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Szene aus dem Film: Frank (Henry Fonda, links) und der Mann mit der Mundharmonika (Charles Bronson).
Ein letzter Western
Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“
Als Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ am 21. Dezember 1968 in Italien uraufgeführt wurde, da hatte Hollywood längst die Deutungsmacht über eines seiner produktivsten Genres verloren. Während in den USA in den 1960er und 70er-Jahren im Jahresdurchschnitt gerade einmal 20 Western produziert wurden, boomte das Genre in Europa. Angesichts 500 italienischer (Co-)Produktionen war das amerikanische Genre par excellence zu einem paneuropäischen Projekt unter italienischer Führung geworden.
Von Harald Steinwender

Den Grundstein dafür hatte Leone 1964 mit „Für eine Handvoll Dollar“ gelegt, eine an Akira Kurosawas „Yojimbo“ (1961) angelehnte italienisch-spanisch-deutsche Coproduktion, die für ein Minimalbudget in Italien und Südspanien gedreht worden war und überraschend zu einem der erfolgreichsten Nachkriegsfilme Italiens avancierte.

War „Für eine Handvoll Dollar“ die Blaupause des „Italowestern“, so wurde „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu seinem Magnum opus; ein Film, der gänzlich aus dem Rahmen der oft seriell gefertigten europäischen Western fiel.


Bevor Jill McBain (Claudia Cardinale) die Farm ihres Ehemannes erreicht, wird er mit seinen drei Kindern brutal ermordet. © dpa/United Archives Bevor Jill McBain (Claudia Cardinale) die Farm ihres Ehemannes erreicht, wird er mit seinen drei Kindern brutal ermordet.
Der Outlaw Frank (Henry Fonda) und die Witwe Jill McBain (Claudia Cardinale).  © dpa United Archives Der Outlaw Frank (Henry Fonda) und die Witwe Jill McBain (Claudia Cardinale).

Roh und poetisch, schön und hässlich zugleich

Schon die 14-minütige Exposition verdeutlicht dies anschaulich. Gemessen am minimalen narrativen Gehalt ist bereits ihre Länge ausufernd: An einem gottverlassenen Viehbahnhof kommen drei Männer an, terrorisieren wortlos den Bahnhofsvorsteher und seine Frau und warten auf den Zug. Nach dessen Ankunft tritt ihnen ein mysteriöser Fremder entgegen, der die Männer erschießt. Nicht mehr, nicht weniger.

Aber wie das inszeniert wird: Mit einem von Ennio Morricone orchestrierten Geräuschraum, der als Musique concrète den Auftritt von Jack Elam, Woody Strode und Al Mulock begleitet. Wie wir alle Zeit der Welt haben, diesen Männern beim Warten zuzusehen, wie sich Elam mit einer lästigen Schmeißfliege duelliert, Mulock mit seinen knackenden Knöcheln zur Geräuschmusik beiträgt, oder wie Strode gleich einer Ikone des Stoizismus unbewegt dasteht, während auf seinen fast kahlen Schädel rhythmisch die Wassertropfen eines lecken Tanks schlagen.

Der Holzboden unter den Männern, ein Flickwerk endloser Bretterlinien aus verzogenen Bohlen und Planken, bildet in den streng komponierten bodennahen Weitwinkelbildern ein Muster, das an einen ausgedörrten Salzsee erinnert – zugleich roh und poetisch, von einer atemberaubenden Schönheit, die die Hässlichkeit der Figuren, die Armseligkeit des Stationshauses und die Banalität des Wartens transzendiert.

Und dann der Auftritt von Charles Bronson als „Mann mit der Mundharmonika“: Mit einem Crescendo der Geräuschmusik überfährt die Eisenbahn wie in Fords „Das eiserne Pferd“ (1924) die Kamera und Leones Regie-Credit fällt von rechts oben ins Bild, wie eine Schranke, die den gerade einfahrenden Zug stoppt. Als dieser wieder abfährt, steht Bronson plötzlich da: als ob der Zug nur ein hunderte Tonnen schwerer Vorhang war, der für seinen Auftritt zur Seite gezogen wurde.

