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Freiheit der Kunst sieht anders aus: Polizei vor Ai Weiweis Atelier in Peking
Freiheit der Kunst sieht anders aus: Polizei vor Ai Weiweis Atelier in Peking
Keine Freiheit der Kunst
Die "Kunst der Aufklärung" in China
Gerade noch hatte man die Ausstellung "Kunst der Aufklärung", in Peking von Guido Westerwelle eröffnet, als Chance Chinas zu einer neuen Offenheit gefeiert, schon macht das Regime die Hoffnung zunichte: Zwei Tage nach der Eröffnung der Schau wurde der weltweit bekannte Künstler Ai Weiwei in seinem Atelier in Peking verhaftet. Er wollte am 29. April 2011 nach Deutschalnd reisen, um eine Ausstellung seiner Werke zu eröffnen.
Ein belagertes Künstlerviertel, Polizei überall: Die Straßen zum Atelier von Ai Weiwei in Peking sind am 3. April 2011 gesperrt. Freiheit der Kunst ist ein relativer Begriff, zumindest in China. Zur Freiheit gehört hier gemeinhin nicht, sich auch gesellschaftspolitisch äußern zu können. Ai Weiwei hat es trotzdem immer getan. Am 1. April 2011 erst erklärte uns Chinas bekanntester Künstler, wie seine Freiheit aussieht: "Es gibt zwei Überwachungskameras vor meiner Tür, mein Telefon wird abgehört, und jede Nachricht, die ich im Internet veröffentliche, wird zensiert", so Ai. "Oft kommt die Polizei in mein Studio, im Dezember wurde ich kurzzeitig am Flughafen festgehalten, ich war einige Tage unter Hausarrest. Es ist ganz offensichtlich, ich bin nicht frei."

Aufklärung dringend benötigt
© dpa Die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking
Die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking
Auch Tilman Spengler, ein deutscher Chinakenner, hat die Macht des Regimes zu spüren bekommen: Er gehört zur Expertenkomission der Ausstellung "Kunst der Aufklärung", doch er bekommt kein Visum für Peking. Begründung: Er sei "kein Freund des chinesischen Volkes". Nun muss er zu Hause bleiben. "Es ist der schlagende Beweis, dass so eine Ausstellung benötigt wird", so Spengler. "Aufklärung kann es praktisch nie genug geben, und wenn es sich um die Köpfe chinesischer Partei- oder Regierungsfunktionäre handelt, dann ist es lichterloh gefragt: Aufklärung!"

Das ist das Klima, in dem Deutschland im chinesischen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens eine teure, große und aufwändige Ausstellung inszeniert: ausgerechnet über die "Kunst der Aufklärung". Die Werke kommen aus drei großen deutschen Museen in Berlin, Dresden und München. Aber was soll hier vermittelt werden? Eine junge Frau trägt blau, weiß, rot - die Farben der französischen Revolution. Ein Symbolbild für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Mit Canaletto und Rosenberg sollen die chinesischen Betrachter eingestimmt werden in die Welt des 18. Jahrhunderts, höfisches Leben und neues bürgerliches Selbstbewusstsein - auch politisch. Gibt es von hier eine Brücke in die chinesische Gegenwart?

Hoffnung auf Dialog
© dpa Guido Westerwelle eröffnete die Schau im Nationalmuseum in Peking.
Guido Westerwelle eröffnete die Schau im Nationalmuseum in Peking.
"Wir haben mit der Ausstellung die Hoffnung, dass sich ein Dialog eröffnet, wie wir ihn jetzt in der Vorbereitungszeit erfahren haben", sagt Klaus Schrenk von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, "dass Kunstwerke nicht nur als ästhetisches Phänomen wahrgenommen werden, sondern dass die große Kraft der bildnerischen Darstellung darin liegt, dass geistige Verhältnisse verdichtet werden." Hoffnung auf Dialog signalisierte auch hoher Besuch aus Deutschland. Bei der Eröffnung am 1. April 2011 wünscht sich der deutsche Außenminister einen offenen Austausch über die Inhalte der Ausstellung - mit einem unverhohlenen Appell: "Die Freiheit der Kunst ist immer auch Gradmesser für die Menschlichkeit einer Gesellschaft, denn Kunst ist Teil unseres Menschseins", so Westerwelle. "Kunst allein im Dienste der Macht ist Propaganda."

"Den Deutschen geht es mit dieser Ausstellung um Pressefreiheit, um Redefreiheit, aber so wird es ganz offensichtlich von den Chinesen nicht aufgefasst", sagt Ai Weiwei. "Die Chinesen sehen auf den Bildern einfach das Leben von Menschen mit langen Nasen in vergangenen Jahrhunderten. Es gibt da keine Diskussion über Aufklärung, weil China eine Diskussion über die Meinungsfreiheit und Demokratie ablehnt." Vielleicht ist die Ausstellung einfach nur ein weiterer, gescheiterter Versuch, China von der Universalität der Menschenrechte zu überzeugen, die das wichtigste Erbe der Aufklärung sind. Ebenso wie der wissenschaftliche Aufbruch.

Historische Epoche mit dunklen Seiten
Eine "Kunst der Aufklärung" im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Es geht um eine historische Epoche, die bis in unsere Gegenwart wirkt - auch mit ihren dunklen Seiten, wie dem Erziehenwollen der Welt, den Albträumen der entfesselten Vernunft. Francisco de Goyas "Capricchos" und "Desastres de la Guerra" bilden den Kern eines anderen Kapitels. Und über allem thront Kant: "Habe Mut, Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" "Ich glaube, dass diese Ausstellung sehr viel Anlass bietet, sich in der ganzen Harmlosigkeit der Kunstgeschichte an Themen festzuhalten, die in der Geschichte auch kontrovers waren", sagt Martin Roth von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. "Ob man daraus auch Modelle für die Gegenwart ableitet, das bleibt jedem selbst überlassen."

Es wäre tragisch für die deutschen Ausstellungsmacher, sollte ihre Hoffnung enttäuscht werden, Debatten anzuregen - aber derzeit sieht es in China weniger nach Debatte aus. "China ist in vielerlei Hinsicht wie das Mittelalter. Chinas Kontrolle über das Denken der Menschen und darüber, welche Informationen fließen dürfen, ist eigentlich genauso wie in der Zeit vor der Aufklärung", so Ai Weiwei. China benötigt eine Auseinandersetzung mit der Aufklärung mehr denn je, aber sie ist nicht gewollt. Es herrscht Eiszeit in Peking. "Es ist ganz offensichtlich so, dass der Gedanke in den Vordergrund getreten ist, mit allen Mitteln eine große Stabilität im Land zu erreichen", sagt Spengler. "Stabilität heißt in diesem Fall die Stabilität eines Kühlschranks, wo das Frostfach zur größten Leistung hochgestellt worden ist, und das scheint, jedenfalls im Augenblick, eine Parole zu sein, die am meisten gefragt ist oder am meisten durchgesetzt wird."

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Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr