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Jodie Foster und Kate Winslet als bitterböse Mütter
Jodie Foster und Kate Winslet als bitterböse Mütter
Der Gott des Gemetzels
Vom Bürger zur Bestie
Ein banaler Schulhofkonflikt eskaliert zum Fanal. Vier zivilisierte Erwachsene versuchen den Streit ihrer Söhne sachlich beizulegen und scheitern darin auf ebenso amüsante wie erschütternde Weise. Bei einem Treffen zerfällt die bürgerliche Fassade, vier Menschen lassen alle Schranken fallen. Roman Polanski hat Yasmina Rezas Theaterstück "Der Gott des Gemetzels" verfilmt.
Monatelang stand Polanski in seinem Schweizer Chalet unter Hausarrest, belagert von Journalisten. Die Fußfesseln wurde er wieder los, den bösen Vergewaltigungs-Verdacht nicht. Seitdem verschanzt Polanski sich in Paris. Selbst der Weltpremiere seines neuen Films "Der Gott des Gemetzels" bleibt er fern. In Venedig müssen seine Stars Interviews geben. "Roman war bei den Dreharbeiten in Paris richtig gut drauf, das hat mich überrascht", sagt der Schauspieler John Reilly. "Er scheint sein Leben in Paris in vollen Zügen zu genießen. Er hat tolle Kinder und eine tolle Frau. Ich denke, er war einfach froh, dass es vorbei ist. Am Set haben wir das Thema gemieden."

Paare im Bürger-Krieg
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Alles abgehakt also? Im Film "Der Gott des Gemetzels" geht es um einen Schulhof-Streit in der besten Gegend von Brooklyn mit zwei prügelnden Jungs. Der eine schlägt dem anderen zwei Zähne aus. Die Eltern treffen sich, um die Sache beizulegen - alles ganz kultiviert. Die Börsenmaklerin und der Anwalt, gespielt von Kate Winslet und Christoph Waltz, treffen auf die Schriftstellerin und den Geschäftsmann, gespielt von Jodie Foster und John Reilly. Ein Bürger-Krieg zwischen den Yuppies vom Börsenparkett und den linksliberalen Gutmenschen ist programmiert. "Unbewusst ziehen mich solche Geschichten magisch an", so Winslet. "Schulhof-Konflikte entwickeln eine eigene komplizierte Dynamik. Jeder in der Familie wird hineingezogen. Ich bin selbst Mutter und bestens vertraut mit dieser Art von Schulhof-Diplomatie. Das ist oft erstaunlich komplex und manchmal irgendwie lächerlich."

In "Der Gott des Gemetzels" wird aus friedensstiftendem Smalltalk ein brutaler Schlagabtausch. Vor dem Dreh hat Polanski diesen Verbal-Krieg wochenlang mit seinem grandiosen Schauspieler-Quartett einstudiert. Es waren intensive Proben wie im Theater, bei denen es vor Anspannung geknistert haben soll. Aus wohlerzogenen Bürgern werden moralfreie Bestien. Die Fassade bürgerlichen Anstands wird förmlich ausgekotzt. Jodie Foster zeigt - durchaus selbstironisch - ihr komisches Talent als liberale Bürgerrechtlerin, die zunehmend zur verbissenen Spießerin mutiert:

Die Zivilisation mit Whisky zum Teufel gejagt
© dapd Bürgerliche Fassade am Boden
Bürgerliche Fassade am Boden
Eine Szene, in der sie sich übergibt, spiegele auch wider, wie sich der Zuschauer fühlt, so Winslet. "Schon das Zusehen ist eine echte Qual, man möchte sich am liebsten selbst übergeben. Die Kotze wirkt echt, finde ich, die Konsistenz war auch wirklich widerlich, man kann das Zeug förmlich durch die Leinwand riechen. Es klebte überall an mir, an den Händen, im Haar. Tagelang haben wir es nicht abbekommen. Das war witzig." Die Zivilisation wird mit Whisky zum Teufel gejagt. Der "Gott des Gemetzels" übernimmt die Macht. Alle Schranken fallen.

Roman Polanski ist Meister des klaustrophobischen Grauens - immer wieder vor der Folie des eigenen Lebens. Auch in "Der Gott des Gemetzels" setzt er erneut seine eigenen, lange weg gesperrten Gefühle frei in einem Reigen wechselnder Koalitionen. Vage ruft der Film Klassiker wie "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" in Erinnerung, aber im Kern bleibt er eine Satire - auch über das totale Versagen jeder Kommunikation. "Der Gott des Gemetzels" feiert große Schauspielkunst und die Kraft des Wortes. Es ist eine Gesellschaftskomödie, die ihren Witz aus genauen Beobachtungen bezieht. Christoph Waltz ist umwerfend als abgeklärter Karrierist. Der neue "Polanski" ist eine brillante Abrechnung mit den Werten einer satten Mittelschicht.

Sendedaten
Mittwoch, 6. Dezember 2017,
um 22.25 Uhr
Credits
F, ES, PL, DE 2011
Regie: Roman Polanski

Mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, u.a.
Mediathek: Kulturzeit
VideoChristoph Waltz im Interview