Ich habe Feuer gefangen für die Menschen, die das Geschehen an den Weltmärkten bestimmen. Dem Zuschauer möchte ich das genauso vermitteln: Nicht nur auf Zahlen schauen, sondern die Geschichten hinter den Geschichten verstehen."
"Ich habe Feuer gefangen für die Menschen, die das Geschehen an den Weltmärkten bestimmen. Dem Zuschauer möchte ich das genauso vermitteln: Nicht nur auf Zahlen schauen, sondern die Geschichten hinter den Geschichten verstehen."
Übersetzt bedeutet "makro" groß. Wie bezieht sich das auf die Inhalte des Magazins?

ES: "makro" wollen wir im Sinne einer Großaufnahme verstanden wissen. Wir gehen nah ran. Denn das Interesse unserer Zuschauer ist genau so wie das einer Frau, die mich neulich im Supermarkt gebeten hat, ihr auf dem Etikett einer Schachtel Eier vorzulesen, woher diese stammen - und die sie dann weggelegt hat, weil sie nicht aus der Region kamen. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen nicht mehr nur wissen wollen, woher ihr Essen kommt. Sie wollen auch wissen, woher ihre Jeans stammt, welchen Weg sie zurückgelegt hat, unter welchen Bedingungen sie ins Geschäft gekommen ist und was mit ihr gemacht wird, wenn sie im Altkleidercontainer landet.

Oder Handys: In jedem Handy ist Coltan drin, ein Erz, das unter menschenunwürdigen Bedingungen im Kongo abgebaut wird. Wir wollen wirtschaftliche Zusammenhänge zeigen, die unser Leben verständlicher machen. Eben weil wir alle mit Handys telefonieren, gibt es auf den Weltmärkten einen Kampf um Metalle und Rohstoffe. Wir zeigen die Folgen für die internationalen Märkte, aber auch für die Menschen, die diese begehrten Rohstoffe abbauen.

"makro" steht auch für Dokumentationen, die im Wechsel mit dem Magazin gezeigt werden.

ES: Wir senden im wöchentlichen Wechsel entweder eine Magazinsendung mit einem Schwerpunktthema oder eine Dokumentation. Für die Dokus schicken wir unsere Reporter in ein bestimmtes Land, in die rohstoffreiche Mongolei zum Beispiel. Oder wir gehen in Schweden der Frage nach, ob der Sozialstaat immer noch so bewundernswert ist wie früher. Wir wollen Menschen in einem spezifischen wirtschaftlichen Kosmos zeigen. Das muss nicht immer ein Land sein, das kann auch eine einzelne Branche wie die deutsche Milchwirtschaft sein. Auch das sind Nahaufnahmen. Mit dem Magazin können wir aktuell reagieren. Beides zusammen macht uns flexibler.

Was fasziniert Sie persönlich am meisten an Wirtschaft?

ES: Wie schnell sich die Zeiten ändern. Wir erleben gerade einen großen Paradigmenwechsel. Noch vor einem Jahr galt: Wenn Amerika hustet, bekommt Europa eine Lungenentzündung. Heute hustet Amerika - und hustet und hustet, doch wir sind gesund und schauen nach Asien. Auch dass noch vor ein paar Jahren Deutschland als der kranke Mann Europas galt. Es hieß immer nur, Arbeitsplätze in Deutschland seien zu teuer, wir seien nicht schnell genug. Jetzt sind wir der Musterknabe, und nicht die Arbeit geht aus, sondern die Mitarbeiter. Prozesse werden immer dynamischer, konjunkturelle Zyklen immer kürzer. Die Wirtschaftswelt dreht sich viel schneller, der Warenverkehr fließt schneller, der Informationsfluss findet schneller statt. Das macht es gerade auch so spannend, über Wirtschaft zu berichten.

Wenn man wie Sie Slawistik studiert hat, liegt es nicht unbedingt auf der Hand, zum Wirtschaftsfernsehen zu kommen. Wie ist das bei Ihnen gewesen?

ES: Ich habe mich dem Wirtschaftsjournalismus nicht über ein betriebswirtschaftliches Studium angenähert, sondern habe Feuer gefangen für die Menschen, die das Geschehen an den Weltmärkten bestimmen. Dem Zuschauer möchte ich das genauso vermitteln: Nicht nur auf Zahlen schauen, sondern die Geschichten hinter den Geschichten verstehen. Ich war Nachrichtenredakteurin bei SAT.1, als Ende der 90er Jahre der große Börsenrausch kam. n-tv baute sein Wirtschaftsprogramm stark aus, suchte Reporter. Das bot natürlich neue Chancen. Dadurch bin ich überhaupt erst auf die Idee gekommen, mich mit dem Thema "Börse" zu beschäftigen. Eben weil ich nicht Finanzwirtschaft studiert habe, musste ich mir viele Zusammenhänge zunächst einmal mit dem gesunden Menschenverstand erschließen.

Und siehe da, das geht sehr gut! Und ich würde es heute wieder genauso machen: Nicht von Zahlen einlullen lassen, sondern den Verstand einschalten, sich trauen, einfache Fragen zu stellen. Genau das wollen wir bei "makro" machen, wenn wir über Rohstoffmärkte, Nahrungsmittelpreise oder Schwellenländer berichten. Auch die vergangene Krise ist einfacher zu verstehen, als man denkt. Wenn man Schulden nicht bedient, sondern sie immer nur vom einen zum anderen weiterreicht, dann klappt irgendwann alles zusammen. Das war nichts anderes, als "tote Seelen" zu verkaufen. Was Gogol uns eben schon vor fast 200 Jahren erzählt hat.

Ist Ihnen die Wirtschaft so weit in Fleisch und Blut übergegangen, dass Sie morgens als erstes die Aktienkurse checken?

ES: Nicht als erstes, aber als zweites.

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Freitag, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr
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Moderation
© 'Kerstin BänschEva Schmidt
Wirtschaft betrifft uns alle
LupeWirtschaft betrifft uns alle und verbindet uns alle weltweit. Spätestens durch die Finanzkrise ist das Bewusstsein für die weltweite Vernetzung von Finanzströmen und Produktionsprozessen verstärkt worden. Mit dem Wunsch nach Orientierung in einer komplexen und zunehmend von wirtschaftlichen Entscheidungen geprägten Gesellschaft wächst das Interesse an ökonomischen Zusammenhängen und Entwicklungen. Die großen wirtschaftlichen Fragen zur Zukunftssicherung Deutschlands und Europas werden immer stärker Teil der gesellschaftlichen Debatte.
Von Menschen gemacht
LupeDoch Wirtschaft betrifft nicht nur uns alle. Sie wird von Menschen gemacht. Ihre Entscheidungen, Wünsche, Fähigkeiten schlagen sich nieder in Wechselkursen, Inflationsraten und Börsennotierungen. Hinter dem Auf- und Abstieg von Unternehmen, Branchen, Regionen verbergen sich exemplarische Geschichten von Siegen und Niederlagen, von der Suche nach Glück und Anerkennung, von dem allzumenschlichen Drang, die Welt und ihre Zukunft zu gestalten - mit Auswirkungen für uns alle.