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"Fromms Act" - das erste Markenkondom der Welt.Die gestreifte Verpackung ist das Markenzeichen.
Die Kondom-Story
Eine deutsche Sittengeschichte
Die Erfindung eines Kondoms "ohne störende Naht" durch Julius Fromm 1914 in Berlin markierte eine wahre Revolution im Umgang mit Geschlechtskrankheiten und der Familienplanung. Enteignet und verbittert starb sein Erfinder im Londoner Exil 1945.
Sexuelle Revolution durch das industriegefertigte Markenkondom
Julius Fromm, der Erfinder des modernen Kondoms, entstammte einer jüdischen Einwandererfamilie aus Russisch - Polen, die völlig integriert im Berliner Scheuenviertel lebte. Die Armut, die räumliche Enge und das soziales Elend der Ostjuden sowie die Nöte der Frauen kannte Julius Fromm nur allzu gut: Von klein auf musste Julius Verantwortung für seine jüngeren Geschwister übernehmen. Sein Vater zog als Zigarettenverkäufer durch das Viertel und drehte bis spät in die Nacht zuhause Zigaretten. Nur so konnte die Familie überleben. Als er unerwartet im Sommer 1898 starb, wurde Julius Fromm mit fünfzehn Jahren zum alleinigen Versorger für die ganze Familie.

© Familie Fromm Julius Fromm mit seiner Frau Selma und den Söhnen Max und Herbert im Jahre 1916.
Julius Fromm mit seiner Frau Selma und den Söhnen Max und Herbert im Jahre 1916.
Mit gerade mal 23 Jahren wurde Julius selbst zum ersten Mal Vater. Das veränderte sein Leben.Er begann an der Abendschule Gummichemie zu studieren und experimentierte mit Naturkautschuk. Seine geniale Geschäftsidee: Ein Kondom "viel zarter als die Ballons der Kinder. Eine Gummihaut, die man nicht mehr spürt". Im Kriegsjahr 1914 machte er sich im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg mit einem Einmannbetrieb selbstständig und fabrizierte seine handgetauchten Kondome, aber auch Babyschnuller und Gummihandschuhe. Er experimentierte und verfeinerte die Methoden bis er nahtlose Kondome aus Ceylonesischem Naturkautschuk als Muster an die Drogerien geben konnte.Selbstbewusst gründete er 1916 die Fromms Act Gummiwerke und benannte auch sein nahtloses Kondom "Fromms Act".

In den Drogerien der 1920er Jahre ist Fromms Act das meistverkaufte Kondom. Diskreter Verkauf: Der Käufer reicht ein beigelegtes Zettelchen aus der Fromms Packung über den Ladentisch. © Thomas Frischhut In den Drogerien der 1920er Jahre ist Fromms Act das meistverkaufte Kondom. Diskreter Verkauf: Der Käufer reicht ein beigelegtes Zettelchen aus der Fromms Packung über den Ladentisch.
Arbeiter im Packraum des neuen Fromms Act Gummiwerkes 1932:Eine moderne Fabrik aus Glas, Stahl, Beton, "transparent wie ein Kondom", war die Idee von Julius Fromm. © Familie Fromm Arbeiter im Packraum des neuen Fromms Act Gummiwerkes 1932:Eine moderne Fabrik aus Glas, Stahl, Beton, "transparent wie ein Kondom", war die Idee von Julius Fromm.

"Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an"
© Thomas Frischut Historische Werbung für Fromms-Kondome, hier mit Abbildung des neuen Werkes in Berlin-Köpenick. Ende der 1920er Jahre.
Historische Werbung für Fromms-Kondome, hier mit Abbildung des neuen Werkes in Berlin-Köpenick. Ende der 1920er Jahre.

Der 1. Weltkrieg veränderte die Gesellschaft tiefgreifend. Die Ärzte setzten sich für die Verbreitung des Kondoms bei den Soldaten ein.Fromms Innovation setzte sich so schnell durch, dass er bald ein großes Fabrikgebäude in Berlin - Friedrichshagen bauen ließ. Hochmodern mit Maschinen für die Massenproduktion, für die er persönlich die Patente besaß.
In nur fünf Jahren schaffte Fromm den Aufstieg vom kleinen Einmannunternehmer zum wohlhabenden Fabrikanten und sein Produkt wurde zum Synonym für Schutz und Verhütung. Die "Fromms Act" waren so nachgefragt, dass Fromm eine zweite große Fabrik in Berlin Köpenick in Auftrag gab, gebaut aus Stahl und Glas. "Transparenz und Leichtigkeit soll das Haus ausstrahlen, so wie seine Produkte" betonte Fromm. Im deutschen Kaiserreich und in den freizügigen 1920er Jahren aber auch unter dem NS-Regime war sein "hauchdünner Gummi-Überzieher" stets ein Kassenrenner, und auf den Berliner Kabarettbühnen sang man: "Fromms zieht der Edelmann beim Mädel an".

Eine Sittengeschichte in den Umbruchszeiten des 20. Jahrhunderts
Der Name Fromm steht einerseits für eine außergewöhnliche Bilderbuchkarriere: Der arme Zigarettendreher bringt es zum reichen Fabrikanten und Urheber einer wahren Revolution in den deutschen Schlafzimmern. Andererseits steht sein Name auch für ein tragisches Ende eines erfolgreichen jüdischen Unternehmers im Nazi-Deutschland: Ab 1933 versuchten die Nazis zunächst erfolglos, in den Besitz der Firma zu kommen.
Reichsminister Göring interessierte sich für das moderne und gewinnbringende Unternehmen. Er liebte alte Burgen, und seine Patentante war bereit, ihm zwei aus ihrem Besitz zu überschreiben, im Gegenzug bekam Elisabeth Edle von Epenstein-Mauternburg die Markenrechte und die Fabriken von "Fromms Act". Unter Zwang signierte Israel-Julius Fromm den Vertrag, erhielt einen Bruchteil des Betriebswertes, und musste 1938 nach London emigrieren.


Sendedaten
Die Kondom-Story.
Eine deutsche Sittengeschichte.

Mittwoch, 27.09. 2017
um 21.00 Uhr

Erstausstrahlung
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Mittwoch, 27. September 2017
um 20.15 Uhr