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Themen am 11.12.2017Navigationselement
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Die "Rote Flora" ist ein politischer Ort, in dem diskutiert und Widerstand organisiert wird: gegen Repression, Rassismus und die Räumung.
Besetzt, umkämpft, umstritten
Die "Rote Flora" in Hamburg
Die "Rote Flora" in Hamburg ist seit einem Vierteljahrhundert alternatives Kulturzentrum und Trutzburg der autonomen Szene. Der Haupteingang ist zugemauert, am Seiteneingang fehlt der Türgriff. Rein kommen Sympathisanten, Politiker oder die Presse nur selten. Wir durften - ausnahmsweise.

Die "Rote Flora" ist unverträglich und will es auch bleiben, erklärt Besetzer Andreas: "Wir hier an der Flora sagen, dass sich Besetzung als politische Organisationsform bewährt hat und dass wir das auch als ein politisches Statement zu den herrschenden Verhältnissen betrachten und deswegen an dem Punkt auch verteidigen wollen." Literaturwissenschaftler Andreas ist von Anfang an dabei, gehört zu denen, die das ehemalige Varieté im Hamburger Schanzenviertel aus Protest gegen den Umbau zu einem Musical-Theater 1989 besetzen - und sich immer wieder Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht liefern. Ihnen geht es um das Schaffen und Verteidigen von Freiräumen jenseits staatlicher Ordnung und gesellschaftlicher Zwänge - damals wie heute:

  • "Es geht um die Idee, einen Raum öffentlich kollektiv zu organisieren und all das, was in dieser Gesellschaft damit verbunden wird, also Gewinnmaximierung - es geht um Geld, es muss sich rentieren - diese Logik hier an diesem Ort zumindest partiell außer Kraft zu setzen."

Politischer Ort
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"Die Flora muss bleiben", so die meisten Bewohner des Viertels.
Abweisend wirkt die Flora und will doch ein öffentlicher Ort sein. Die maroden, in Eigenregie in Stand gehaltenen Mauern beherbergen Proberäume für Musikbands. Es gibt kostenlose Konzerte und Lesungen. Im Keller werden Fahrräder repariert - Hilfe zur Selbsthilfe mit Ersatzteilen aus Spenden. Im Obergeschoss befindet sich das Archiv der sozialen Bewegung, mit zehntausenden Zeitschriften und Fotos, zu geregelten Öffnungszeiten für jeden zugänglich. Es ist ein politischer Ort, in dem diskutiert und Widerstand organisiert wird: gegen Repression, Rassismus und die Räumung der Flora. "Die Flora muss bleiben", sagen die meisten Bewohner des Viertels - und selbst manche, die woanders wohnen und ideologischer Nähe zum Linksextremismus unverdächtig sind.

Der Staatsrechtler und ehemalige CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Ulrich Karpen etwa hält die "Rote Flora" für einen "farblich interessanten Fleck in Hamburg. Alternative junge Menschen kümmern sich um die 'Rote Flora', haben dort ihre Treffen, ihre Aufführungen, ihre Konzerte. Das ist das eine. Das zweite ist, dass in der Stadt nicht klug damit umgegangen worden ist. Eine Stadt wie Hamburg mit zwei Millionen Einwohnern muss ein solches alternatives Zentrum ertragen." Muss sie das? Diese Frage stellt sich immer dann, wenn im Umfeld der Flora die Gewalt eskaliert. So, wie im Dezember 2013, als bei einer Demo Flaschen, Steine, Brandsätze fliegen, Hunderte von Polizisten und Demonstranten bei stundenlangen Krawallen verletzt werden. Die Flora verteidigt ihre Militanz: "Die Tatsache, dass wir hier sitzen, ist ja unter anderem auch dem geschuldet, dass die Flora militant erkämpft worden ist", erklärt Besetzer Florentin:

  • "Und wenn wir uns hier immer nur am Kaffeetisch mit den Herrschenden zusammengesetzt hätten, dann würde es uns heute schon lange nicht mehr geben. Insofern liegt es natürlich auch in der Biografie der Flora selbst, dass wir Militanz als ein Mittel nicht ausschließen."

