© dapd
"Kleines Land" von Gaël Faye landete im Oktober 2016 in Frankreich auf Platz 1 der Bestsellerliste in der Kategorie Roman.
"Kleines Land" von Gaël Faye landete im Oktober 2016 in Frankreich auf Platz 1 der Bestsellerliste in der Kategorie Roman.
Apokalypse einer Kindheit
"Kleines Land" von Gaël Faye
Frankreich ist 2017 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Im Programm der deutschen, österreichischen und schweizerischen Verlage lassen sich daher wahre Schätze der französischen Gegenwartsliteratur heben. "Kulturzeit"-Mitarbeiterin Nora Karches hat unter anderem "Kleines Land" von Gaël Faye entdeckt, das im Oktober 2016 in Frankreich auf Platz 1 der Bestsellerliste in der Kategorie Roman landete.
Der Rapper Gaël Faye erinnert sich in "Kleines Land" an das verlorene Paradies seiner Kindheit und an das Jahr 1994, als der Genozid in Ruanda die gesamte Region verwüstete. Der Roman wurde mit dem Prix Goncourt des lycéens ausgezeichnet.

"Bist du aus einem Land, dort geboren, eingeboren, wie es heißt, hast du das Haar seiner Bäume, das Fleisch seiner Erde, die Knochen seiner Steine, das Blut seiner Flüsse, seinen Himmel, seinen Duft, seine Männer und Frauen in den Augen, in der Haut, in den Händen ..."

Gabriel liest das Gedicht des haitianischen Autors Jacques Roumain, wenn er in Frankreich nachts nicht schlafen kann. Für ihn ist es die Quintessenz seines Lebens im Exil, er fühlt sich mit seiner ostafrikanischen Heimat Burundi untrennbar verwachsen. Als er vor 20 Jahren als Kind geflohen ist, hat er das Gedicht mitgenommen.

Die Implosion eines Landes und einer Familie
Fayes Protagonist ist wie er selbst Sohn eines französischen Vaters und einer ruandischen Mutter. "Kleines Land" erzählt seine Kindheit vor dem Völkermord im Nachbarstaat Ruanda: Mangobäume. Ein Papagei, der die Marseillaise pfeift. Ausgelassene Feste im Garten der Familienvilla im Reichenviertel der Hauptstadt. Die Identität von Gabriel ist im Roman so zusammengewürfelt wie die Poster an den Wänden: "France Gall hing zwischen Michael Jackson und Jean-Pierre Papin, ein Foto von Johannes Paul II. in Burundi verdeckte ein Bein von Tina Turner und die Gitarre von Jimi Hendrix, eine kenianische Zahnpastawerbung klebte auf einem Bild von James Dean." Doch selbst der junge Erzähler spürt, dass sich in Burundi etwas verändert: "In den verschlafenen Provinzen kennen sie keinen schöneren Zeitvertreib als ein bisschen Blut in den stillen Mittagsstunden." Wie ein Kartenhaus fällt Gabriels Familie in sich zusammen, als nach dem Staatsstreich in Burundi 1993 der schwelende interethnische Konflikt zwischen Hutus und Tutsis eskaliert.

Gaël Faye übersetzt in seinem ersten Roman seine traumatische Entwurzelung in poetisch-sinnliche Worte: "Ich wohne nirgends mehr. Wohnen bedeutet, mit der Topografie eines Ortes zu verschmelzen, den Körper in die Furchen und Spalten seiner Umgebung einzulassen. Nichts davon hier." Phasenweise wirkt in der ersten Hälfte des Romans die Darstellung der Kindheit à la Huckleberry Finn in Burundi, bei der Blick des Erwachsenen mit dem des Kindes verschmilzt, etwas sentimental und einige ornamentale Sätze brechen beinahe unter der Last der Adjektive zusammen: "Sonnenstrahlen ließen aus dem nassen Boden rosa Nebelspiralen über der riesigen grünen Ebene aufsteigen, durch die das ockerfarbene Wasser des Rusizi-Flusses strömte."

Doch sobald man das Ausmaß der Katastrophe begreift, versteht man, dass ein Land und eine Kindheit, die auf diese Weise zerstört wurden, aus der Retro-spektive wohl kaum anders erzählt werden können. Der Roman entgeht dann auch dem Vorwurf, mit dem sich Afrikanische Literatur häufig konfrontiert sieht: Faye exotisiert keineswegs in einer blumigen Sprache das Leben der Afrikaner und beschwört auch keine üppige, unberührte Natur, um westlichen Vorstellungen zu entsprechen.

Autochthone afrikanische Stoffe
Im Westen wird vor allem afrikanische Literatur gelesen, die sich mit dem Fortwirken des Kolonialismus auseinandersetzt. Gaël Faye dagegen repräsentiert eine junge frankophone Literatur aus Afrika, die den Mut aufbringt, der westlichen Leserschaft autochthon-afrikanische Stoffe vorzusetzten. Für Leser aus Europa öffnet der ruandisch-französische Schriftsteller einen neuen Blick auf den ärmsten Kontinent der Welt. Er zeichnet in "Kleines Land" in wenigen ausdrucksstarken Szenen die Apokalypse eines Krieges, in dem auch die Kinder schuldig werden: "Völkermord ist ein schwarzer Sumpf, wer nicht darin unter-geht, ist für sein Leben verseucht."

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
© privatLupeNora Karches
Unsere Mitarbeiterin Nora Karches studiert in Mainz Weltliteratur und lebt zurzeit in Frankreich. Sie hat bisher vor allem afrikanische Literatur gelesen, die sich mit dem kolonialen Erbe Frankreichs auseinandersetzt, wie der 2016 erschienene Roman "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung" des französisch-algerischen Autor Kamel Daoud. An Gaël Fayes Roman "Kleines Land" hat ihr besonders gefallen, dass der Autor über Frankreich und das ostafrikanische Burundi schreibt, ohne den Postkolonialismus ins Zentrum zu stellen.
Buch
"Kleines Land"
von Gaël Faye
Piper 2017
ISBN-13: 978-3-492-05838-4
Zum Autor
Gaël Faye
Gaël Faye ist Mitglied der Hip-Hop-Band Milk Coffee & Sugar, 2017 ist zudem sein zweites Solo-Album erschienen. Seine ruandische Mutter ging alleine nach Frankreich, als der Schriftsteller vier Jahre alt war, sein französischer Vater lebt noch immer in Afrika. Gaël Faye zog mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach Kigali, in die Hauptstadt Ruandas, nachdem er seinen autobiografischen Roman "Kleines Land" beendet hatte.