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Heinrich Böll, der Anarchist!
Genial, menschlich und aktuell
Es ist lange her, dass Durchschlagpapier nötig war, um Texte von Schreibmaschinenseiten zu kopieren. Unser cc "carbon copy" erinnert daran. Das war in der Zeit vor den Kopiergeräten und Schreibmaschinen waren Apparate, auf denen Anfänger unmöglich fehlerfrei schreiben konnten. "Lange her" staunen heute die Digitalen.
Ähnlich lange her scheint auch das Reden über Heinrich Böll zu sein. Ein Mann von Gestern. Ein Schriftsteller Tycoon, der im Laufe seines Lebens sicher mehrere Schreibmaschinen zerschlissen hat und in der Erinnerung alt, grau und verstaubt wirkt. Im Nachkriegsdeutschland nicht wegzudenken. Aber heute? Schon lange sei er aus der Zeit gefallen, spötteln Kritiker, und in der Schule gehört er seit einiger Zeit nicht mehr zur Pflichtlektüre.

Zu seinem hundertsten Geburtstag werden jetzt seine bisher unveröffentlichten Tagebücher aus dem Krieg verlegt. Eine kleine Sensation. Heinrich Böll wollte sie zeitlebens unter Verschluss halten. Warum? Nur ein paar Zeilen darin zu lesen reicht, dann ereignet sich etwas, was Generationen zuvor fasziniert haben muss, was man nicht groß erklären braucht: Bölls einzigartige Sprache. Und sofort wird der vor dreißig Jahren verstorbene Autor wieder aktuell: Wie übersteht man psychisch einen Krieg, wenn man ihn überlebt hat?

Böll, der Kriegsgegner
In Anbetracht so vieler Kriege weltweit, eine ganz wichtige Frage. Eine, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Tagebücher Heinrich Bölls aus den letzten Jahren des Krieges zeigen, was den jungen Soldaten beschäftigte. "Ich habe Angst vor dem Leben und stelle fest, dass ich die Menschen hasse! 155 Tage Hölle." Böll, der zu keinem Zeitpunkt ein Anhänger Hitlers war, gab dort stichwortartig Soldatenalltag zu Protokoll. Seelenkritzel, die ihn aus dem dunklen Labyrinth des Krieges führten. "Durch den Krieg wurde ich zum Verächter der Männlichkeit", gibt Böll später in einem Interview zu. Auch die 2001 veröffentlichten "Briefe aus dem Krieg" an seine Frau Annemarie dokumentieren eindrucksvoll, wie sehr aus einem naiven Mitläufer ein überzeugter Kriegsgegner wurde.

Ältere Semester freuen sich sicher über das noch fehlende Tagebuch im Böll-Puzzle und kommen bei der Aufzählung der Superlativen des literarischen Übervaters Böll gerne ins Schwärmen: Nobelpreisträger für Literatur, viel gelesener Autor der Nachkriegszeit. Aushängeschild einer ganzen, zumeist links orientierten Generation.

Heinrich Bölls politische Auftritte und Wortmeldungen machten aus dem gesellschaftskritischen Autor auch den großen politischen Schriftsteller seiner Zeit. Der Antifaschist, Antimilitarist und Antibourgeois - Böll mischte sich unablässig ein, erhob seine Stimme und trat in Aktion. Sein außergewöhnliches Doppelwirken als Akteur und Autor, das Ineinsfallen von schriftstellerischem und essayistischem Werk, Person und Handeln verlieh ihm seine einzigartige Glaubwürdigkeit und machte ihn zur moralischen Instanz. Heinrich Böll ist einer der wenigen Schriftsteller, die Stimme und Gesicht ihrer Zeit wurden. Bis heute steht er emblematisch für den "guten Deutschen", den "linken Protest" und den "politischen Dichter". Doch so einfach einem diese Zuschreibungen einfallen, bei genauerer Betrachtung verdecken sie den anderen Böll, den, der sich in den Tagebüchern und den Briefen an seine Frau lange versteckt hielt und nur selten so offen über seine tiefen Überzeugungen sprach.

Böll und Adenauer - zwei politische Gegenpole
Man konnte es aber ahnen, aus welcher Quelle Böll schöpfte, wenn er sich mit Konrad Adenauer auseinander setzte, dem politischen Protagonisten der jungen Bonner Republik - und eine Art Gegenfigur zu Böll, dann zeigte sich nämlich sein tiefer christlicher Glaube. Ein Glaube der sich an dem Urchristentum orientierte und manchmal fast konservative Züge trug.

