Ökologisch und genussvoll
"Lohas" heißen die modernen Nachfolger der Schlabber-Ökos
© dpa
Ein Gespenst geht um in den Supermärkten: das Gespenst der Konsumrevolution. Es nimmt sich ganz manierlich die Waren aus dem Regal und bezahlt sie brav an der Kasse. Aber dennoch will es, wie alle Revolutionen, die Welt verändern. Der Name des Gespensts ist "Lohas". Das steht für "Lifestyle of Health and Sustainability", zu deutsch, "Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit".
Wer sind die geheimnisvollen "Lohas", die auf Ökosohlen durch den Bio-Laden wandeln und für Wurst von glücklichen Schweinen schwindelerregende Preise bezahlen? Wer sind sie - und vor allem, was wollen sie eigentlich? Eike Wenzel, Chefredakteur des Zukunftsinstituts in Kelkheim-Ruppertshain, hat sie analysiert. "Es gibt immer mehr 'Lohas' und immer mehr Leute, die sagen, ich möchte nicht nur ökologisch, ich möchte auch genussvoll leben", sagt Wenzel. " In den 1980er Jahren, bei den alten Ökos, sagten wir, die definieren sich eher über Verzichten, über Konsumverzicht. Und die neuen Ökos sagen, Gesundheit und Genuss ist für mich beides gleich wichtig." Das heißt, Gesundheit, Genuss und natürlich Weltverbesserung, beispielsweise über fairen Handel. Den haben sich die "Lohas" auf die Fahnen geschrieben.
Ziel: "Grüner Kapitalismus"
Dabei werde das Prinzip Kapitalismus aber nicht in Frage gestellt. "Wir versuchen, von innen heraus pragmatisch diesen Kapitalismus zu verändern", so Eike Wenzel. "Wir leben gerne in dieser Welt, das sagen sie auch. Die 'Lohas' sind schon sehr zukunftsorientiert, positiv. Sie sagen, wir können die Welt verändern, wir müssen die Welt verändern, aber jeder kann dazu etwas beitragen. Und man muss mit kleinen Schritten anfangen. Irgendwann sind wir dann so weit, dass wir sagen, wir sind im grünen Kapitalismus angekommen und haben schon sehr viel erreicht."
Judith Holofernes (rechts) bekennt sich zum "Lohas"
Den neuen Ökotrend haben auch Prominente wie Judith Holofernes mehrheitsfähig gemacht. Die Sängerin von "Wir sind Helden" hat garantiert nichts vom schlabbrigen Jutelook vergangener Naturkost-Generationen, aber kauft selbst Babywindeln im Bioladen. In ihren Liedern und Interviews bekennt sie sich zum nachhaltigen Konsum und sieht darin als praktizierende Buddhistin eine grundsätzliche Frage. "Ein Gesichtspunkt, der selten besprochen wird, wenn es um 'Lohas' geht, ist der, dass das höchstwahrscheinlich bei den meisten Leuten zusammengeht mit irgend einer spirituellen Suche. Dass die meisten Leute sich nicht nur damit auseinandersetzen, wie sie ihr Geld ausgeben, sondern sich generell viel damit auseinandersetzen, wie sie sich in ihrem Leben und der Welt und anderen Lebewesen gegenüber verhalten."
Ausgleich für Öko-Sünden
Mit jedem Euro, den ihr die Konzerte, CD- oder Buchverkäufe einbringen, kann sie eine Kaufentscheidung treffen. Damit verändert sie die Welt ein klein wenig - so ihr Credo. Das heißt: keine pestizidverseuchte Massenware aus menschenfeindlicher Akkordproduktion. Viele ihrer Fans denken ähnlich, obwohl es das Einkaufen kompliziert macht. "Aber wenn ich zum Beispiel beim Hosenkauf verzweifelt bin und mir irgendwann eine kaufe, die nicht meinen ethischen Ansprüchen gerecht wird, dann gebe ich mir Mühe, das in anderen Bereichen auszugleichen", so die Sängerin. Der Gedanke von Ausgleich statt ewiger Öko-Korrektheit ist bei "Lohas" beliebt. Auf der Internetplattform "atmosfair" kann man sich ausrechnen lassen, wie viel Abgase man mit seinem Urlaubsflug in die Atmosphäre pustet - und dann einen entsprechenden Betrag in ein Ökoprojekt buttern.
Wie man sich als Konsument einen Heiligenschein erwirbt, kann man ohnehin am besten über das Internet erfahren. Hier gibt es immer mehr Seiten, auf denen die selbsternannten "Lohas" sich austauschen und über Produkte informieren können. Besonders ambitioniert ist das Internet-Projekt "Utopia" mit vielen ökologisch vorbildlichen Unterstützern, wie zum Beispiel Sandra Maischberger. Die Redaktion von "Utopia" sitzt in München. Gründerin ist Claudia Langer, früher Chefin einer Werbeagentur. Damit hat sie ein kleines Vermögen verdient. Ihr geht die "Lohas"-Bewegung nicht weit genug. "Wir werden jetzt auch immer in diese Schublade reingesteckt", sagt Claudia Langer. "Das tut uns ein bisschen weh, weil ich glaube, 'Lohas' ist eine wichtige Marketingkategorie, weil man versucht, ein Phänomen verzweifelt in eine Kiste zu sperren. Wir wollen etwas anderes, wir wollen darüber hinausgehen."
Konsumenten machen Druck auf Unternehmen
Auch bei "Utopia" geht es um strategischen Konsum, aber auch um einen lebendigen Dialog, um Austausch über "das gute Leben". Das Herzstück des Projekts ist für Claudia Langer die "Community" der bei "Utopia" registrierten Benutzer. Ziel ist eine Konsumentenmacht, die die Unternehmen zu echten Zugeständnissen zwingt. "Wir machen nicht 'Attac', sagt Claudia Langer, "wir machen nicht 'Greenpeace', wir sind nicht konfrontativ, aber sehr bestimmt, in dem, was wir wollen. Wir wissen aber, wie die Unternehmen ticken. Wir gehen stark auf die Unternehmen zu und sagen, es gibt Dinge, die finden wir nicht gut. Redet mit uns, guckt mal da rein. Da baut sich eine Welle auf. Die ist noch nicht so groß, dass die Unternehmen in Schockstarre verfallen oder in hektischen Aktionismus. Aber wir merken, dass die Unternehmen das sehr ernst nehmen. Da ist durchaus dieses Frühwarnsystem, dass sie selbst alle sehr nervös sind."
"Lohas" - modische Gewissensberuhigung oder echtes Engagement? Konsumforscher rechnen bis zu 30 Prozent der Bevölkerung dazu. Die meisten wissen das aber noch nicht. Öko-Ethik ist ein Trend, dem man sich kaum noch entziehen kann. Wenn Sie manchmal Bio-Wein kaufen oder ihr Hund auf Dosen aus dem Bioladen steht, dann sind Sie womöglich auch schon dabei.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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