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Abschied nach 16 Jahren Berliner Philharmoniker.
Das Abschiedskonzert von Sir Simon Rattle in der Waldbühne
Eine Ära geht zu Ende: Sir Simon Rattle dirigiert am 24. Juni, nach 16 Jahren Amtszeit, ein letztes Mal die Berliner Philharmoniker. Es wird ein farbenfroher, brillanter Abschied – mit Werken von Gershwin, Fauré, Chatschaturjan und Respighi. Im Rahmen des Festspielsommers überträgt 3sat das Konzert live.
Von Maria Ossowski

Mit 63 Jahren verabschiedet sich Sir Simon Rattle in diesen Tagen als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Seine unkonventionelle Arbeit brachte dem Briten international Anerkennung ein. "Aber", sagt Rattle, "sie kostet enorme Kraft".


Der Lockenkopf aus Liverpool

© dpa/Kalter
Simon Rattle 1998 in Liverpool.
Im Jahr 1987 stand ein 32 Jahre junger Lockenkopf aus Liverpool das allererste Mal vor den Berliner Philharmonikern, um Mahlers 6. Sinfonie zu dirigieren. Simon Rattle war so aufgeregt, dass er beschloss, bis zur Pause kein Wort zu sagen, sondern nur die Musik klingen zu lassen.

Konzertmeister Daniel Stabrawa hob den Geigenbogen - und Simon Rattle war es, als habe er seine eigene Stimme entdeckt. "Ich werde niemals vergessen, wie ich damals vor dem Orchester stand, um Mahlers 6. zu dirigieren", sagt er heute.


"Endlich zusammengefunden - jetzt wo ich gehe"

© dpa/Fred Toulet
Nicht immer im Gleichklang: Sir Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern.
Wenn Simon Rattle in dieser Woche das letzte Mal als Chef dirigiert, geht eine Epoche zu Ende: für das Orchester, das Publikum und für ihn selbst. Seit 16 Jahren ist er in Berlin, in Zehlendorf lebt er mit seiner Familie - der Sängerin Magdalena Kozená und den gemeinsamen Kindern. Berlin hat ihn so geprägt wie er das Orchester.

Die Stadt sei ein spezielles Pflaster, erläutert Rattle, sie habe "Ecken und Kanten". Er sei sich nicht sicher, ob das Orchester sich in einer anderen Stadt "derart selbstbestimmt" hätte aufstellen können.

Simon Rattle verschweigt in Interviews nicht die Krisen in seiner Zeit als Chefdirigent. Er sei, so befinden manche der Alphamusiker, einfach zu nett gewesen, zu britisch. Rattle habe nie mit der Partitur aufs Pult gehauen.

Simon Rattle selbst hat deshalb die letzte Saison besonders genossen. "Wir sind hier am Ende meiner Amtszeit. Da ist es für beide Seiten viel einfacher, etwas ohne langen Streit vorzuschlagen", sagt er und führt aus: "Das ist gut so: Denn so haben wir vielleicht endlich zusammengefunden - jetzt wo ich gehe."


"Viel Konkurrenz und Aggression"

"Diesen Job kann man heute nicht mehr über einen sehr langen Zeitraum machen", bilanziert Simon Rattle. "Das Orchester muss sich immer wieder erneuern - es gibt so viel Konkurrenz und Aggression unter den Musikern selbst. Das ist nicht immer gesund - aber so funktioniert das Orchester seit Jahren. Das wird sich nicht ändern." Und oft, so Rattle, entstünden daraus ganz außerordentliche Ergebnisse.

"Wenn ich 80 bin, ist meine jüngste Tochter 21. Ich will dann unbedingt noch da sein. Ich habe mich gefragt, wie ich bis dahin überleben soll, wenn ich diesen Job weitermache", so Rattle. "Es kommt irgendwann die Zeit, da musst du Dich selbst - und auch die Musik - schützen."

Bei den Berliner Philharmonikern mitzuarbeiten - ob als Dirigent, Musiker, hinter der Bühne oder in der Verwaltung - sei kein leichter Job. Aber das Orchester sei "ein Juwel unserer Kultur", betont er. Für ihn seien die letzten Jahre eine unvergessene Reise gewesen, er habe sehr viel über sich gelernt, und er sei froh über das, was entstanden ist.


Glücklich über die Nachfolge Petrenko

© BR/Roland Wagner
Der Nachfolger: Dirigent Kirill Petrenko.
In der kommenden Saison gibt es keinen Chef, bevor dann Kirill Petrenko sein Amt antritt. Er sei begeistert über diesen Nachfolger, sagt Rattle. Petrenko sei nicht nur ein großer Dirigent, sondern ein denkender Mensch, der sich um die Philharmoniker als außerordentliche Institution wirklich kümmern werde. "Ich denke, dass ich ein Zuhörer sein werde, der seine Konzerte in den kommenden Jahren genießt", so Rattle.

Sendedaten
Sonntag, 24. Juni 2018, 20.15 Uhr

Die Berliner Philharmoniker live in der Waldbühne 2018

Ein Konzert mit Sir Simon Rattle und Magdalena Kozená

Info
© dpaSir Simon Rattle, britischer Dirigent und Orchesterleiter, wird am 19. Januar 1955 in Liverpool geboren. Er war drei Mal verheiratet und hat fünf Kinder.

Im April 1971- also mit 16 Jahren - dirigiert er sein erstes Sinfonieorchester. Mit einem Stipendium der Royal Academy of Music studiert er Klavier und Schlagzeug in London.

Nach ersten Berufserfahrungen bei Orchestern in Bournemouth, London, Liverpool und Los Angeles wird Rattle 1980 1. Kapellmeister des City of Birmingham Symphony Orchestra. Dort setzt er auf ein breites Repertoire und scheut auch vor Experimenten mit moderner Musik nicht zurück, was ihm und dem Orchester international Aufsehen bringt. 1994 wird er in den Adelstand erhoben.

Im Juni 1999 wird Rattle zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker gewählt - er macht das Rennen gegen Daniel Barenboim. Rattles Vorgänger Claudio Abbado hatte das Orchester körperlich gezeichnet als kranker Mann verlassen, Herbert von Karajan war zuvor im Streit gegangen.

3sat-Festspielsommer 2018
Festspielsommer 2018
Renommierte Festivals, herausragende Konzerte und Opern mit internationalen Stars. Von Mai bis September reist 3sat in seinem Festspielsommer zu den großen Festivals in den 3sat-Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz, und zeigt ausgewählte Konzerte und Opern-Highlights der großen Klassikfestspiele im deutschsprachigen Raum.
© zdf janakayDas Programm im Juli

Sonntag, 1. Juli, 20.15 Uhr:
Schleswig-Holstein Musik Festival 2018 - Eröffnungskonzert

Freitag, 13. Juli, 21.00 Uhr:
Klassik am Odeonsplatz

Samstag, 28. Juli, 20.15 Uhr:
Bayreuther Festspiele 2018: Lohengrin