Bis heute stehen Böll und Adenauer für die verschiedenen Pole Deutschlands nach dem Krieg, für seine komplementären Vertreter, den "rechten und den linken Schuh der jungen Demokratie". Das Spannungsfeld zwischen Böll und Adenauer, die Verschiedenheit ihrer Ideen, ihres Handelns und ihrer Antwort auf die Geschichte zeichnet ein erhellendes Bild der beiden und führt dabei auf spannende Weise zu einem neuen Heinrich Böll. Denn auch Adenauer ist gläubiger Katholik. Doch mit anderem Verständnis und anderem Konzept. "Was ich am allerwenigsten begreife: dass je irgendeiner irgendetwas an Adenauers Gedanken ''christlich'' finden und als solches empfehlen konnte", wütet Böll 1965 in seiner Aufsehen erregenden, aggressiven Kritik über Adenauers Memoiren im Spiegel. Für Böll ist Adenauer Stellvertreter eines "Kirchenchristentums" und einer "Amtskirche", einer Verquickung von Kirche und Staat, die er ablehnt. Durch sein gesamtes Werk zieht sich die immer harschere Kritik an der Institution Kirche und ihren "scheinheiligen Vertretern", der Kirche als Ort der Unbarmherzigkeit, Hochmütigkeit und Heuchlerei. Sein ganzes Leben lang arbeitete sich Heinrich Böll daran ab.

Nach dem Krieg ist jedoch das Haupt- und Dauerthema Bölls erst einmal die Verdrängung der Nazivergangenheit. Die fehlende Reue, das nicht Innehalten nach einem der dunkelsten Kapitel der Menschheit, der Unwille, die Täter vor Gericht zu stellen und das übergangslose Ärmelaufkrempeln im neuen System treiben den Katholiken um. Stattdessen besetzen die alten Eliten schnell wieder die Spitzen des neuen Landes. "Auf Anraten von Adenauer wurden verurteilte Kriegsverbrecher aus der Haft in den Urlaub geschickt mit dem stillschweigenden Einverständnis, die brauchen nie mehr wiederzukommen", gibt Böll enttäuscht zu Protokoll. Den Pragmatismus Adenauers lehnt Böll ab. Welche Schlüsse hatte der einfache und mittellose Wehrmachtssoldat Böll im Unterschied zu dem vermögenden, aus gutem Hause stammenden Adenauer aus den Erfahrungen des Krieges gezogen?

Intensive Auseinandersetzung mit Nazi-Vergangenheit Deutschlands
Der junge Autor beschreibt in seinen Reden, Essays und in nahezu allen seiner erfolgreichen Bücher dieser Jahre die Gesichter dieses "moralischen Bankrotts". In "Haus ohne Hüter" 1954, in "Billard um halb zehn" 1958 oder "Ansichten eines Clowns", 1963 klagt er die nicht aufgearbeiteten NS-Verstrickungen an und empört sich über den unreflektierten Wertewechsel vom Nationalsozialismus in die neue Bundesrepublik. "Ich glaube nicht, dass eine Masse von gläubigen Nazis innerhalb von vierzehn Tagen in Demokraten verwandelt wird. Was mich erschreckt hat in Deutschland nach dem Krieg war die völlige Widerstandslosigkeit, mit der man plötzlich demokratisch war."

Böll berührte die Menschen mit seiner Sprache, seinem Ausdruck, den er mit der Hilfe seiner Frau Annemarie immer mehr zu perfektionieren suchte. Die junge Grundschullehrerin gab ihren Beruf auf, um mit ihrem Mann zu arbeiten. Das Paar ist damals ein hohes Risiko eingegangen. Der materielle Erfolg war zu Beginn der Karriere Heinrichs nicht abzusehen. Beider Antrieb war die Überzeugung, einer besonderen Mission zu dienen. Die christliche Einstellung zum Leben war für beide fundamental. Heinrich Böll trat für Armut und Mitmenschlichkeit ein, zwei für ihn erstrebenswerte Ideale, die seiner Meinung nach einer neuen deutschen Gesellschaftsordnung zugrunde liegen sollten. "Armut ist die einzige Würde des Menschen" formulierte er spitz.

