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"Die Hippies wollten den Traum eines vernetzten Bewusstseins verwirklichen", sagt der Kulturhistoriker Fred Turner, "eine Welt, in der LSD das Bewusstsein erweitert und Menschen virtuell miteinander verbindet.
Das Erbe der Hippies
Wie die Blumenkinder den Weg fürs Silicon Valley ebneten (3/3)
Mit den Hippies verbinden viele das legendäre Woodstock-Festival, die Anti-Kriegs-Proteste oder das Engagement für die Umwelt. Dabei liegt das wahre Erbe der Hippie-Bewegung darin, dass sie dem Silicon Valley und dessen ungebremstem Fortschrittsglauben zum Durchbruch verholfen hat, sagt "Kulturzeit"-Redakteur Cornelius Janzen, der sich in der San Francisco Bay Area auf die Suche nach dem Erbe der Hippes begeben hat.
Die Technologie als Weg der Selbstverwirklichung - dieser Paradigmenwechsel keimte mit den Hippie-Kommunen auf dem Land auf. Heute ist dieser fester Bestandteil unserer Kultur geworden. Doch die Experimente des Zusammenlebens scheitern. Kaum eine der Kommunen überlebt. Die Kommune, in der Ramon Sender lebte, setzten die Hippies 1973 selbst in Brand - kurz bevor sie von den Behörden planiert werden sollte. Sie wollten den Bewusstseinswandel und fielen in der Praxis doch zurück auf das Bewusstsein der Welt der US-amerikanischen Vorstädte.

"Die Kommunen, die ich untersucht habe, zeichneten sich vor allem durch ihre Doppelmoral aus", sagt Fred Turner. "Die Geschlechterrollen waren sehr rigide. Die Männer hatten das Sagen und die Frauen bekamen Kinder und kümmerten sich ums Essen. Sie waren ausschließlich weiß. Da sie jedoch keine Regeln hatten, flüchteten sich viele der Kommunarden in eine Welt der Stereotype. Sie begannen sich auf die Normen der Vorstädte zu verlassen, aus denen sie kamen. So reproduzierten sie mit den Kommunen die Vorstädte mit all ihren Vorurteilen."

Eine Konferenz mit Hippies und Hackern
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Howard Rheingold erfand den Begriff "virtuelle Gemeinschaft".
Der Traum eines alternativen Lebens scheint ausgeträumt, als Ronald Reagan zum US-Präsident gewählt wird (1980). Die ehemaligen Hippies fragen sich, was aus ihrer Revolution geworden ist. 1984 organisiert "Whole Earth Catalog"-Gründer Stewart Brand eine Konferenz, auf der er Hippies mit Hackern zusammenbringt. Wie einst LSD, wird nun der Personal Computer als Technologie der Selbstbefreiung gefeiert - in dieser Technologie sehen die Hippies einen Weg, ihren Ideen doch noch zum Durchbruch zu verhelfen. "LSD eröffnet einem neu Möglichkeiten", sagt Computervisionär Howard Rheingold. "Der Personal Computer zeigte mir, dass es eine Möglichkeit gab, Werkzeuge zu nutzen, die ursprünglich dem Militär und der Wissenschaft vorbehalten waren."

In Mill Valley, Kalifornien, lebt Howard Rheingold, Ex-Hippie und Computervisionär. Er hat für den Nachfolger des "Whole Earth Catalog" gearbeitet, den "Whole Earth Review". Schon in den 1990er Jahren hat er den Begriff "virtuelle Gemeinschaft" erfunden und damit die Welt der Social Media vorweggenommen. Heute ist er 69 Jahre. Jeden Samstag trifft er sich mit Ingenieuren und Startup-Gründer in seinem Garten. Ein Paralleluniversum. Sie nennen sich das "Pataphysische Studio". Eine Art Dada-Kunstgruppe. Momentan arbeiten sie an einer Zeitmaschine. "Bei uns lebt der Spirit der Hippies weiter", sagt er. "Wir wollen autonom sein, alles selber erschaffen. Warum also nicht an einer Zeitmaschine arbeiten. Es geht darum, Zugang zu Werkzeugen zu bekommen. Und die Werkzeuge, über die wir heute verfügen, sind um einiges mächtiger als in den 1960ern. Man könnte auch sagen, dass es eine direkte Verbindung vom 'Whole Earth Catalog" zu unserer Zeitmaschine gibt."

Die WG der Tech-Elite von morgen
Mit Technologie die Welt zu einem besseren Ort machen - im Silicon Valley ist dieser Geist der Hippies omnipräsent. In der Rainbow-Villa in Mountain View - nur einen Katzensprung vom "Google"-Hauptquartier entfernt - lebt die Tech-Elite von morgen unter einem Dach - eine moderne Kommune mit acht Mitbewohnern. Alle arbeiten für Technologie-Firmen aus dem Silicon Valley. Jeden Sonntag laden sie zum Community-Dinner, meist folgt noch ein Tech-Talk. Bei meinem Besuch grillen sie gerade auf der Veranda, anschließend spricht eine junge Wissenschaftlerin über genetische Selbsttests. Die jungen Wissenschaftler und Ingenieure - alle aus den Ivy-League-Universitäten des Landes - sind freundlich, aber skeptisch gegenüber den Medien.

Einer der Bewohner des Hauses möchte zwar interviewt werden, doch den Namen der Suchmaschine, für die er arbeitet, dürfen wir nicht nennen. Er entwickelt Hardware für Virtual-Reality-Brillen. Über die Folgen von Technik macht er sich keine Gedanken. Manche seiner Mitbewohner würden daran arbeiten, das Weltall zu kolonisieren und damit die Welt zu verändern. Doch er möchte einfach nur cooles Zeug kreieren, sagt er. "Technologie ist nur ein Werkzeug", ist er überzeugt. "Man kann sich darüber den Kopf zerbrechen, welche Konsequenzen sie hat, doch eigentlich ist das vergeben Liebesmühe." "In der Hoffnung, dass man allein mit einem technologischen Wandel die Welt verbessern kann, ist einfach naiv", sagt Kulturhistoriker Fred Turner. "Ich denke, dass wir uns über die sozialen Konsequenzen dieser Technologie klar werden müssen und dass wir Technik benötigen, die auch sozial von Bedeutung ist."

Das Silicon Valley hat von den Hippies die Aura der Weltverbesserer geerbt. Change the world - dieser Slogan täuscht heute mehr denn je. Der kalifornische Hippie-Traum eines vernetzten Bewusstseins hat uns nicht befreit, sondern aus unsern geheimsten Wünschen bare Münze für Big-Data-Konzerne gemacht. Und das ist paradoxerweise das wahre Erbe der Hippies.

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