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© AP Video
"The Counselor" (Michael Fassbender) lässt sich von seinem exzentrischen Ex-Klienten (Javier Bardem) zu einem undurchsichtigen Drogendeal überreden.
Fressen oder gefressen werden
Ridley Scotts Drogen-Thriller "The Counselor"
Wenn in Mexiko Drogen verbrannt werden, ist das medienwirksam, aber sinnlos. Die Regierung hat den Drogenkrieg längst verloren. Hollywood hat das Thema entdeckt, Ridley Scott es mit "The Counselor" grandios verfilmt.
Es beginnt mit einem trügerischen Idyll: einer hinreißenden Liebesszene zwischen Michael Fassbender und Penelope Cruz. Doch der Held des Films hat nicht einmal einen Namen. Alle nennen ihn nur "Counselor" - "Anwalt". "Sie ist die einzige Figur, der man trauen kann", erklärt Penelope Cruz über ihre Filmfigur. "Alle anderen treffen Entscheidungen, die ihr Leben und das der anderen verändern. Sie darf nicht entscheiden. Sie findet sich mitten in einer schrecklichen und dunklen Geschichte wieder und hat keine Ahnung."

Der Anwalt will der bildschönen Frau seiner Träume ein gutes Leben bieten und lässt sich von seinem ehemaligen Klienten Reiner (Javier Bardem), einem exzentrischen Clubbesitzer, überreden, bei einem undurchsichtigen Drogendeal einzusteigen. Bisher hat der "Anwalt" Papierkram für die Typen vom Kartell erledigt. Jetzt will er abkassieren. Nur ein einziges Mal. Es ist ein Pakt mit dem Teufel. In einem Laster sollen die Drogen geschmuggelt werden. Viele verdienen mit, doch die Drahtzieher zeigt der Film nicht. Es geht um abgründige Gier und das Ende der Moral. Der Film folgt einem Fäkalienlaster auf einer dreckigen Odyssee durch die menschliche Seele - und durch Mexiko. "Entweder du machst, was das Kartell und die korrupten Polizisten sagen, oder sie knallen dich ab", erklärt Michael Fassbender. "So läuft das in Mexiko. Ich kenne Fotos, wo man Leute tot von einer Brücke hängen sieht. Die Macht der Kartelle reicht unglaublich weit."

Scott: "Die Kartelle regieren das Land"
Und das ist die Realität: Ciudad Juarez an der amerikanisch-mexikanischen Grenze gilt als gefährlichste Stadt der Welt. Jeden Tag werden dort sieben Menschen ermordet. Es sind die Opfer in einem absurden Drogenkrieg zwischen verfeindeten Kartellen, Polizei und Militär. Leichen werden brutal verstümmelt, enthauptet, als Warnung an Brücken gehängt. "Man müsste die amerikanische Armee da reinschicken, um mit den Kartellen aufzuräumen", sagt Regisseur Ridley Scott. "Die Kartelle regieren das Land - wie damals in Kolumbien. Aber diesmal, in Mexiko, werden die Amerikaner sich nicht in den Drogenkrieg einmischen - weil sie leider zu viele andere Probleme haben. Auch sie leben gut vom Drogengeld, denn sie haben verstanden: fressen oder gefressen werden.

Keiner kann brillanter über Bösewichter schreiben als Cormac McCarthy. Der Pulitzer-Preisträger hat das Drehbuch zu "The Counselor" verfasst - in einer kreativen Pause zwischen zwei Romanen, zur Entspannung sozusagen, anstatt wie andere in die Karibik zu fahren. Dass er ein Spezialist für menschliche Abgründe ist, hat er in Büchern wie "No Country For Old Men" oder "The Road" hinlänglich bewiesen. Das Drehbuch zu "The Counselor" ist so grandios, dass am Oscar kaum ein Weg vorbei führt. "Der Counselor ist wie eine Figur in einer antiken Tragödie", sagt Cormac McCarthy. "Er ist ein anständiger Kerl, der eines Morgens aufsteht und beschließt, etwas Falsches zu tun. Mehr braucht man nicht. Viele Tragödien in der Literatur erzählen genau das. Eine falsche Entscheidung genügt. Wissen Sie, manche Menschen führen ein liederliches Leben, stellen ständig böse Dinge an, sterben aber friedlich im Bett mit 102 Jahren. Doch der Counselor ist nicht so Typ."

Der Schurke als Philosoph
Natürlich geht etwas gründlich schief. Die Jagd nach dem Schuldigen beginnt so unaufhaltsam wie die Reise der verbotenen Fracht. Es ist ein pessimistischer Blick auf die Verfasstheit des Menschen und auf eine Welt, in der Grenzen für Arme unpassierbar sind, für Drogen nicht. Die Dialoge im Film sind ein Geniestreich: Verbrecher, so nachdenklich wie französische Existenzialisten. Der Schurke als Philosoph. "Der Autor Cormac McCarthy will die Dinge beim Namen nennen", so Ridley Scott. "Vielleicht ist er deshalb so erfolgreich: weil die Leute tief in ihrem Inneren die Wahrheit wissen wollen. Sie wollen keine Lügen vorgesetzt bekommen. Nach dem Motto: Es ist alles eitel Sonnenschein und sie leben glücklich bis ans Ende. Nicht bei Cormac."

"The Counselor" macht aus einem brisanten politischen Thema einen rasanten und sehr elegant erzählten Thriller. Ridley Scott zeigt sich in Bestform. Der Regisseur von Klassikern wie "Blade Runner" und "Alien" knüpft nahtlos an seine großen Filme an. Eine Parabel über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, würde Nietzsche sagen. "The Counselor" ist Kino vom Feinsten!

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Film
"The Counselor"
US/GB/ES 2013
Regie: Ridley Scott
Darsteller: Michael Fassbender, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem, u.a.
Kinostart:
DE/CH/AT: 28.11.2013
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