Eine Ansicht, welche die Katholische Kirche nach Bölls Meinung nicht vertrat und weshalb er diese scharf attackiert. Böll wirft der Amtskirche vor, sich als Hüter der Moral zu generieren, sich gegenüber politischer Unmoral jedoch blind zu stellen. Böll klagt die Amtskirche an, von ihren Anhängern die unreflektierte Anpassung bis hin zum Gehorsam zu fordern: "Die Kirche sollte sich etwa über Mietpreise äußern. Die einen Zusammenhang haben mit der Geburtenkontrolle. Was macht ein junges Ehepaar? Wenn sie nach kirchlicher Lehre leben und sind 10 Jahre verheiraten, dann haben sie 6 Kinder. Dann müssen sie ein Schloss haben. Dann ist das ein Privileg für Millionäre."

Böll und die katholische Kirche
Tatsächlich gibt es im neu entstehenden Deutschland weder eine grundsätzliche innere Kirchenerneuerung noch eine Entnazifizierung, sondern zahlreiche personelle Kontinuitäten von vor 1945. Und es sind der Vatikan und die katholische Kirche, die NS-Größen und -Verbrecher über die "Rattenlinie" zur Flucht verhelfen.

Für Böll wird genau diese Kirche durch einen Adenauer und die CDU staatlich gefestigt. Umgekehrt sieht er mit Bestürzen, wie das christlich-kirchliche Wirken in der Politik allein in die CDU kanalisiert, mit ihr gleichgesetzt und von ihr vereinnahmt wird. 1957 protestiert der Schriftsteller mit zahlreichen katholischen Christen in einem offenen Brief gegen die direkte und indirekte Wahlhilfe kirchlicher Verbände für ausschließlich eine Partei: die CDU/CSU. In einem Interview mahnt Heinrich Böll: "Diese Fast-Kongruenz von CDU und Kirche ist verhängnisvoll, sie kann den Tod der Theologie zur Folge haben."

Wiederbewaffnung der Bundesrepublik
Durch die fünfziger Jahre hindurch kämpft der christliche Pazifist Böll leidenschaftlich gegen Adenauers Wiederbewaffnung, Aufrüstung und das Konzept der atomaren Teilhabe. Unermüdlich stellt er sich gegen Militär und Krieg."Wann gab es einen Fall gerechter Verteidigung? Wer will je herausfinden, wo Verteidigung anfängt oder Angriff aufhört?" In seinem Radioessay "Brief an einen jungen Katholiken" beklagt er 1958 eine Kirche, die den Moralbegriff nur als Sexualmoral verhandelt, anstatt mit ihm Gewalt und Soldatentum zu befragen. Damals war das ein Skandal, sodass der katholische Intendant des Süddeutschen Rundfunks den Beitrag kurz vor der Ausstrahlung aus dem Programm nimmt.

Auch der Materialismus der neuen Republik und der Kirche ist dem Christen Böll zuwider. In seinen Texten kämpfen "die kleinen Leute" gegen ungerechte Armut und die Brutalität derjenigen, die von den Strukturen des neuen Staates und ihrer Gesellschaft bevorzugt werden. Im Roman "Und sagte kein einziges Wort" zeigt Böll 1953 die äußere und seelische Trümmerlandschaft existentieller Not. Die Kirche hilft in dieser Geschichte nicht, sondern stellt leere Rituale über die Nächstenliebe. Adenauers Weg der Westintegration, der auch die politische Stärke und Anziehungskraft einer reichen Bundesrepublik zum Ziel hat, ist für Böll die kalte Preisgabe der Wiedervereinigung zugunsten fetter Jahre.

Vor allem als der Kölner Erzbischofs Kardinal Frings 1961 dazu aufruft, Kapital in Anteile und Aktien zu investieren, empört sich der Schriftsteller über die "hanebüchene Identifizierung der Kirche mit dem Kapitalismus" und "dass man dort vergessen hat, dass der heilige Franz von Assisi mit der Armut vermählt war." Bis zu seinem Tod klagt Böll eine Kirche an, die einverstanden ist mit einer menschenfeindlichen Leistungsgesellschaft und die durch die Kirchensteuer sogar daran partizipiert. Was für die Deutschen normal wird, ist für Böll "Zuälterei". Auch die Kulturpolitik in Adenauers Deutschland ruft den christlichen Gesellschaftskritiker auf den Plan. Die oftmals rigide Zensurpraxis und ihr konservativer Werteindex sind für Böll "geistige Bevormundung nach gut christlicher Hausvaterart" - und nach der Drangsalierung des freien Denkens im "Dritten Reich" eine besonders unverantwortliche Gängelung der Menschen. In "Dr. Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren" zeichnet er 1958 ein Bild der neuen Kulturvertreter: als ehemalige Nazis und politische Wendehälse.

