Kultur

"Kulturzeit" vom 22.11.2022: Die Türkei und die Meinungsfreiheit

Die Themen der Sendung: Schriftsteller zur Lage in der Türkei, Kulturmilliarde aus der Gießkanne?, Queerness im Heavy Metal, Österreichischer Buchpreis an Verena Rossbacher und Esbjörn Svensson.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2022
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 22.12.2022

Die Themen der Sendung:

Erdogan und kein Ende ?- Schriftsteller und PEN Präsident Burhan Sönmez zur Lage in der Türkei

Unter dem Motto "Zeitenwende" setzt sich das Festival "Literaturdistrikt" in Essen für eine plurale und diverse Gesellschaft ein und gibt 2022 vor allem auch Stimmen aus der Türkei Raum. Einer der widerständigen Autoren in der Türkei ist Burhan Sönmez, Jurist, Schriftsteller, Präsident des PEN international. In Essen liest er aus seinem Roman "Labyrinth". Das Buch erzählt von einem, der sein Gedächtnis verlor. Der Protagonist stürzt sich von der Bosporusbrücke, überlebt schwer verletzt aber ohne persönliche Erinnerungen, ohne Zeitgefühl. Ein Zustand, der Burhan Sönmez vertraut ist: "Ich habe ein schweres Schädel-Hirntrauma erlitten, dank der türkischen Polizei", erzählt er. "Es gibt heute noch Freunde von früher, an die ich mich nicht erinnere. Wir treffen uns manchmal, aber ich habe ihnen das bis heute nicht erzählt." Und bis heute ist auch der Kurdenkonflikt im Osten der Türkei nicht gelöst, die türkische Armee geht brutal vor. 1996, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs, starben 17.000 Zivilisten. Damals arbeitete Sönmez als Menschenrechtsanwalt.

Zehn Jahre wurde er im britischen Exil medizinisch behandelt, kehrte als Schriftsteller und Menschenrechtsaktivist zurück in die Türkei, wo inzwischen Recccep Tayyip Erdogan an der Macht war. Der sorgte mit Wegsperren und Einschüchtern für seinen Machterhalt. Die Regierung hat angekündigt 49 weitere Gefängnisse zu bauen. Inzwischen steigern Inflation, Korruption und Repression die Wut und Unzufriedenheit im Land. 2023 stehen Präsidentschaftswahlen an. "Ich glaube an Schreibende, Kunst, Arbeitende und in letzter Zeit vor allem an die Stärke der Frauen und der neuen Generation", sagt Burhan Sönmez. "Ich denke, Erdogan wird verlieren. Aber die Frage ist: Wird er auch gehen?" Die Hoffnung bleibt.

Kulturmilliarde aus der Gießkanne?

Aktuelle Recherchen von Deutschlandfunk Kultur weisen auf eine ungleiche Verteilung der staatlichen Corona-Finanzhilfen für Kultureinrichtungen hin. So hätten verschiedene Galerien und Kunstmessen mehrfach Gelder aus dem Hilfsprogramm "Neustart Kultur" bezogen, obwohl sie im ersten Pandemie-Jahr kaum wirtschaftliche Einbußen gehabt hätten, heißt es in einem Bericht des Senders. Für das Hilfspaket "Neustart Kultur" hatte die Bundesregierung im Februar 2021 rund zwei Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Damit sollten der Kulturbetrieb und die kulturelle Infrastruktur erhalten werden, die im Zuge der Corona-Pandemie stark gefährdet waren. Das Geld von "Neustart Kultur" wurde größtenteils nicht direkt von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien an die Empfänger ausgezahlt, sondern über Branchenverbände, Stiftungen, Vereine und Unternehmen.

