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Darsteller mit historischer Perücke vor Notenblatt

Kultur

Genie im Windschatten - Ignaz Joseph Pleyel

Die Dokumentation "Genie im Windschatten" zeichnet den sehr erfolgreichen und streckenweise durchaus abenteuerlichen Lebensweg des Ignaz Joseph Pleyel (1757 - 1831) nach.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Sendetermin
06.06.2020
10:00 - 10:45 Uhr

Der aus Niederösterreich stammende Zeitgenosse von Mozart und Haydn war zu seiner Zeit ein beliebter, häufig gespielter Komponist.

Er wurde in Paris nicht nur ein bedeutender Klavierbauer und Musikverleger, sondern steht auch noch im begründeten Verdacht, möglicherweise an der Komposition einer der berühmtesten Melodien der Musikgeschichte beteiligt gewesen zu sein.

Schöpfer der Marseillaise?

Historisches Portrait des Verlegers.
Ignaz Pleyel 1757 - 1831
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Es gibt nämlich eine Reihe von Indizien dafür, dass nicht der französische Nationalheld Claude Joseph Rouget de Lisle, Hauptmann der Rheinarmee, sondern Ignaz Joseph Pleyel, Sohn eines Schulmeisters aus Ruppersthal bei Kirchberg am Wagram, die Marseillaise komponiert hat. Zumindest aber war er maßgeblich daran beteiligt.
Die "Marseillaise" entstand im Frühjahr 1792 in Straßburg und stand im unmittelbaren Zusammenhang mit der Kriegserklärung Frankreichs an Österreich und Preußen. Wenn tatsächlich ausgerechnet ein Österreicher der Schöpfer dieser Melodie war, so entbehrt das nicht einer gewissen Ironie von historischem Ausmaß.

Stefan Zweig hat diesen musikalischen Geniestreich in seiner Novellensammlung "Sternstunden der Menschheit" festgehalten. Doch dieses Stück Literatur weicht erheblich von der Realität jener Tage ab.

Geheimnisumwittert, begabt, erfolgreich

Organist beim Spiel vor einem Kirchenfenster.
Dominique Debès, Domkapellmeister, Straßburger Münster
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Ignaz Pleyel war aber auch abgesehen von diesem möglichen musikalischen Geniestreich ein vielfach hochbegabter und erfolgreicher Mann, der schon von Geburt an mit einem Geheimnis umgeben war. Denn Pleyels Mutter soll verschiedenen Hinweisen zufolge eine Gräfin Schallenberg gewesen sein. Angeblich war sie aus ihrer adeligen Gesellschaftordnung ausgebrochen und hatte "ins Dorf hinunter" einen einfachen Schulmeister geheiratet. Damals eine Unerhörtheit, die nicht geduldet werden konnte und von ihrer Familie prompt mit beinahe völliger Enterbung geahndet wurde.
Ungeachtet seiner, nach damaligen Normen nicht standesgemäßen Geburt, kann man in Pleyels erster Lebenshälfte immer wieder erkennen, dass eine unsichtbare, vermutlich adelige Hand schützend und leitend über ihn gehalten wurde.

Als man sein musikalisches Talent erkannte, wurde ihm, dem mittelllosen Sohn eines Dorfschullehrers, eine mehrjährige Ausbildung bei Joseph Haydn und danach eine ausgedehnte Bildungsreise in die Musikzentren Italiens ermöglicht.

Konkurrent Mozarts

Mit Feder geschriebener Notensatz
Missa Solemnis, Ignaz Pleyel, Handschrift
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Gegen die Konkurrenz Mozarts wurde er 1789 - gerade als in Paris gerade die alte Gesellschaftordnung explodierte - zum Domkapellmeister von Straßburg berufen.

Die bürgerliche Idylle dauerte nicht lange, bald griff die Revolution auch auf Straßburg über und der "Autrichien" aus dem Land der Marie Antoinette war den Revolutionären schnell sehr verdächtig. Um sein und seiner Familie Leben zu retten komponierte er nicht nur zur höheren Ehre Gottes, sondern eben auch zur höheren Ehre der Revolution. Aus dieser Zeit stammt auch seine Freundschaft mit dem künstlerisch begabten Rouget de Lisle, einem Offizier der in Straßburg stationieren Rheinarmee. Mit ihm schrieb er 1791 unter anderem eine "Hymne à la liberte". Also stammen vielleicht auch einige musikalische Notizen und Anregungen zur Marseillaise von ihm, die ja der offiziellen Lesart nach von seinem Freund Rouget de Lisle geschaffen worden sein soll.

