"Jubel-Koreaner" mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un. © reuters
Interview aus der SendungInterview aus der Sendung
"Jubel-Koreaner" mit Nordkoreas Diktator Kim Jong-un.
Freies Radikal
Was will Nordkoreas Kim Jong-un?
Nordkorea meldet sich mit einem Raketentest auf der Weltbühne zurück. Ob der Konflikt noch entschärft werden kann, darüber sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit dem Nordkorea-Experten Rüdiger Frank.
Nachdem es zwei Monate ruhig um Kim Jong-un geworden war, überrascht er nun die Weltöffentlichkeit mit einer neuen Provokation: Die getestete Interkontinentalrakete könnte das gesamte US-Festland erreichen. Sanktionen werden Nordkorea nicht von seinem Kurs abbringen sagt Prof. Rüdiger Frank. Das Land habe sich "ein Maß an wirtschaftlicher Eigenständigkeit erarbeitet, das es vergleichsweise unempfindlich" macht.

makro: Es gibt neue Provokationen aus Pyongyang. Zeigt also der harte Kurs von Donald Trump doch keine Wirkung?

Rüdiger Frank: Grundsätzlich bestärkt internationaler Druck Nordkorea eher in seinem derzeitigen Kurs, der ja genau auf dem Szenario beruht, dass das Land von Feinden umgeben ist und sich adäquat verteidigen können muss.

makro: Aber was wäre denn aus Ihrer Sicht die beste Reaktion auf die Provokationen?

Frank: Sanktionen sind eine Option, doch haben auch diese ihre Grenzen: China will keinen Kollaps, wir wollen die Menschen in Nordkorea nicht in den Hunger treiben, und nicht zuletzt hat sich Nordkorea über die Jahrzehnte ein Maß an wirtschaftlicher Eigenständigkeit erarbeitet, das es vergleichsweise unempfindlich gegen Sanktionen macht. Die militärische Option verbietet sich, niemand will einen zweiten Koreakrieg oder einen Dritten Weltkrieg.

Es bleiben also nur zwei Wege: Kurzfristig muss man mit Nordkorea reden und sehen, was auf diplomatischem Wege möglich ist, um das Problem zumindest einzudämmen. Langfristig wird nur ein Wandel des Systems in Nordkorea helfen. Das muss nicht unbedingt den Sturz von Kim Jong-un bedeuten. Eine Unterstützung der schon lange im Land vorhandenen Tendenzen zur Marktwirtschaft würde genügen. Bei China hat das recht gut funktioniert. Doch dort hatte der Westen seinerzeit ein Interesse am Erfolg, bei Nordkorea sehe ich dieses Interesse nicht.

Außerdem kollidiert eine solche Unterstützung der Marktwirtschaft in Nordkorea mit den Sanktionen, und hier drehen wir uns im Kreis. Ein Funken Hoffnung liegt in der Aussage von Kim Jong-un, das Land habe sein Ziel der nuklearen Bewaffnung erreicht. Wenn er das wirklich so meint, dann könnte das ein Ende der Tests bedeuten und einen neuen Fokus der Führung auf die Wirtschaft. Hier wäre dann der Westen gefragt, um durch Kooperation die Situation zu stabilisieren.

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© Rüdiger Frank
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makro: Kim Jong-un prahlt mit Militärparaden und bedroht mit seinen Waffen die ganze Region. Kürzlich sorgte allerdings ein nordkoreanischer Überläufer für internationales Aufsehen. Der Soldat war in einem erbärmlichen Gesundheitszustand. Wie stark ist Kim Jong-uns Armee tatsächlich?

Frank: Darüber kann man nur spekulieren. Aber der Zwischenfall verdeutlicht, dass Nordkoreas Soldaten vor allem Opfer sind, die zehn Jahre ihres Lebens unter härtesten Bedingungen verbringen müssen. Ich erinnere daran, dass eben diese Wehrpflichtigen zu Zeiten der Lebensmittelhilfen des Westens als "non-deserving group" eingestuft wurden.

makro: Auf internationalen Druck hin setzen viele Länder nach und nach ihre Handelsbeziehungen mit Nordkorea auf Eis. Wie hält sich das Land noch über Wasser?

