© Nora Karches
"Das Leben des Vernon Subutex" ist der auf Deutsch erschienene erste Teil einer Romantrilogie, deren Autorin in Frankreich als das literarische Phänomen der 2010er Jahre gehandelt wird.
"Das Leben des Vernon Subutex" ist der auf Deutsch erschienene erste Teil einer Romantrilogie, deren Autorin in Frankreich als das literarische Phänomen der 2010er Jahre gehandelt wird.
Jenseits von Liberté, Égalité und Fraternité
"Das Leben des Vernon Subutex" von Virginie Despentes
Frankreich ist 2017 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Im Programm der deutschen, österreichischen und schweizerischen Verlage lassen sich daher wahre Schätze der französischen Gegenwartsliteratur heben. "Kulturzeit"-Mitarbeiterin Nora Karches hat unter anderem die Roman-Neuerscheinung "Das Leben des Vernon Subutex" von Virginie Despentes entdeckt.
Wer ist diese Autorin, die mit ihrem Romandebüt "Baise-moi", zu deutsch "Fick mich", in den 1990er Jahren als Enfant Terrible vom Feuilleton in die Porno-und Splatterecke verbannt wurde und die heute in der Jury des Prix Goncourt, des angesehensten französischen Literaturpreises, sitzt? In ihrem Roman "Das Leben des Vernon Subutex" tranchiert sie die französische Gesellschaft mit dem Fleischmesser und serviert den Lesern Scheibe für Scheibe ein Paris im 21. Jahrhundert, das politisch und ökonomisch aus den Fugen geraten ist.

Subversiv und unzähmbar
Jenseits der 40 sein Glaube an "live fast, die young", Koks und die Unsterblichkeit des Rock'n'Roll noch immer ungebrochen: Vernon Subutex. Nachdem der ehemalige Besitzer eines Szene-Plattenladens in Paris seine Wohnung verloren hat, gerät sein Leben in eine Abwärtsspirale. Eigentlich hat der charismatische Franzose in seiner Vergangenheit nichts grundlegend falsch gemacht, doch nach einer Odyssee durch Paris endet Subutex auf der Straße. Despentes verknüpft das Scheitern ihres Protagonisten mit einer ganzen Schar unterschiedlichster Nebenfiguren. Vernons Handeln fungiert als Katalysator des Geschehens.

Es entsteht ein Längsschnitt durch Paris im Jahr 2015. Ein Investor, der in seinem Loft wilde Kokainpartys gibt. Rechte Fernsehproduzenten. Ehemalige Pornodarstellerinnen. Gewalttätige Altrocker. Schließlich die Pariser Obdachlosen, die immerhin stolz sind, nicht in den Tretmühlen des Kapitalismus gefangen zu sein. Doch was heißt schon oben, was unten? Multiperspektivisch lässt Despentes jede der Figuren ihre Wut artikulieren: Kapitalismus, Digitalisierung, die Zuwanderungspolitik und Diskriminierung von Minderheiten sind die drängenden Fragen der Zeit in einem Frankreich, das sich weit von Liberté, Égalité und Fraternité entfernt hat.

Seismograph der sozialen Erschütterungen Frankreichs
In den letzten Jahren waren etliche Autorinnen und Autoren extrem erfolgreich, deren Romane in einem Absteigermilieu spielen, und die Figuren, die psychisch und physisch zerstört sowie nicht mehr ganz jung sind, ins Zentrum rücken: Heinz Strunk, Benjamin von Stuckrad-Barre und natürlich nicht zu vergessen – Michel Houellebecq. Despentes' "Das Leben des Vernon Subutex" ist ein großartiger Roman über den Absturz eines Rock'n'Rollers, voll sprühender Situationskomik und dabei gleichzeitig politisch. Sie betont in Interviews stets, dass "Das Leben des Vernon Subutex" kein Panoptikum der Loser ist, ihre Figuren seien ganz normale Menschen aus Paris in ihren 40ern.

Phasenweise hat man den Eindruck, dass sich die Autorin nicht entscheiden kann, ob ihr Schwerpunkt in der Verurteilung der bestehenden Verhältnisse in Frankreich besteht, oder ob sie Subutex lieber als mittellosen Bohemien in einem feindlichen Paris stilisieren möchte. Die Mischung aus beidem funktioniert nicht immer. Zudem wirkt die deutsche Übersetzung in manchen Passagen etwas aus der Zeit gefallen: "Er war der coole Straßenwolf" oder "Ein Stiefellecker mit der Fresse eines Klassenprimus" klingt ein bisschen so, als hätte man versucht, Despentes mithilfe eines schon etwas älteren Wörterbuches für Jugendsprache zu übersetzen. Das Original ist hier nüchterner. Virginie Despentes bedient sich in ihrer Romantrilogie einer unbehauenen Sprache und der Themenkomplex Gewalt-Sex-Drogen ist seit ihrem Debüt das Steckenpferd der Autorin. Literarische Kost, die nicht jedem schmeckt, doch das ändert nichts daran, dass Despentes schreiben kann. Sie schreckt nicht zurück vor Figuren, die keinerlei Identifikationspotenzial bieten und zeichnet sie aus der Ich-Perspektive als plastische und authentische Antihelden. Unter ihnen der ultrarechte Xavier oder der Alkoholiker Patrice, der Frauen schlägt:

"Wenn ich auf die Gewalt verzichte, was bleibt mir dann? Ich bin kein verfickter Zahnklempner [...] Ich habe keinen sozialen Status. Ich habe keine berufliche Zukunft. Wenn ich auf die Gewalt verzichte, wann fühle ich mich dann als Herr? Ehrlich mal, wer respektiert einen unterwürfigen Proleten?"

Das ist eine außergewöhnliche Leistung - besonders für eine Schriftstellerin, die mit 17 vergewaltigt worden ist. An Wut und Street Credibility hat Virginie Despentes in ihrem literarischen Comeback absolut nichts eingebüßt. "Das Leben des Vernon Subutex" überzeugt als Pop-Literatur und politische Anklage in einem, ihr Held Vernon Subutex ist in Frankreich jetzt schon Kult.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
live um 19.20 Uhr
Zur Person
© privatLupeNora Karches
Unsere Mitarbeiterin Nora Karches studiert in Mainz Weltliteratur und lebt zurzeit in Frankreich. Besonders amüsiert hat sie, wie der französische Verleger von "Vernon Subutex" mit dem Erfolg umgeht. In "Le Monde" macht Olivier Nora seinem Ärger Luft, dass in Frankreich die Kritiker einhellig begeistert sind: Subutex werde zur Bibel unseres Jahrtausends, Jesus-Vernon habe seine Propheten gefunden. Er wünscht sich mehr Skandal und weniger Konsens.
Buch
"Das Leben des Vernon Subutex"
von Virginie Despentes
Kiepenheuer&Witsch 2017
ISBN-13: 978-3-462-04882-7
Zur Autorin
Virginie Despentes
Die französische Presse bezeichnet die Autorin als "Virginie Phénomène Despentes". In Frankreich ist 2017 der dritte und letzte Teil der Romantrilogie "Das Leben des Vernon Subutex" erschienen. Der erste Band ist mit dem Prix Anaïs Nin prämiert worden, der Werke auszeichnet, die sich den gängigen Moralvorstellungen entgegenstellen. Despentes ist Schriftstellerin, Feministin und Filmschaffende und hat früher unter anderem als Musikerin und Pornodarstellerin gearbeitet.