Wenn Leone zuvor die tote Zeit dehnt, indem er uns mit scheinbar endlosen Bildern von Männern konfrontiert, die träge in der Hitze vor sich hinstarren, dann parodiert er natürlich auch Zinnemanns „Zwölf Uhr Mittags“ (1952). Auch darum hat der Filmwissenschaftler Lino Micciché Leones Filme als ein „Kino über das Kino“ bezeichnet und Sylvie Pierre ihm in den Cahiers du Cinéma einen „dreisten kinematografischen Narzissmus“ attestiert; ein ästhetisches und inhaltliches Vorausgreifen auf die filmische Postmoderne und ihre Oberflächenreize, ein Zitieren durch die Filmgeschichte.


Die Bilder aus der Totalen wirken roh und poetisch zugleich.  © dpa/United Archives Die Bilder aus der Totalen wirken roh und poetisch zugleich.
Typische Szenerie: Amerika wird zur Legende, zum romantischen Mythos.  © dpa/United Archives Typische Szenerie: Amerika wird zur Legende, zum romantischen Mythos.

Einer der erfolgreichsten Kinofilme der 1960er-Jahre

Gegenüber dem neuen Erzählrhythmus, den der Film ins Genre einbrachte, diese „beinahe rauschhaft zu erfahrende Ungleichzeitigkeit“ (Georg Seeßlen), reagierte die zeitgenössische Kritik überwiegend mit Ratlosigkeit und Unverständnis. In Deutschland beklagten der "Evangelische Film-Beobachter" und das Branchenblatt "film-echo/Filmwoche" Tempoverschleifungen, selbst das verhaltene Lob im "film-dienst" ging seinerzeit mit einer nachdrücklichen Kritik an der Erzählökonomie einher.

Auch Wim Wenders' doppeldeutig mit "Vom Traum zum Trauma" überschriebene Besprechung in der Filmkritik macht mit ihrem Untertitel "Der fürchterliche Western - Spiel mir das Lied vom Tod" deutlich, dass der Autor damit weniger das zentrale Trauma des Films, den Brudermord, sondern vor allem sein persönliches Trauma beim Kinobesuch meint. Seit „Spiel mir das Lied vom Tod“, so Wenders, „mag [ich] keine Western mehr sehen. Dieser hier ist der letztmögliche, das Ende eines Metiers.“

Das Publikum sah dies allerdings anders: In Deutschland, wo Leones Film im August 1969 anlief, wurde er mit geschätzten 13 Millionen Zuschauern einer der erfolgreichsten Kinofilme des Jahrzehnts.


Urszenen des Western-Genres

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Die Schlüsselszene des Films: Der Brudermord.
Im Rückblick belegen die harschen Kritiken vor allem Hilflosigkeit angesichts eines Films, der seinem Publikum wohl vor allem als Abfolge großer Momente und als „Erlebnismaschine“ funktionierte. Leones erklärter „Abschied vom Genre“ zeigt eine Tendenz zur Überhöhung, zur Amalgamierung einzelner Sequenzen durch Leitmotive, match cuts und sound cuts, zur überladenen Ausstattung und zum exzessiven Einrichten von tableaux vivants.

Und doch hatte Wenders trotz seiner Ablehnung die bemerkenswerte Qualität von Leones Film auf den Punkt gebracht. Statt wie die US-Western eine „Oberfläche aus[zu]breite[n], die nie mehr war als das, was man ihr ansehen konnte [...] [zeigt der Film] etwas dahinter: die INNENWELT der Western. Die Bilder meinen nicht mehr nur sich selbst [...], [es sind] Western-Urszenen.“

Tatsächlich scheinen selbst die Protagonisten dieses Films sich dessen bewusst zu sein. Man sei eine längst überholte Rasse, konstatieren die Gunmen, bevor sie sich zum ritualisierten Showdown gegenübertreten. Im Angesicht der aufziehenden Moderne sind die filmischen Stereotype des stoischen loners und des sadistischen Schurken nur mehr Figuren einer überkommenen Folklore.


