© ZDF Ingo Stahl
Carolin Genreith, die Regisseurin von "Ricci Superstar"
Carolin Genreith, die Regisseurin von "Ricci Superstar"
Das Leben mit und für eine App
Interview mit Carolin Genreith, Regisseurin von "Ricci Superstar"

Wie sind Sie auf Ricci gestoßen und was hat Sie an ihm interessiert?

Ich habe ein Portrait über Ricci in der "Zeit" gelesen. Mich faszinierten und amüsierten seine Naivität, seine Unsicherheit, gepaart mit einem augenscheinlichen Größenwahn, aber auch seine Klugheit und Fähigkeit zur Selbstreflexion, die sich durch den Text transportierten – und die sich bei unserem ersten Treffen sofort bestätigt haben.Riccardo hat mich da – obwohl er viel zu spät kam – augenblicklich um den Finger gewickelt.Seine Sprache ist klar, lebendig. Er ist sehr selbstbewusst und trotzdem hört man in seinenSätzen oft ein Fragezeichen, wo er eigentlich ein Ausrufezeichen setzen will. Riccardo schwebt miteiner beneidenswerten Leichtigkeit durch seine Welt. Er war immer der Beste in allem und heuteist er – natürlich- der beste Snapchatter, It-Boy und Entertainer.
Guckt man nur seine Snapchat-Stories, könnte man sicher genervt sein von Riccardo, und man könnte ihn sicher für narzisstisch halten, ihm und dann am besten gleich den anderen Social-Media-Stars die Daseinsberechtigung absprechen – alles Fake, alles Blase und sowieso total unsympathisch.
Das Überraschende ist: Riccardo ist überhaupt nicht nervig und - zumindest mir - kein Stück unsympathisch. Kein bisschen. Er ist berauschend. Er ist inspirierend. Er kann fesseln mit seinen Worten und anstecken mit seiner Energie. Man kann ihn sich nicht schlafend vorstellen, aber er sagt, er schläft manchmal. Er kann einem das Gefühl geben, man sei der wichtigste Mensch für ihn gerade, in diesem Augenblick.
In dem Film über ihn wollte ich ihm nahe kommen, seine Welt begreifen, die mich gleichzeitig angezogen und abgestoßen hat. Ich wollte die Bedeutung von Social Media in seinem Leben, besonders Snapchat, verstehen, dessen Nutzung Riccardo auf die Spitze treibt. Was macht das mit einem, wenn man täglich einen digitalen Striptease hinlegt? Was ist Inszenierung? Was ist echt? Oder sind die Grenzen fließend?

Für Menschen, die keine Digital Natives sind, ist Riccis Welt schwer zu fassen. War Ihnen klar, dass es auch um eine Übersetzungsleistung gehen würde?

Ehrlich gesagt: Ich begreife mich selbst ja auch nicht als "Digital Native". Meinen ersten eigenen Computer kaufte ich mir mit 20, und obwohl ich jetzt längere Zeit mit einem der bekanntesten Snapchatter Deutschlands verbracht habe, habe ich Snapchat immer noch nicht richtig verstanden. Zu Anfang des Portraits über Ricci habe ich viel darüber nachgedacht, inwieweit man die App erklären muss, und ob ein Zuschauer sich auch auf Ricci einlassen würde, wenn er noch weniger Ahnung von Social Media hat als ich.
Dass immer mehr – und nicht nur - Jugendliche ein Leben fernab der Realität haben und ein zweites, ein digitales Ich besitzen, gehört seit Facebook zu unser aller Wirklichkeit. Aber dass Apps wie Snapchat oder Facebook Live die permanente Live-Übertragung des eigenen Lebens vor einer anonymen Zuschauermasse möglich machen, ist neu. Diese Möglichkeit birgt auf jeden Fall Chancen, für Riccardo und seine Kollegen natürlich auch eine Stange Geld, aber auch Gefahren: Kann man sich in dieser zweiten Realität verlieren? Kann man irgendwann wie Narziss in sein eigenes Spiegelbild hineinfallen? Wann ist ein Lachen ein echtes Lachen, wann ist es ein Lachen für das Publikum?
Wichtiger als die Übersetzung der technologischen Funktionsweise von Snapchat war mir bei dem Film die soziale Komponente: Was passiert, wenn man mit - und vielleicht ein Stück weit für - eine App lebt?