"Die Kunst muss anarchisch sein"
Er sah die Rolle, die Künstler in der deutschen Gesellschaft einnehmen sollten, ganz klar: Die Kunst muss, frei von jeder kommerziellen Verwertbarkeit, in einem grenzfreien Raum, eine Spiegelfunktion übernehmen. In seinen Widersprüchen, Ängsten und geglückten Formen kann Kunst zur Katharsis führen und frei machen, das eigene Leben besser zu berurteilen. Ganz bewusst übertrat Böll deshalb beim Sprechen Grenzen: "Die Kunst muss anarchisch sein." formulierte in den siebziger Jahren Böll, "Anarchie ist der Wunsch nach Herrschaftslosigkeit und auch der Wunsch, selber nicht zu herrschen. Das ist schwer zu verstehen. Ich lehne jede Form von Diktatur ab, auch die Diktatur des Proletariats. Anarchisten sind Menschen, die verschiedene Interessen und Lebensstile in einer Gesellschaft denken können. Das ist ein Traum, ja. Ich bin kein Realist."

Die Publikumsreaktionen auf seine sprachlichen Grenzüberschreitungen verschafften ihm einen Überblick, wie weit er beim Schreiben und Sprechen gehen konnte oder musste, wann er Grenzen übertrat, die ihm Institutionen und Kritiker setzten. Das geschah oft, denn durch den materiellen und gesellschaftlichen Zusammenbruch nach dem 2. Weltkrieg hatte er jeden Respekt oder Opportunismus gegenüber Autoritäten verloren, da diese versagt hatten die Katastrophe zu verhindern oder zu beenden. Schon während des Krieges hilft ihm das Schreiben, mit der grausamen Wirklichkeit des Soldatenlebens fertig zu werden. Schreiben hilft!, eine Erfahrung, die ihn zeitlebens begleiten wird. Deshalb kann sich seine Sprache frei äußern, konnte respektlos widersprechen.

Er war ein "Clown, der Augenblicke sammelt", Augenblicke, in denen sich viele in der jungen Bundesrepublik wiedererkennen konnten. Widerstand kam von der Politik. Die Aufarbeitung der Nazivergangenheit, die Frage der Gestaltung einer menschengerechten Zukunft, unsere Stellung in der Welt, auch in Hinblick auf die gerechte Verteilung von Einkommen, waren Themen, die realpolitisch anders entschieden wurden, als sich Böll das wünschte. Das führte zwangsläufig zu Spannungen zwischen Böll und den Politikern.

Adenauer und Böll, zwei vom Glauben geprägte Gestalter und zwei konkurrierende Systeme: Der eine ein Pragmatiker und Stratege, bestimmt durch die Weltgeschichte und tradierte christliche Werte. Der andere geleitet durch einen spirituellen Glauben. Der eine hat die Machtmittel, baut das Fundament des neuen Staates und verankert so seine Überzeugungen. Der andere hat das Wort und seine Tat - jedoch im Gegensatz zum Staatslenker die Freiheit des Künstlers und kritischen Bürgers. Mit ihnen wird auch er zur Leitfigur und zum Gründer, zum Erbauer eines Gegendeutschlands, das bis heute ebenfalls zu den Grundfesten der Republik gehört.

Als der erste Kanzler der Bundesrepublik 1967 stirbt, liegen die spektakulären öffentlichen Auftritte Bölls und seine Publikumserfolge noch vor ihm. Nach Böll sind sie nicht all zu wichtig, um ihn richtig zu verstehen. Der Schriftsteller, der sich zuweilen überschätzt und unterschätzt, immer öfter jedoch falsch verstanden fühlte, schreibt an einen Freund: "Alles das, was die Weltgeschichte an Klamotten einem vor die Füße wirft, Krieg, Frieden, Nazis, Kommunisten, Bürgerliche, ist eigentlich sekundär. Das, was zählt, ist eine durchgehende, ich möchte fast sagen mythologisch-theologische Problematik, die immer präsent ist. (....) Diese physisch-metaphysische Grundsubstanz bleibt immer mein Produktionsinstrument." Bölls spirituelle Quelle bildete zeitlebens das Fundament, auf dem er als Autor stand. Gerade auf Grund seiner Tagebuchaufzeichnungen ist anzunehmen, dass die Erfahrung des Krieges ihn näher zu seinem Gott brachten.

