Abseits der Metropolen geht Wladimir Kaminer der Frage nach, wie Kunst entsteht und wie aus Kultur Heimat wird.
Abseits der Metropolen geht Wladimir Kaminer der Frage nach, wie Kunst entsteht und wie aus Kultur Heimat wird.
Interview mit Wladimir Kaminer
"Die Menschen in Deutschland lassen sich nicht verbiegen!"
Wladimir Kaminer ist, wie er es selbst formuliert, privat Russe und beruflich ein deutscher Schriftsteller. Mit Neugier, Witz und Selbstironie schreibt er über alles, was ihm tagtäglich begegnet. Für 3sat ist er nun zum zweiten Mal durch Deutschland gereist, um Kultur und Leute abseits der großen Metropolen kennenzulernen.
Was haben die Menschen in Offenbach und Hoyerswerda gemeinsam? Wie patriotisch sind die Deutschen? Und kann man eigentlich noch nach Moskau reisen, wenn man Putin kritisiert?

Fünf neue Folgen von "Kulturlandschaften" haben Sie sich in die deutsche Provinz verliebt?

Nach den ersten Folgen war ich überrascht von den vielen positiven Kritiken. Ich glaube, ich bin in meinem ganzen Schriftstellerleben für kein einziges Buch so sehr gelobt worden wie für diese Fernsehsendung.

Woran liegt das?

Vermutlich daran, dass Menschen lieber fernsehen. Und dass es ein menschliches Format ist. Bei vielen Sendungen geht es ja darum, anzugeben. Wir sind hier sehr bodenständig.

Was macht für Sie den Reiz dieser Reisen in die Provinz aus?

Ich bin mit interessanten Menschen in Kontakt gekommen und habe längst vertraut scheinende Landschaften in einem anderen Licht gesehen. Nach der Ausstrahlung wurde ich dann diesem Lob ausgesetzt. Die Journalisten schrieben etwas wie: "Wenn Günter Grass 'Wir' sagt, meint er sich selbst, wenn Kaminer 'Wir' sagt, meint er uns!" Ich wurde plötzlich zur Projektionsfläche für unglaublich viele Bilder, die Deutschland zurzeit abgibt.

Der Erfolg zwang Sie also zur zweiten Staffel?

Genau. Ich musste weitermachen.

Für die neuen Folgen haben Sie in so unterschiedlichen Regionen wie der Lausitz und in Offenbach gedreht. Welche Künstler haben Sie dort entdeckt?

Die Frage ist: Wer ist ein Künstler? Früher hat sich die Kunst im Museum versteckt. Oder man konnte sie kaufen und zu Hause an die Wand hängen. Heute begreift sich doch fast jeder als Künstler. Kunst heißt heute, die Soziopathie des Alltags zu überwinden, etwas mit anderen Menschen zusammen zu machen. Das nimmt immer mehr Raum ein, auch in der Sendung.

In Hoyerswerda zum Beispiel will ein Tanzlehrer seine Stadt vor der Schrumpfung retten, indem er mit den Bürgern tanzt. Zuerst waren es zehn Leute, jetzt sind es Hunderte, die auf den Dächern der Stadt tanzen, das ist so verrückt! Und noch verrückter: Alle wollten mit mir "schnacken". Ich hab das zuerst gar nicht verstanden. Meine Tochter macht gerade ein Praktikum in einer Sprachschule, die hab ich angerufen und gefragt: "Nicole, was ist 'Schnack'?" Kannte sie nicht. Dann habe ich gegoogelt. Erster Eintrag: Anton Schnack, deutscher Schriftsteller, 1973 gestorben. Kennen Sie den?

Nein.

Ich auch nicht. Als Zweites steht bei Google: ungezwungene Unterhaltung. Aha! Die ungezwungene Unterhaltung in der Lausitz ist mir ans Herz gewachsen. Alle wollten mir die Geschichte ihrer Heimat nahebringen.

Lübbenau war auch fantastisch. Da gibt es unzählige Kanäle, die Touristen fahren Kanu durch den Spreewald und essen Gurken. Und Fischbrötchen. Und da stehen alte Seemänner mit großen Vollbärten und Seemannsmützen auf der Straße und machen Werbung für Kanufahrten. Wir haben geschnackt von früh bis spät! Ich weiß jetzt alles über Gurken. Es gibt tausend Arten! Ich hab sie in großen Taschen nach Hause getragen. In zwei Monaten sind wir mit ihnen durch, glaube ich.

Wir sind auf unserer Reise auch vielen Rappern begegnet. Zu Hause habe ich auch so einen, mein Sohn ist voll in dieser Musik aufgegangen. Ich sehe, wie viele unterschiedliche Lebensentwürfe sich mit dieser Musik identifizieren. In Offenbach haben wir die Rapper in einem leeren Parkhaus getroffen jetzt weiß ich, wo das Leben boomt!

