Der neue chinesische Autobauer Byton fordert mit seinem Modell M-BYTE, hier vorgestellt auf der Los Angeles Auto Show, die Branche heraus. © reuters
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
Der junge chinesische Autobauer Byton fordert mit seinem Modell M-BYTE, hier vorgestellt auf der Los Angeles Auto Show, die Branche heraus.
Die das Minenfeld testen
Wie E-Auto-Start-ups Mobilität verändern
Bei der E-Mobilität treten Traditionskonzerne gegen junge Start-ups an. Die deutschen Autobauer dürfen nicht nur "auf Sicht fahren", warnt der Mobilitätsforscher Konrad Götz im Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt.
Die Welt der Autobauer gerät mächtig durcheinander. Der Veränderungsdruck kommt aus Richtungen, die die Branche nicht auf dem Schirm hatte: aus China, aus der Steckdose und aus dem Off. Start-ups, sagt Mobilitätsforscher Konrad Götz, seien deshalb dynamischer als die Platzhirsche, weil sie nicht in den Entwicklungspfaden der Großserienproduktion feststecken und somit das Neue im Kleinen ausprobieren können. Insgesamt sieht er die Mobilitätskultur im Umbruch. Die Elektromobilität ist hier nur ein Baustein von vielen.

makro: In Deutschland wurde das Auto erfunden. Bei der E-Mobilität aber bestimmen Unternehmen aus Kalifornien und China den Takt. Warum hat Deutschland den Anschluss verloren?

Konrad Götz: Weil die Hersteller kurzfristig orientiert waren und auf Sicht gefahren sind. So lange es ging, wollten sie die Gewinne aus dem Verkauf der traditionellen Verbrenner mitnehmen und die dortigen Arbeitsplätze erhalten. Aber es wurde keine Parallelstrategie gefahren. Einen Teil der Gewinne hätte man schon frühzeitig darauf verwenden sollen, parallel eine wirklich innovative Produktion von Elektroautos aufzubauen. Wirklich innovativ bedeutet: So wie es heute einige Start-ups vormachen.

makro: Diese Start-ups, die Sie ansprechen, sind ja zum Teil sogar branchenfremd. Wie gehen die deutschen Autobauer, die große Traditionskonzerne sind, mit dieser neuen extrem dynamischen Konkurrenz um?

Konrad Götz: Die kleinen Firmen sind deshalb dynamischer, weil sie nicht in den Entwicklungspfaden der Großserienproduktion feststecken. Die Großen meinen, sie müssten auch neue Konzepte immer gleich für die Großserie entwerfen. Da braucht man dann zum Beispiel riesige, superteure Lackierstraßen. Die braucht einer wie der E-Mobilitätspionier Günther Schuh für sein Elektroauto e.Go zum Beispiel erst einmal nicht, weil er diese mit einer kratzfesten durchgefärbten Kunststoff-Karosserie ohne Lackierung bauen lässt.

Die Newcomer-Firmen können das Neue in Kleinserie ausprobieren und so die wirklichen Vorteile der Elektromobilität ausspielen. Damit haben die Start-ups aber auch die wichtige Aufgabe, den Markt für die großen Hersteller zu erkunden. Wenn deutlich wird - so wie jetzt bei dem Elektroauto e.Go -, dass die wirklich innovativen Autos in großer Zahl vorbestellt werden, dann wagen sich auch die Großen in diesen Markt hinein - so wie jetzt auch VW über ein kratzfestes Auto nachdenkt.


makro: Die Mobilität der Zukunft ist vernetzt. Brauchen die Autokonzerne nicht vielleicht auch mehr staatliche Unterstützung - beispielsweise mit Blick auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur?

Konrad Götz: Es braucht vier Faktoren, damit die Elektromobilität wirklich erfolgreich werden kann: Die richtigen Fahrzeuge. Diejenigen, die sie kaufen. Eine dichte Ladeinfrastruktur. Und Recyclingsysteme für die Akkus, damit wir die Lithium- und Kobalt-Problematik in den Griff bekommen. Fehlt einer dieser Faktoren, kommt die ganze Entwicklung nicht richtig in Gang.

Wenn wir uns Norwegen ansehen, könnten wir hinsichtlich der Ladeinfrastruktur viel lernen. Beispielsweise hat sich Norwegen das Ziel gesetzt, entlang der Hauptverkehrsstraßen alle 50Km eine Schnell-Ladestation bereit zu stellen. Zudem gibt der norwegische Staat den Wohnungsbaugesellschaften einen Zuschuss, wenn sie nachträglich Ladestationen einbauen. Mit dem Ergebnis: Fast die Hälfte der neu zugelassenen Autos in Norwegen ist elektrisch.

makro: Mit E-Autos steht man genauso im Stau wie mit einem Diesel. Ist die Umstellung auf E-Mobilität wirklich das Mittel der Wahl?

Konrad Götz: Die Elektromobilität ist nur einer von vielen Bausteinen einer neuen Mobilitätskultur. Wir benötigen einen gut ausgebauten, schnellen, bequemen, modernen und attraktiven ÖPNV. Der kann mit Individualverkehrsmitteln nur konkurrieren, wenn wir ihn spontan, also ohne lange Vorausplanung, nutzen können. Das wiederum geht nur mit einem so dichten Takt wie bei den U-Bahnen in Berlin oder den Bussen in Wien.

Weiterhin braucht jede Stadt eine Fahrradstrategie, für die es mittlerweile genügend gute Beispiele in der ganzen Welt gibt. Schließlich benötigen wir Stadtteile, in denen wir gleichzeitig wohnen, arbeiten, einkaufen und unsere Freizeit gestalten, damit die meisten Ziele gut zu Fuß erreicht werden können. Umweltfreundliche Verkehrsmittel - E-Autos, E-Bikes, Lastenräder - müssen im öffentlichen Raum zur Nutzung bereit stehen. Ein Lebensstil ohne eigenes Auto muss bequem möglich sein und sich lohnen.

makro: Die Umstellung vom Verbrennungsmotor auf E-Mobilität ist ein großer Kraftakt. Sollte er jemals gelingen: Ist es denkbar, dass bis dahin die Technik schon längst wieder auf einem ganz anderen Stand ist? Weil beispielsweise dann alle über Wasserstoffautos reden?

Konrad Götz: Wasserstoff im Brennstoffzellen-PKW treibt ja auch einen Elektromotor an. Aber Wasserstoff benötigt im Vergleich zum batterieelektrischen Antrieb momentan noch den doppelten Energieeinsatz. Wir sollten den Ideen rund um Elektromobilität etwas Zeit geben.

Man muss wissen, dass die wichtigsten Erfindungen der Elektromobilität - Radnabenmotor, Hybridantrieb - mit dem sogenannten Lohner-Porsche schon 1899 gemacht wurden. Dann wurde dieser Entwicklungspfad abgebrochen. Dagegen hatten die Entwickler der Autos mit Verbrennungsmotoren mehr als 100 Jahre lang Zeit, diese immer weiter zu verbessern. Das Ideenfeuerwerk der Elektromobilität hat gerade erst begonnen.

Sendedaten
makro
E-Mobilität
Freitag, 1. Februar 2019, 21.00 Uhr
Wiederholung: Sonntag 6.15 Uhr
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