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Themen am 28.03.2017Navigationselement
© dpa Lupe
In Berlin ist vor dem Maxim-Gorki-Theater eine Arena mit vier lebenden libyschen Tigern aufgebaut.
"Europa zum Fraß vorwerfen"
Streit um Aktion "Flüchtlinge Fressen" in Berlin
Kommt jetzt das Aus für die Berliner Kunstaktion "Flüchtlinge Fressen" vor dem Maxim-Gorki-Theater? Der Bezirk Mitte will das Projekt mit dem Tiger-Gehege vor dem Theater stoppen. Die Bühne wehrte sich gegen die Vorwürfe und stellte sich demonstrativ hinter die Kunstaktion der Gruppe "Zentrum für politische Schönheit".
Der Bezirk Berlin Mitte argumentiert, dass die Aktion als Informationsveranstaltung zum Grundgesetz angemeldet gewesen sei. Es handele sich aber um eine beabsichtigte politische Provokation, so der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts Mitte, Harald Büttner, am 21. Juni 2016. Für eine solche Versammlung wäre die Polizei als Anmelder zuständig gewesen. Der Bezirk fühlt sich über den Charakter der Veranstaltung getäuscht. Er hat den Aktivisten die Genehmigung entzogen, wie Büttner erläuterte. "Morgen sind sie im rechtsfreien Raum." Sie müssten dann mit dem Abbau beginnen. Wie am 22. Juni bekannt wurde, setzt die Behörde dem Gorki-Theater eine Frist von zehn Tagen, um "das öffentliche Straßenland" zu räumen.

Bühne: "Wir sind Theater und machen Kunst"
Das Zentrum für politische Schönheit konterte auf Facebook: "Wir machen gerade die versprochene Informationsveranstaltung und bauen gar nichts ab. Seit wann können Informationen nicht mehr provozieren?" Auch die Bühne teilte mit: "Die Arena vor dem Maxim-Gorki-Theater bleibt stehen." Der geschäftsführende Direktor Jürgen Maier sagte, das sei ein Kunstprojekt. Dieses sei im Mai auch als Theaterprojekt vom Grünflächenamt genehmigt worden. "Wir sind ein Theater und machen Kunst."

Die Bühne bestätigte am 22. Juni den Eingang des Bescheids und kündigte an, beim Straßen- und Grünflächenamt Widerspruch einlegen zu wollen. "Das Gorki wird den objektiven Kunstbetracher*Innen vom Straßen- und Grünflächenamt eine Ausgabe des Grundgesetztes schicken, die das Zentrum für Politische Schönheit allabendlich an die Tiger verfüttert", so Jens Hillje, Co-Intendant des Maxim Gorki Theaters in einer Pressemitteilung. Außerdem werde das Theater beim Verwaltungsgericht Klage einreichen. Die täglichen Veranstaltungen vor der Arena fänden weiterhin statt.

Drastische Maßnahmen angekündigt
Die Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit, bekannt für provokante Aktionen, hat vor dem Maxim-Gorki-Theater eine Arena mit vier lebenden libyschen Tigern aufgebaut. Mit ihrer Aktion will die Gruppe die Bundesregierung dazu bringen, am 28. Juni 2016 insgesamt 100 Syrer mit dem Flugzeug "Joachim 1" aus der Türkei nach Deutschland zu ihren Angehörigen ausfliegen zu lassen. Die Personendaten der Passagiere lägen der Bundesregierung und den zuständigen Behörden vor, teilte die Initiative mit.

Gebe es ein Nein oder gar keine Reaktion seitens der Regierung, kündigte das Zentrum für politische Schönheit drastische Maßnahmen an: Am selben Tag werde sich eine Gruppe Flüchtlinge "Europa zum Fraß vorwerfen" und sich freiwillig in aller Öffentlichkeit fressen lassen. Angeblich gebe es schon sieben Flüchtlinge, die dazu bereit wären, sagte eine Aktivistin. Doch ist das alles wirklich ernst gemeint? "Wer uns kennt und unsere Arbeitsweise, der weiß, dass wir halten, was wir versprechen", sagte der Künstler Philipp Ruch am 16. Juni.

Skaf: "Ich habe nichts mehr zu verlieren"
Eine davon könnte die syrische Schauspielerin May Skaf sein. Sie fordert die Annullierung der entsprechenden EU-Richtlinie (2001/51/EG), die Fluggesellschaften mit enormen Strafen belegt, wenn sie Passagiere befördern, die kein Visum besitzen. Dieser Paragraf habe Tausende Flüchtlinge zur tödlichen Überfahrt von der türkischen oder libyschen Küste nach Europa gezwungen.

Skaf drohte am 20. Juni damit, sich ähnlich wie im alten Rom den Tigern vorwerfen zu lassen, wenn die Politik nicht in den nächsten acht Tagen ein deutliches Zeichen setze. "Ich werde mich von Europa fressen lassen", so Skaf. Sie berichtete unter Tränen von ihrer Flucht, dem Krieg und rief dazu auf, das Sterben im Mittelmeer zu beenden. "Ich habe nichts mehr zu verlieren, weil ich alles verloren habe."

Das Bundesinnenministerium hatte die Aktion bereits als "zynisch" bezeichnet. Der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner erklärte am 20. Juni, es liege in der Verantwortung des Gorki-Theaters, welche künstlerischen Gruppen es einlade. Und: "Die Aufgabe von Kunst ist nicht, bequem zu sein."

Schwerpunkt
Flüchtlingskrise
Kulturzeit-Schwerpunkt zur Debatte
nano
Rekord bei Flüchtlingszahlen: "Zwei entwurzelte Menschen pro Atemzug"
UN beklagt ein Rekordhoch an Flüchtlingen
Info
Tierschutz
Auf den Tierschutz werde geachtet, heißt es. Die Tiger kämen aus privatem Besitz aus dem Saarland und hätten im Gehege mehr Platz als die Flüchtlinge, die im Tempelhofer Flughafen untergebracht sind. Einwände aus Sicht des Tierarztes, der die Aktion kontrollierte, gebe es nicht.
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