Schicht im Schacht- Strukturwandel im Ruhrgebiet: Interview mit Prof. Dr. Rudolf Juchelka © reuters
Jahrzehntelang haben Bergbau und Stahlindustrie im Ruhrgebiet das Arbeitsleben bestimmt. Nun geht es für die Bergleute an der Ruhr bergab.
Jahrzehntelang haben Bergbau und Stahlindustrie im Ruhrgebiet das Arbeitsleben bestimmt. Nun geht es für die Bergleute an der Ruhr bergab.
Schicht im Schacht
Strukturwandel im Ruhrgebiet
Ende einer Ära: 2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Die Region hat in den vergangenen 50 Jahren eine gewaltige Deindustrialisierung erlebt. Über den Strukturwandel und die Folgen sprach makro-Moderatorin Eva Schmidt mit dem Wirtschaftsgeographen Rudolf Juchelka.
makro: Das Ruhrgebiet musste sich schmerzlich von seiner wirtschaftlichen Grundlage verabschieden. Können wir aus der Entwicklung dort etwas lernen? Schließlich steht ja in Folge der Digitalisierung anderen Regionen auch ein Strukturwandel ins Haus.

Rudof Juchelka: Andere Regionen, auch wenn sie nicht direkt durch Bergbau oder Eisen-/Stahlindustrie geprägt waren, können viel vom Ruhrgebiet lernen. Am wichtigsten scheint mir: das Verhaften - verbunden mit dem Ruf nach staatlicher Unterstützung - an alten, nicht zukunftsfähigen Strukturen muss schnellstmöglich einer neuen Denkweise weichen. Dazu sind auch junge, innovative Entscheider an Schlüsselpositionen notwendig.
Die Rolle der Hochschulen und Universitäten als Impulsgeber für neue Arbeitsplätze und innovative Wirtschaftsformen sind zu stärken: Unis sind nicht nur Ausbildungsstätten für Studierende, sie können ein Kern zukünftiger Regionalentwickung sein. Und ganz wichtig: Andere Regionen sollten über den eigenen Tellerrand hinausschauen, sonst ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

makro: Sie haben die Rolle der Universitäten angesprochen. Das Ruhrgebiet wirbt mit der dichtesten Hochschullandschaft Europas. Warum hat diese einzigartige Wissenschaftslandschaft nicht für mehr Arbeitsplätze gesorgt?

Rudof Juchelka: Man hat sich viele Jahre auf die massenhafte Ausbildung von Studierenden fokussiert und gleichzeitig die Absolventen am Ende ihres Studiums wegziehen lassen. Heute werden Hochschulen vielmehr als Impulsgeber für die regionalen Arbeitsmärkte gesehen, als Innovationszentren für junge innovative Start-up-Unternehmen. Da waren andere Universitäten, beispielsweise Aachen oder Karlsruhe, viel früher aktiv, dort sind heute die Universitäten ein zentraler regionaler Wirtschaftsfaktor.

Eine kleine Erschwernis der Ruhrgebiets-Hochschulen kommt hinzu: sie sind überwiegend Pendler-Universitäten, d.h. die Mehrzahl der Studierenden wohnt nicht am Hochschulort, entsprechend entsteht dort kein "kreativ-innovatives" Milieu, das eine Bindung an die Region schafft.

makro: Arbeitslosigkeit ist das eine Problem vieler Kommunen im Ruhrgebiet, die hohe Verschuldung das andere. Kennen Sie einen Ausweg aus dieser Spirale?

Rudof Juchelka: Die Patentlösung gibt es nicht. Im Ruhrgebiet ballen sich viele Probleme, so dass die Kommunen erhebliche finanzielle Aufgaben schultern müssen: Arbeitslosigkeit, Sozialstrukturen, Altlasten, Gewerbeflächenaufbereitung, Stadtteilsanierungen usw.