Sie schlüpfen in dieser Sendung in die Rolle des naiven Reisenden, der seiner Frau am Ende Tages staunend aus einem fremden Land berichtet eine klassische Form der literarischen Reisereportage. Was haben Sie als "Fremder" beobachtet: Gibt es so etwas wie ein Herzstück der deutschen Kultur?

Die Menschen in Deutschland lassen sich nicht lenken und verbiegen. Ob Teenager oder Rentner sie sind eigenwillig. Wenn hier etwas nicht klappt, sagen alle: "Verfluchte Politiker! Alle in die Tonne!" Wenn in Russland etwas nicht klappt, dann ruft man einmal im Jahr bei Putins Fernsehsendung an, und die Zeitungen schreiben: "Über eine Million Anrufe ein neuer Rekord!" Und man fragt sich: Worüber freuen die sie sich? Wenn über eine Million Menschen keine andere Möglichkeit sehen, als bei einer blöden Sendung anzurufen, dann ist das doch das beste Beispiel für die katastrophale Situation eines Landes! Anders in Deutschland: Ob in Lübbenau oder in Offenbach die Leute nehmen die Sache selbst in die Hand.

In welcher Landschaft, die Sie besucht haben, würden Sie am liebsten Ihr Zelt aufschlagen?

Die Eifel ist der Wahnsinn. Dort war ich für die erste Staffel von "Kulturlandschaften". Ich möchte schon in Berlin und Brandenburg bleiben, zwischen Dorf und Stadt pendelnd. Aber in der Eifel ist es am exotischsten. Noch kleinere Dörfer als in Brandenburg aber die Menschen sind alle mit einem unsichtbaren Draht verbunden. In jedem Dorf gibt es einen Künstler, der weltbewegende Kunst macht.

Wie heimatverbunden sind die Künstler auf dem Land?

In Lübbenau habe ich mit den Leuten gesprochen, die Kanus vermieten. Ich sage: "Das ist das Venedig des Ostens!" "Ach, was!", sagt der Kanu-Mann. "In Venedig stinkt es bis zum Himmel! Bei uns ist es viel besser, das können Sie gar nicht vergleichen!" Sehr patriotisch!

Wie stehen Sie zu diesem Patriotismus?

Es ist eine wichtige Geste, eine gewisse Verantwortung für den Ort, in dem man lebt, zu übernehmen. Also nicht immer herumzuspringen und zu sagen: "Hier ist alles im Arsch, ich ziehe weiter." Das klingt jetzt anmaßend wo ich doch selbst aus der Sowjetunion nach Europa gesprungen bin und das keine Sekunde bereue. Es klingt auch anmaßend beim Blick auf die endlosen Flüchtlingsströme, wo Menschen aus zerquetschten, nicht mehr existenten Staaten kommen. Aber eigentlich bestätigen diese Bilder nur meine These: Gerade dort, wo es Menschen gelungen ist, ein friedliches, solidarisches Zusammenleben zu organisieren, muss man das ausbauen.

Es gibt auch einen "Patriotismus", der Fremde ausschließen will ...

Niemand mag Fremde, ist doch klar! Es gibt seit Anbeginn der Zeit nur zwei Arten, sich mit fremden Menschen auseinanderzusetzen: Einschüchterung, damit sie einen großen Bogen um dich machen, oder Gastfreundschaft. Langfristig hat sich die zweite Variante als die bessere erwiesen. Eingeschüchterte Menschen kommen wieder und werden zu deinen Feinden. Die Willkommenen sind schon da und haben gute Chancen, deine Freunde zu werden. Will man Millionen von Feinden produzieren? Die Welt wird immer kleiner. Die deutschen Politiker freuen sich über die steigende Anzahl an abgewiesenen Asylanträgen, weil sie denken, mit diesem Papierkram haben sie das Problem gelöst. Ich glaube nicht, dass sie darüber nachdenken, was diese Leute tun, wenn sie abgewiesen werden und auf welche Weise sie wiederkommen. Sie kommen wieder, denn sie haben keine Alternative. Diese Ablehnung ist als Strategie auf Dauer nicht überlebensfähig.

Ist das Stoff fürs nächste Buch?

Ja, absolut! Mein Thema sind ja die Tragödien, über die man lachen lernen muss. Sonst landet man in einer Sackgasse. Wenn man nur weint, ist das Tragische nicht überwindbar.

Fiktion mögen Sie nicht. Sie meinen, es sei Kraftverschwendung, sich Geschichten auszudenken. Die Realität toppt jede Fiktion?

Was ist tragischer als die Realität? Sie ist eine Kette von Enttäuschungen, die jeden verfolgt, von der Kindheit an bis ins hohe Alter.

Kommen die Künstler aus der Provinz auch in Ihrem Buch vor?