Laut DLF Kultur gingen mehr als 100 Millionen Euro des Hilfspakets in den Bereich der Bildenden Kunst. Davon seien rund 30 Prozent von Unternehmen des kommerziellen Kunstmarkts beantragt worden, also etwa von Messen und Galerien. Zusätzlich hätten einige Kunstmessen ihren Ausstellern einen pauschalen Rabatt auf die Standmieten gewährt. Dieser wurde nach Angaben von DLF Kultur vom Staat erstattet und beläuft sich auf über 12 Millionen Euro. Unternehmen des Kunstmarkts hätten außerdem Gelder aus einem Förderprogramm des Deutschen Verbandes für Archäologie bezogen, das eigentlich für private Museen, Ausstellungshäuser und Gedenkstätten aufgelegt wurde. Auch bei der Künstlerförderung habe es Schwachstellen gegeben, hieß es weiter. Demnach erhielten einzelne Künstler*innen mehrfach Stipendien, während gleichzeitig Tausende Antragstellende leer ausgingen. Grund dafür sei, dass die Stipendien nach künstlerischer Exzellenz vergeben wurden und nicht nach Bedürftigkeit oder anderen sozialen Kriterien. Bei den Galerien hingegen erhielten vier von fünf der Antragsteller eine Zusage der Jury. DLF Kultur kritisierte, dass die Gelder des Hilfsprogrammes nicht gerecht verteilt worden seien. Der tatsächliche Bedarf bei den Kultureinrichtungen sei nicht überprüft worden. Für die Recherche hat das Team von DLF Kultur eigenen Angaben zufolge mehr als 20 Förderprogramme und Programmmodule aus dem Bereich Bildende Kunst durchleuchtet. Wir sprechen mit Fabian Dietrich über die Studie. Der DLF-Journalist hat die Recherchen gemeinsam mit Max Kuball und Peter Sim veröffentlicht.

Queerness im Metal – Wie das harte Musikgenre diverser wurde

Heavy Metal ist laut, schnell und hart. Aber geht es deswegen bei dieser Musik einfach nur um primitive Wut, Macht und Mackertum? Die wirklich großen Metal-Bands nutzen die Härte ihrer Songs, um ihre eigene Zerbrechlichkeit auszustellen. Metal ist und war auch schon immer eher der Sound der Underdogs, der Ohnmächtigen, der Am-Rande-des-Schulhofs-Steher. Und somit auch der queeren Community. Ausgerechnet Heavy Metal wurde lange Zeit zwar als Bollwerk heteronormativer Männlichkeit missverstanden. Dabei gibt es kaum ein Genre, das ähnlich queer und genderfluid ist: Jungs mit langen Haaren, die wie Mädchen aussehen wollen. Bands, die sich "Die Eiserne Jungfrau" nennen. Oder Rob Halford von Judas Priest, der in den 1970er Jahren direkt aus dem Schwulen-Club zum Auftritt ging und so den vermeintlich männlichen, eigentlich superqueeren Dresscode von Heavy Metal erfand: mit Leder und Nieten. Dennoch brauchten Heavy-Metal-Musiker*innen lange, bis sie sich outeten. Roddy Bottum, Keyboarder von Faith No More, war 1993 der erste, der es tat - keine 30 Jahre ist das her. Er löste damit einen medialen Wirbelsturm aus. Ähnlich große Aufmerksamkeit erfuhr der norwegische Black-Metal-Sänger Gaahl, der sich 2008 outete. Beide Musiker haben Essentielles für die queere Community geleistet.

Österreichischer Buchpreis an Verena Roßbacher

Im österreichischen Literaturbetrieb hat Verena Roßbacher bislang mehr als Geheimtipp gegolten - das wird sich mit dem Österreichischen Buchpreis ändern. Mit "Mon Cherie und unsere demolierten Seelen" konnte sie sich gegen literarische Kaliber wie etwa Robert Menasse durchsetzen. Verena Roßbacher erzählt in ihrem Roman von einer Frau Anfang 40, die sich konventionellen Lebensentwürfen beharrlich widersetzt und sich nicht in irgendwelche Schubladen zwängen will. Eine sympathische Außenseiterfigur, die mit den Selbstoptimierungstrends des herrscheden Zeitgeists nichts anzufangen weiß. Mit viel Humor versteht es die Schriftstellerin die schrullige Persönlichkeit ihrer Protagonistin zu entfalten, die sich plötzlich schwanger mit einem Kind von drei potentiellen Vätern wiederfindet. Verena Roßbacher wurde 1979 in Bludenz geboren. Ihr literarisches Debüt erschien 2009, vier Romane hat sie seitdem veröffentlicht - der leichtfüßige und gleichzeitig gesellschaftskritische Humor, mit dem sie die Jury überzeugen konnte, zieht sich durch all ihre Bücher.

Neue Musik von Esbjörn Svensson

Der schwedische Pianist Esbjörn Svensson ist 2008 im Alter von nur 44 Jahren bei einem Tauchunfall ums Leben gekommen. Svensson war Pianist und Komponist der schwedischen Jazzband Esbjörn Svensson Trio, zu der auch der Kontrabassist Dan Berglund und der Schlagzeuger Magnus Öström gehörten. Er gilt als einer der herausragenden Jazzpianisten der Zeit um die Jahrtausendwende. Zehn Jahre nach Svenssons Tod hat seine Witwe auf einer Festplatte nie gehörte Solostücke von ihm entdeckt, die nun veröffentlicht wurden.

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