Gleichzeitig gibt es durch die Kleinteiligkeit im Ruhrgebiet eine Vielzahl von Verwaltungsstrukturen, die einfach viele Summen verschlucken. Der öffentliche Verkehr ist ein gutes Beispiel: jede Kommune im Ruhrgebiet ist für den eigenen ÖPNV verantwortlich. Das führt zwangsläufig zu hohen Ausgaben, zum Beispiel durch Dopplungen in den Planungsabteilungen in den Verkehrsbetrieben. Die Schaffung effizienter Strukturen - dazu gehören auch radikale Schritte - wäre ein erster Schritt. Aber ob die Politik dazu bereit ist ...?

makro: Der Osten Deutschlands ist top saniert, das Ruhrgebiet zerfällt an vielen Stellen. Brauchen die Kommunen dort mehr Unterstützung?

Rudof Juchelka: Ich rate davon ab, hier verschiedene Regionen Deutschlands mit unterschiedlicher Geschichte und unterschiedlichen Strukturen zu vergleichen oder gegeneinander argumentativ auszuspielen. Das Ruhrgebiet hat in der Vergangenheit viele Unterstützungen in der Wirtschafts- und Regionalentwicklung, im Städtebau und gerade auch in der Kohlepolitik erhalten.

Ein Buchtitel meiner Bochumer Kollegen "Viel erreicht - Wenig gewonnen" deutet das Dilemma an: Im Vergleich zu den 1960er Jahren hat sich das Ruhrgebiet massiv verändert, die Luft ist besser geworden, die Städte attraktiver - gleichwohl ist das Management dieser Region eine Herkulesaufgabe. Wichtiger als die Forderung nach neuen Förderungen erscheinen mir stärkere interkommunale Zusammenarbeit, die Verabschiedung vom Kirchturmdenken, die Loslösung von der alten montanindustriellen Denkweise mit Symbolen wie "Bergwerkskapelle und Glück-auf-Gruss".

makro: Im Norden des Ruhrgebiets, in Gelsenkirchen oder Herne, bröckeln die Fassaden. Im Süden dagegen, in Dortmund oder Essen, siedeln sich Industrieparks an. Warum ist das Ruhrgebiet immer noch so zweigeteilt?

Rudof Juchelka: Die regionalen Unterschiede im Ruhrgebiet zwischen Nord und Süd lassen sich aus der Entstehung dieser Industrieregion erklären: Der Bergbau fing im Süden im Tal der Ruhr an und wanderte im Zuge der zunehmenden Industrialisierung nach Norden. Im Norden wurden später die großen Bergwerke und Stahlwerke errichtet. In der Ruhrtalzone begann entsprechend früher die Phase der Umstruktrierung, hinzu kommt die reizvolle Landschaft im Tal der Ruhr, genannt seien nur die historische Alststadt von Hattingen oder der Baldeneysee in Essen – dort glaubt man gar nicht, im Ruhrgebiet zu sein.

Im Norden sieht es anders aus: verlassene Industriegelände, zersiedelte Landschaft, häufig keine klaren Ortsstrukturen. Und die Autobahn A40 - sie verläuft im Ruhrgebiet von West nach Ost - stellt eine Art "Sozialäquator" dar: südlich die relativ wohlhabenderen Schichten, nördlich deutlich ärmere Sozialstrukturen.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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2018 schließt das letzte Steinkohlebergwerk im Revier. Deutschlands größter Ballungsraum an Rhein und Ruhr bleibt trotzdem ein wirtschaftliches Kraftzentrum der Republik. Und verändert sich.
Zur Person
© Uni DuisburgRudolf Juchelka
Rudolf Juchelka ist Professor für Wirtschaftsgeographie mit dem Schwerpunkt Verkehr und Logistik an der Universität Duisburg-Essen. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Strukturwandel im Ruhrgebiet, aber auch in anderen Regionen: Nordosten der USA, Ölstaaten am Golf, Osteuropa und Kaukasus. Juchelka ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie.
Wirtschaftsraum Ruhrgebiet
LupeDas Ruhrgebiet stellt weder eine landschaftliche noch eine politische Einheit dar, sondern eher einen wirtschaftsgeographischen Raum.
Das Gebiet umfasst 53 selbstständige Städte und Gemeinden mit den elf kreisfreien Städten Bochum, Bottrop, Dortmund, Duisburg, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hamm, Herne, Mülheim, Oberhausen und den Kreisen Ennepe-Ruhr, Recklinghausen, Unna und Wesel.
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Eine Lange Nacht über das Ruhrgebiet hat der Deutschlandfunk im April dieses Jahres produziert.