Ich möchte über Deutschland im Umbruch schreiben. Die Hauptrolle werden die Flüchtlinge spielen, weil sie Deutschland zu einer Projektionsfläche machen für so viele Träume von einem besseren Leben kein Land dieser Welt kann diesen Hoffnungen gerecht werden. Ich habe schon einen super Titel: "Ausgerechnet Deutschland!" Ein Land, das überhaupt nicht tauglich ist als Paradies für alle. Keinem gefällt es hier, aber jeder will hierher.

Was hat Sie 1990 in den Westen getrieben? Wollten Sie für immer fort?

Mein Gefühl in der Sowjetunion war das von Unfreiheit. Deswegen hatte ich nie daran gezweifelt, bei der ersten Möglichkeit aus dem Knast der Völker auszureisen. Meine Freunde und ich n mit Dissidentenblut in den Adern, wir hielten uns für Kinder der britischen und amerikanischen Kultur. Wir wussten, dass da draußen alles besser ist wenn es bei uns so schlecht ist, muss es ja woanders gut sein. Der Westen war die große Freiheit, natürlich wollte ich nicht zurück.

"Ausgerechnet Deutschland!" das trifft auch auf Sie und Ihre "Flucht" nach Berlin zu.

Absolut! Wir sitzen uns hier alle auf den Köpfen herum, mit unseren Enttäuschungen und zerplatzten Träumen. Schauen Sie, was in meiner Heimat passiert: Das sozialistische Experiment ist nach 70 Jahren beendet, und zurück bleiben 150 Millionen Menschen, die nichts können. Die Berufspalette dort ist dermaßen skurril, die Mehrheit der Männer arbeitet als Wachpersonalmänner, an jeder Schlange stehen zwei, in jeder Kaufhalle sitzen zwei. Jeder, der irgendetwas Spezielles kann, sucht sich einen Job im Ausland. Früher gab es die Planwirtschaft, da wurden lächerliche Sachen produziert: Gummistiefel in einer Größe für alle. Jetzt gibt es keine Gummistiefel-Großproduktion mehr. Es gibt nichts. Keinen Platz für diese Menschen im 21. Jahrhundert.

Können Sie heute ohne Probleme nach Moskau reisen? Oder ist das zu gefährlich?

Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist, aber ich möchte es nicht unbedingt überprüfen. Die Leute sind leicht beeinflussbar, man kann sie für jeden Quatsch gewinnen, vor allem übers Fernsehen. Putin führt ja diese multimedialen Kriege, in denen er jeden Tag gewinnt und die Welt befreit.

Ist Russland noch Ihre Heimat?

Nicht ganz. In der Russischen Föderation habe ich keinen einzigen Tag gelebt, ich bin noch aus der Sowjetunion ausgereist. Einige Monate später ist dieses Imperium des Bösen auseinandergekracht; das war aber in meiner Abwesenheit.

Ihre Heimat gibt es also nicht mehr.

Ich trage sie in meinem Herzen. Ich treffe täglich russische Künstler und Journalisten, die in den letzten Jahren in die Emigration gezwungen worden sind. Sie geben sich selbst Mitschuld an der Situation, weil sie dazu beigetragen haben, dass man gesagt hat: Die Machteliten, die Offiziere, werden es schon schaukeln. Und jetzt haben sie den Salat. Ich dagegen kann mir an die Brust schlagen und sagen: Ich habe damit nichts zu tun. Ich habe nur versucht, hier im Westen das Klischee des Russen zu lockern. Nicht jeder Russe ist ein Wodka trinkender Bärentänzer. Wir sind normale Menschen, auch wenn das in der heutigen politischen Situation schwierig zu vermitteln ist. Wir tun unser Bestes.

Das Interview führte Barbara Behrendt. Die freie Journalistin arbeitet u.a. für die "taz", "Die Deutsche Bühne" und "Theater heute".

Sendedaten
Kulturlandschaften
fünfteilige Reportage-Reihe

jeweils um 19.30 Uhr (ca 30. Min)
WDH am Morgen danach um 9.15 Uhr

07.08.2017: Allgäu
08.08.2017: Lausitz
09.08.2017: Offenbach am Main
10.08.2017: Nordfriesland
12.08.2017: Thüringen
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Wladimir Kaminer
Privat ist er Russe, beruflich einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Für die Kulturlandschaften besuchte, der in Berlin lebende Moskauer den Schwarzwald, Wuppertal, das Saarland, Mecklenburg-Vorpommern und die Eifel und hat dabei viel über den Begriff Heimat und das deutsche Wesen erfahren.
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Produziert wurden die Kulturlandschaften von der Firma Nordend Film in Hamburg.
Briefe an Olga
© Roeder_NordendLupeWladimir Kaminers Frau Olga ist immer dabei. Zumindest in Gedanken. In seinen Briefen an Olga beschreibt der russischstämmige Schriftsteller auf typisch lakonische Weise seine Erwartungen, Erlebnisse und neuen Erkenntnisse von der deutschen Provinz.