Vom Außenseiter in Bad Reichenhall ist Ricci zu einer Art Star in Berlin geworden. Handelt es sich dabei um eine wahrhaftige Erfolgsstory?

Riccardo hat sich schon, als er sieben Jahre alt war, vorgestellt, wie er in Bad Reichenhall von Paparazzi verfolgt wird. Er war immer schon anders, sagt er selbst.Wie viele Kinder flüchtete sich Ricci früh in eine Fantasiewelt. Nur bestand die bei ihm eben nicht ausPiraten oder Cowboys, sondern aus Hollywood - oder dem, was er sich darunter vorstellte. Wenner sich die Kleider seiner Mutter anzog, stellte er sich vor, wie er gleich mit einer Limousine auf den High-School-Abschlussball gefahren würde. Wenn er sich Glitzersteine ins Gesicht klebte und Blumenkränze auf das lange Haar legte, und damit in der Schule ausgelacht wurde, wertete er das als Belastungsprobe für spätere Berichterstattungen in der Klatschpresse. Er hielt viel aus im alltäglichen Kleinstadt-Wahnsinn, weinte nie vor seinen Mitschülern und verlieh sich täglich selbst einen Oscar. Riccardo hatte immer seinen Traum vor Augen: Superstar zu werden – dieses Ziel braucht er auch heute noch als Motor für alles, was er tut und leistet.
Und sicher könnte man darüber den Kopf schütteln, wenn Riccardo heute mit Edding seinen eigenen Namen auf den Walk Of Fame schreibt und immer noch von einem Oscar träumt. Irrsinnig! Unrealistisch! Blickt man auf Riccardos Biografie, seine Erfahrungen und Erlebnisse und nicht zuletzt auf sein glitzerndes Wesen, ist dieser Traum, dieses Ziel ist aber völlig konsistent und total logisch. In seiner Welt war Riccardo eben immer schon Superstar.

Wie müssen wir uns die weiteren Karriere-Schritte nach oben vorstellen?

Riccardos Leben und seine Karriere verlaufen ja alles andere als linear. Daher ist es schwierig, die nächsten Karriereschritte vorauszusagen. Er hat mittlerweile über 105.000 Follower bei Instagram, verbringt mehr Zeit an Flughäfen als in seiner Wohnung und hat jetzt auf einem Digitalsender seine eigene Fernsehsendung, die wahrscheinlich nicht die letzte sein wird. Riccardo weiß selbst, dass er als Social Media Star nicht alt werden kann, das möchte er auch gar nicht. Er begreift Snapchat und Co viel mehr als temporäres Mittel zum Zweck, als Distributionswerkzeug zur Selbstvermarktung, und letztendlich zieht es ihn doch auch ins "Analoge". Er würde ja gerne ein Buch schreiben und kann sich gut vorstellen, große TV-Shows zu moderieren. Ich glaube aber, dass es fast egal ist, was er letztendlich erreicht im Leben und in seiner Karriere – mit dem Träumen wird er nicht aufhören, es gehört zu seiner Identität. In dem Sinne wird es wahrscheinlich nie ein "Oben ankommen" geben, weil es immer noch höher und immer noch weiter geht.

Würden Sie sagen, dass Ricci ein glücklicher Mensch ist?

Ich glaube sogar, dass er gerade sehr glücklich ist. Aber er braucht natürlich die Bühne und sein Publikum zum Glücklichsein, was ein gewisses Risiko birgt. Was, wenn das wegfällt? Von außen betrachtet bleibt auf seinem Weg zum Traum aber auch manches auf der Strecke - zum Beispiel war er noch nie verliebt. Riccardo selbst ist das auch bewusst, er nimmt es aber in Kauf.

Interview: Nicole Baum, Filmredaktion 3sat

Übersicht
© ZDF_Unbekannt_Tara Biere Media ProductionsDokumentarfilmreihe Ab 18!
6. und 7. November 2017
Dokumentarfilmreihe Ab 18!
© ZDF_Carolin Genreith_Corso FilmAb 18! - Ricci Superstar
Dienstag, 7.11. 2017, 23.10 Uhr
Erstausstrahlung