"Nicht jeder Stein, der geworfen wird, ist gut"
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"Rote Flora" - Krawall und Kommerz
Was aber, wenn die Bürger Gewalt ablehnen und viele die Errichtung sogenannter Gefahrengebiete begrüßen, die der Polizei verdachtsunabhängige Kontrollen ermöglicht? Was, wenn die öffentliche Debatte über Gewalt und Gefahrengebiete alle anderen Themen in den Hintergrund drängt? Die Räumung der Esso-Häuser, den Umgang mit afrikanischen Flüchtlingen, den Erhalt der Flora? "Nicht jeder Stein, der geworfen wird, ist gut", sagt Florentin. "Aber an dem Punkt anzusetzen und zu sagen: 'Ah, da erschreckt uns jetzt die Gewalt, während kein Mensch über die strukturelle Gewalt, die uns jeden Tag begegnet, spricht, das finden wir falsch und daher werden wir uns davon auch nicht distanzieren."

Gewalt als legitimes Gegenmittel zur Gewalttätigkeit eines Staates, in dem Mieten unerschwinglich, Flüchtlinge abgeschoben und Obdachlose vertrieben werden - das ist der wunde Punkt in jeder Diskussion über die Flora. Vor allem dann, wenn Gewalt zum Selbstzweck wird. Randale bei Demos oder dem traditionellen Schanzenfest, blindwütige Zerstörung von Läden oder Fahrzeugen und im Gegensatz dazu spaßige Hip-Hop-Konzerte in der Flora. Krawall und Kommerz - die Gewichte hätten sich in der Flora in den letzten Jahren verschoben, sagt Manfred Murck, Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes. Und zwar ein bisschen in die Richtung, "dass weniger die, die im engeren Sinne politisch aktiv und überzeugt waren, dort das Sagen hatten, sondern andere Gruppen. Es gibt viele Musikkonzerte. Die sind auch Ausdruck der Szene, aber da ist auch schnöde Geldmacherei mit am Werke. Das heißt, die Flora selbst hat wohl für sich auch den Eindruck, sie haben einen Teil ihrer Tradition, ihres Kerns verloren."

Es geht ums Prinzip
Ihre Symbolkraft hat die Flora nicht verloren. Sie bleibt ein Stachel im Fleisch der Stadt, die das Gebäude für 1,1 Millionen Euro zurückkaufen will - vom Immobilienhändler Klausmartin Kretschmer, dem sie es 2001 verkaufte, um Ruhe zu haben. Kretschmers Pläne, die Flora kommerziell nutzen zu wollen, haben diesen Burgfrieden beendet. Darf die Stadt nun öffentliche Gelder verwenden, um die Flora unter eine Art Naturschutz zu stellen? "Ich will mal nur etwas zynisch antworten", sagt Staatsrechtler Ulrich Karpen: "Wir sind bei der Elbphilharmonie als einem öffentlichen Kulturzentrum inzwischen bei 800 Millionen. Macht das den Kohl fett?" Wohl kaum. Aber Geld ist keine Lösung. Denn den Besetzern ist egal, wer die Flora auf dem Papier besitzt. Es geht ums Prinzip, wie Besetzer Klaus erläutert: "Wir müssen das Projekt auf unsere Art und Weise weiter durchsetzen. Das ist das Einzige, was uns eine Bestandsgarantie gibt. Solch eine falsche Sicherheit ist eben eine trügerische Sicherheit. Wir wollen keinen Frieden mit den herrschenden Verhältnissen machen."

Dabei gelten durchaus Regeln in der Flora. Manche decken sich sogar mit denen des Staates. Artikel 14 des Grundgesetzes, das Recht auf Eigentum, gehört allerdings nicht dazu. "Wir sind gegen die Eigentumsordnung in diesem Staat", so Besetzer Klaus. "Wir würden uns deswegen wünschen, dass die Flora aus dem Grundbuch gestrichen wird und dann ein weißer Fleck im Grundbuch ist, weil wir diese Eigentumslogik grundsätzlich ablehnen." Und schon ist man wieder bei den Fragen, um die es bei der Flora immer geht. Wie offen muss eine Stadt sein für eine andere Denke? Wie viel Verfassungsfeindlichkeit darf sie tolerieren? Die Flora bleibt unverträglich.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Info
25 Jahre nach seiner Besetzung gehört das linksautonome Kulturzentrum "Rote Flora" in Hamburg wieder der Stadt. Die Johann-Daniel-Lawaetz-Stiftung erwarb das frühere Theater im Schanzenviertel samt Grundstück als Treuhänderin für 820.000 Euro, wie der Senat am 31. Oktober 2014 mitteilte.
Hintergrund
Die "Rote Flora"
Vom Varieté zum linksautonomen Zentrum
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