Ivan Alexandré, ein französischer Bühnenregisseur und Journalist, der sich eingehend mit Pleyel auseinandersetzte: "Seine direkte Mitwirkung an der Marseillaise würde ich bezweifeln, aber seine Mitwirkung als Komponist an der Französische Revolution ist ganz sicher."

Schüler und Freund Joseph Haydns

Mann spielt auf einem historischen Klavier.
Jean Jude, Musikhistoriker an einem Pleyel Klavier, BJ 1843.
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Während sich in Frankreich die Revolution ausbreitete, war Pleyel in London in einen Wettstreit mit seinem ehemaligen Lehrer Haydn verwickelt. Dazu Otto Biba, Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien:

"Besonderes Charakteristikum der Londoner Musikszene dieser Jahre war, dass es schon kommerzielle Konzertunternehmer, Manager gegeben hat. In keiner anderen Stadt Europas war das so üblich. Und die haben sich große Nummern geholt und vor das Publikum gebracht. (...) Einer derjenigen, die nach London geholt wurden, um dem Herrn Salomon, der das große Geschäft mit Haydn machte, ein bisschen das Wasser abzugraben war Ignaz Pleyel.
Doch die Rechnung ist nicht aufgegangen. Pleyel und Haydn haben sich sofort verständigt und Pleyel hat Haydn sozusagen verraten, dass er seinem Unternehmer versprochen hat eine 'Sinfonia Concertante' zu komponieren, damals ein völlig neuer Symphonietypus. Der Lehrer erfährt, wozu der Schüler verpflichtet ist, setzt sich hin und schreibt auch eine solche neue 'Sinfonia Concertante', die kurz nach der von Pleyel aufgeführt wird und von der das Londoner Publikum sagt: "Die von Haydn ist ja viel besser". Der Pleyel hat diesen Symphonietypus zwar zum ersten Mal nach London gebracht, hat sich aber von seinem Lehrer Haydn ganz bewusst ausstechen lassen. Und schon war die 'Sinfonia Concertante' von Haydn das Stadtgespräch. Das ist das Faszinierende an dem Londoner Musikmarkt dieser Zeit. Da geht's zu wie heute im Businessleben überhaupt."

Erfolge in ganz Europa - und rasch vergessen

Französische Straßenschilder
In Paris trifft man noch auf Pleyels Namen.
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Mitten in der größten revolutionären Aufregung ging er nicht etwa zurück nach Österreich, er übersiedelte nach Paris. War er naiv oder visionär, als er dort einen Musikverlag und wenig später eine Klavierfabrik gründete?

Beide Unternehmungen sollten erfolgreich werden. Pleyel-Pianos dominierten bald den europäischen Markt - unter anderem Dank der Tatsache, dass Frédéric Chopin die Klaviere des Österreichers liebte und beinahe ausschließlich auf ihnen spielte.

Ignaz Pleyel hinterließ ein umfangreiches musikalisches Werk, das jedoch rasch in Vergessenheit geriet. Er war zu Ansehen und Wohlstand gekommen und als er 1831 starb, wurde auf dem Pariser Prominentenfriedhof Père-Lachais begraben. Die Klavierfabrik, die 200 Jahre seinen Namen trug, stellte erst 2013 den Betrieb ein. Der nach ihm benannte Salle Pleyel war bis dieses Jahr d e r wichtige Konzertsaal von Paris und wurde erst im Jahr 2015 von der neuen Philharmonie abgelöst.

Kleine Kirche aus der Froschperspektive
Taufkirche Pleyels in Ruppersthal, Niederösterreich
Quelle: ORF/RAUM.FILM FILMPRODUKTION

Am Geburtsort Ruppersthal in Niederösterreich ist seit Jahren eine Internationale Pleyel Gesellschaft ansässig, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Werk und Andenken dieses zu Unrecht ein wenig Vergessenen zu pflegen. Sie veranstaltet regelmäßig Konzerte, produziert CD-Einspielungen, eine wissenschaftliche Gesamtausgabe des kompositorischen Werkes ist in Arbeit. Im Mai 2016 wurde mitten in den Weinbergen das Pleyel-Kulturzentrum eröffnet.

Die Dokumentation von Gustav W. Trampitsch zeichnet den Lebensweg dieses außerordentlich erfolgreichen "Genies im Windschatten" der Musik- und Zeitgeschichte nach.

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