Frank: Nordkorea ist seit Jahrzehnten systematisch bemüht, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, um nicht erpressbar zu sein. Das funktioniert nicht 100prozentig, die Menschen leiden unter den Sanktionen, aber sie überleben. Eine wichtige Rolle spielt hier seit Ende der 1990er Jahre die vom Staat geduldete Marktwirtschaft. Der gehen durch die Sanktionen aber die Waren und das Geld aus, so dass die Menschen wieder in die Arme des staatlichen Rationierungssystems zurückgetrieben werden.

makro: China gilt als engster Verbündeter Nordkoreas. Nun erklärt China einerseits, es habe den Handel mit Nordkorea stark reduziert. Andererseits aber will Peking keine Kursänderung im Umgang mit Pyongyang. Wie ist diese widersprüchliche Haltung zu verstehen?

Frank: China als Verbündeten zu bezeichnen finde ich gewagt. Beide Staatschefs haben sich noch nie getroffen, es gab nie gemeinsame Militärmanöver, und der Außenhandel ist bei unter 7 Milliarden Dollar. Selbst die USA haben mehr Kontakt mit China als Nordkorea. Was Beijing will, ist klar: Solange ein vereintes Korea die Ausweitung des amerikanischen Einflussbereiches bedeutet, werden sie diese verhindern, und das geht derzeit nur durch eine Stabilisierung Nordkoreas.

Gleichzeitig will China das nordkoreanische Atomwaffenprogramm verhindern, da es ein willkommener Vorwand für eine im Kern gegen China gerichtete militärische Aufrüstung der USA und ihrer Verbündeter in der Region bietet und nicht zuletzt Nordkorea auch weniger anfällig gegen Einflussversuche aus Beijing macht.

Außerdem ist China dabei, sich als neue verantwortungsvolle Großmacht im globalen Maßstab zu etablieren. Also beteiligt man sich an den Sanktionen, sowohl aus symbolischen Gründen wie auch aus strategischen Erwägungen. Aber einen Kollaps Nordkoreas wird China im eigenen Interesse immer verhindern.

makro: In wenigen Wochen beginnen im südkoreanischen Pyeongchang die Olympischen Winterspiele. Pyeongchang ist nur 80 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze entfernt. Sind die Sorgen um die Sicherheit vieler Sportler berechtigt?

Frank: Definitiv. Die einige tausend internationalen Gäste in Südkorea fungieren quasi als Geiseln und verhindern während der Zeit ihrer Anwesenheit ein militärisches Eingreifen des Westens auf der koreanischen Halbinsel. Nordkorea könnte das als günstigen Zeitpunkt für den schon vor Monaten angekündigten überirdischen Atomtest im Pazifik ansehen.

Das Interview führte Eva Schmidt.

Sendedaten
makro
Der Nordkorea-Konflikt
Freitag, 1. Dezember 2017, 21.00 Uhr
Wiederholung Sonntag 6.15 Uhr
Nordkorea: Reden Sie mit!
© reutersWas wäre die Alternative zu Sanktionen gegen Nordkorea? Käme eine Einbindung in den internationalen Handel nicht einer Belohnung für den rücksichtslosen Kurs des Regimes gleich? Wie ist die Rolle Chinas? Diskutieren Sie mit!
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Der Nordkorea-Konflikt
Das Risiko für einen militärischen Konflikt mit Nordkorea war noch nie so groß. Die Vereinten Nationen haben darauf mit weiteren Wirtschaftssanktionen gegen das Land reagiert.
Zur Person
© Rüdiger FrankProf. Dr. Rüdiger Frank
Rüdiger Frank ist Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien. Er gehört weltweit zu den wenigen Nordkorea-Experten, die in mehreren sozialistischen Systemen gelebt haben: In Nordkorea, in der Sowjetunion und in der DDR. Rüdiger Frank besucht regelmäßig beide koreanischen Staaten. Zuletzt erschien sein Buch "Nordkorea: Innenansichten eines totalen Staates". Im Februar 2018 erscheint "Unterwegs in Nordkorea. Eine Gratwanderung".
Interview
"Wir drehen uns im Kreis"
Die Strategie des Westens gegenüber Nordkorea ist falsch, erklärt der Korea-Kenner Rüdiger Frank im Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt. Nicht die Sanktionen, sondern der Ausbau des Handels könne das Regime zum Kurswechsel bewegen.
(makro, 03.08.2017)