Böll und die Kunst
Heinrich Böll war neben seiner Kunstproduktion auch ihr bester Darsteller. Wie kaum ein zweiter Schriftsteller seiner Zeit überzeugte er mit seinen Medienauftritten das Publikum. Zu den bereits erfolgreichen Büchern gesellte sich zunehmend auch ein immer bekannteres Gesicht. Doch die Rolle des besorgten und talentierten Künstlers wurde von den Medienmachern nach Bedarf umgeschrieben. Einer der Terrorismus gutheißt und mit zunehmendem Alter das Schreiben verlernte, diese ihm neu zugedachte Rolle frustrierte Böll zusehends mehr. 1985 starb Böll in der Nähe von Köln.

Der junge Regisseur Thomas Jonigk, der mit seinem Theaterstück "Die Ansichten eines Clowns" von Heinrich Böll im Sommer diesen Jahres in Köln große Erfolge feierte, mutmaßt, ob Böll vielleicht bei zukünftigen Demonstrationen als Symbolfigur dienen wird. Böll als Vorbild eines Freiheitskämpfers? Zumindest lehnte er Gewalt auf Grund seiner Erfahrungen im Krieg grundsätzlich ab und glaubte an ein immaterielles Durchsetzungsmittel bei Konflikten, die Sprache: "Wenn man sich Westeuropa von außen anschaut, dann sieht man es eigentlich als eine Versammlung von arroganten Selbsttäuschern, die sich beklagen, wenn sie ein paar Prozent Inflation haben. Lebensmittel sind viel zu billig. Diese Form der Schuld, die darin besteht, dass man eigentlich nur immer dran denkt, seinen eigenen Lebensstandard möglichst zu erhöhen, ist, glaube ich, noch nicht dargestellt worden in der Literatur. Und ich glaube, das wir (...) diese Einbildung sehr teuer werden bezahlen müssen, wenn wir nicht zur Einsicht kommen. Wir sind immer noch beschäftigt, ich schließe mich selber da nicht aus, mit der mehr oder weniger genüsslichen Beschreibung unseres Verfalls, unseres sittlichen Verfalls."

Die Anarchie in der Kunst, die in der Sprache ihren Ausdruck findet, ist heute zumindest in Deutschland selbstverständliches Kulturgut, musste nach dem Krieg aber erst errungen werden. Das wird gerne übersehen, auch dass Böll einer der ersten war, der unter großen persönlichen Opfern bereit war, für diese Freiheit zu kämpfen. Aufgrund seiner Erfahrung mahnt er uns heute, wachsam zu sein, dass dieses bedrohte Gut der notwendigen Freiheit in der Kunst nicht vermarktet oder verboten und deshalb seiner Funktion beraubt wird. Schreibmaschinen und Durchschlagpapier sind aus der Zeit gefallen, Heinrich Böll ist es nicht.

Sendedaten
Heinrich Böll gilt als einer der bedeutendsten Autoren der Nachkriegszeit. Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers am 21. Dezember 2017 zeigt 3sat Spielfilme und Dokumentationen über Heinrich Böll:

Samstag, 2. Dezember 2017
Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten(20.15 Uhr)

Gruppenbild mit Dame (21.00 Uhr)

Die große Literatour - Heinrich Bölls Irland (22.40 Uhr)

Sonntag, 3. Dezember 2017
Die Besten im Westen - Heinrich Böll (11.40 Uhr)
100. Geburtstag
Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten
Heinrich Böll, ein Mann von gestern? Jedenfalls ein Schriftsteller Tycoon, der im Laufe seines Lebens schon mehrere Tode gestorben ist. Den des Antifaschisten, Antimilitaristen und Antibourgeois.
Spielfilm - Heinrich Böll
Gruppenbild mit Dame
Leni Gruyten versucht zeitlebens, ihren Idealen treu zu bleiben. Im Krieg steht sie zu einer Jüdin und liebt einen russischen Gefangenen. Später verliebt sie sich in den Außenseiter Mehmed. -