Romantische Sehnsucht, Mythos und Western-Nostalgie

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Der klassische Western ist immer auch ein europäischer Traum von der Neuen Welt.
„Spiel mir das Lied vom Tod“ bildet zusammen mit „Todesmelodie“ (1971) und „Es war einmal in Amerika“ (1984) den Auftakt eines Triptychons vom Werden Amerikas; aus der Perspektive eines europäischen Traums, der Amerika als Legende begreift und als historischen Raum weitgehend ignoriert.

In diesem Sinn war sein italienischer Titel „C’era una volta il West“ („Es war einmal der West“) eine luzide Zusammenfassung. Im Gegensatz zum deutschen Verleihtitel verweist er auf die populäre Form, den Märchencharakter und den Mythos. Er vereint die romantische Sehnsucht nach dem Vergangenen, den Traum der europäischen Emigranten von der Neuen Welt, die Projektion der Intellektuellen und der italienischen Antifaschisten während der Mussolini-Jahre, sowie den mythischen Westen, der in der Nostalgie des Cinephilen fortlebt, der seiner vom Kino genährten Phantasmen der Kindheit gedenkt.

Und zugleich unterschlägt der Titel nicht die biografische Enttäuschung über die Entzauberung des Traums: der Weste(r)n, das war einmal, ist nicht mehr, zumindest nicht mehr so wie damals.


Zentraler Platz in der europäischen Popkultur

„Spiel mir das Lied vom Tod“ war ein Geschenk Europas an die Neue Welt und ihre Kinematografie: Neuanfang und Abschied zugleich oder in den Worten des britischen Regisseur John Boorman: die „Apotheose des Western“. Auch darum nimmt er heute einen zentralen Platz im Pantheon der Popkultur ein und gilt einer Vielzahl von gegenwärtigen Hollywood-Regisseuren als Bezugspunkt.

Filme wie „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976), „Conan, der Barbar“ (1982) und „Schneller als der Tod“ (1995) haben ähnlich wie „Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt“ (2007), „Rango“ (2011) und „The Hateful 8“ (2015) Schlüsselbilder oder ganze Sequenzen aus Leones Film nachgestellt.

„Spiel mir das Lied vom Tod“ bildet zusammen mit Leones Nachfolgefilmen „Todesmelodie“ (1971) und „Es war einmal in Amerika“ (1984) den Auftakt eines Triptychons vom Werden Amerikas; aus der Perspektive eines europäischen Traums, der Amerika als Legende begreift und als historischen Raum weitgehend ignoriert. 3sat zeigt im Rahmen des Thementages "Wilde Western" den Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der restaurierten Fassung am 4. Februar 2018.


Sendedaten
Sonntag, 4. Februar 2018, 21.55 Uhr und 2.35 Uhr (Whd.)

Spiel mir das Lied vom Tod

Spielfilm Italien/USA 1968

3sat-Thementag
Wilde Western
Und so sie reiten wieder: Einen ganzen Tag lang sind bei uns Abenteurer, Cowboys und Indianer in starbesetzten Klassikern des Genres unterwegs, darunter "Weites Land", "Zwölf Uhr mittags" und "Spiel mir das Lied vom Tod". Zudem gibt es Dokus über die Westküste der USA und die Eroberung des Kontinents zu sehen.
Filmgeschichte des Western
So alt wie das Kino
Atemberaubende amerikanische Landschaften mit tiefen Wäldern, irrealen Wüsten und majestätischen Gebirgen. Dazu spannungsgeladene Action, beeindruckende Duelle, heroische Protagonisten und verschlagene Schurken. Die klassischen Western führen uns noch immer die großen Attraktionen des Genres vor Augen.
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Buchtipp
Im Bertz+Fischer-Verlag ist die Monografie „Sergio Leone – Es war einmal in Europa“ (404 Seiten, 29 EUR) erschienen, in der sich Harald Steinwender ausführlich mit dem Werk Leones befasst.