Kultur

Christos Anesti! Ostern am Peloponnes

In weit aufgerissenen Kinderaugen spiegeln sich die Flammen der brennenden Stofffetzen, Heißluftballons verkünden die Frohbotschaft der Osternacht am Peloponnes.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 17.06.2022

Kleine Hände umklammern den Aluminiumrand des Heißluftballons, den das Feuer erwärmen und schließlich zum Himmelskörper machen soll. Groß ist der Jubel, wenn sie ihn endlich loslassen dürfen und ihn die heiße Luft zum Meer treibt. Hunderte solcher Ballons erleuchten schließlich den Nachthimmel über Leonidio. Mit ihnen soll die Frohbotschaft der Osternacht verkündet werden: "Christos Anesti!" (Christus ist auferstanden).

Stimmungsvolle Ostermontagsmesse vor der Agios Giorgios Kirche am Meer.
Stimmungsvolle Ostermontagsmesse vor der Agios Giorgios Kirche am Meer.
Quelle: ORF/Manuela Zips-Mairitsch.

Zu keiner anderen Jahreszeit ist Griechenland so sehr Griechenland wie zu Ostern. Fast vergessen sind dann die deprimierenden Zeiten voller Unsicherheit und Zukunftsangst. Im Gemeinschaftserlebnis der vielfachen Osterbräuche schrumpfen die täglichen Sorgen zu vorüber gehendem Unbill. Durch die weltliche Krise finden viele zurück zum Glauben. Die Kirchen sind so gut besucht wie schon seit Jahrzehnten nicht.

Auffallend viele junge Leute suchen Trost in der Spiritualität. Der griechisch-orthodoxe Ritus eröffnet eine ganzheitliche Erfahrung. Im Schein der Kerzen, begleitet von stundenlangen liturgischen Gesängen, soll ein sinnlicher Weg zur Erlösungsbotschaft gefunden werden.

Wer zu Ostern nach Monemvasia kommt, sucht ganz bewusst ein Tor zur Vergangenheit.
Wer zu Ostern nach Monemvasia kommt, sucht ganz bewusst ein Tor zur Vergangenheit.
Quelle: ORF/Manuela Zips-Mairitsch.

Am Höhepunkt der Osternacht, wenn die Priester mit dem ewigen Licht aus Jerusalem die Auferstehung Christi verkünden, wartet schon das "Feuerwerk der Hoffnung" auf ein neues, besseres Leben.

An manchen Orten wie dem byzantinischen Monemvasia wird die mitternächtliche Stunde der Verkündung noch relativ besinnlich begangen, wie es dem mittelalterlichen Ambiente entspricht, andernorts explodieren jetzt die selbst gebastelten Sprengkörper wie zu Neujahr.

In Leonidio duellieren sich Dynamitbomben, vervielfacht durch das Echo der Berge mit dem Feuerwerk der Gemeinde und den Heißluftballons um die Lufthoheit am Himmel. In schlechten Zeiten bekommt das Fest der Auferstehung eine noch größere Bedeutung. Monemvasia am südlichen Peloponnes in Lakonien gilt als einer der besten Orte, um Ostern besinnlich zu feiern. In der mittelalterlichen Stadt erhält der historische Glanz einen neuen Anstrich. Die autofreie Festungsstadt steht für eine mystisch intensive Erfahrung des Todes und der Auferstehung Christi.

Auch Monemvasia hat die Tradition der Judasverbrennung übernommen. Damit wollen die Leute Rache für den Verrat an Jesu nehmen.
Auch Monemvasia hat die Tradition der Judasverbrennung übernommen. Damit wollen die Leute Rache für den Verrat an Jesu nehmen.
Quelle: ORF/Manuela Zips-Mairitsch.

Ganz anders werden die Ostertage auf der anderen Seite des Parnon Gebirges zelebriert. In Leonidio, der Hauptstadt Arkadiens wird die Auferstehung regelrecht herbei gebombt. Leonidios Ostern ist vergleichbar mit Sylvester das lauteste Fest des Jahres. Seit alters her bombardieren die männlichen Bewohner die zwischen zwei Felswänden liegende Kleinstadt mit selbst gebastelten Dynamitbomben.

Selbst während der Auferstehungsfeier am Karsamstag übertönen die Detonationen die gesamte Liturgie. Insofern liefert Leonidio den totalen Kontrast zu den liturgischen Páscha-Feiern Monemvasias. Zwischen diesen beiden Polen pendelt der Dokumentarfilm, um die Bedeutungen von Ostern im orthodoxen Glauben und im gelebten Alltag einzufangen. Gerade in Zeiten der Krise erhält das Fest der Auferstehung eine noch stärkere symbolische Bedeutung.

Das Osterfest wird in Griechenland Páscha genannt, was auf seinen alttestamentarischen Ursprung im jüdischen Pessachfest hinweist. Im griechisch-orthodoxen Glauben gilt Páscha als wichtigstes Fest des Jahres. Im Mittelpunkt steht die Auferstehung von Jesus Christus, die den Gläubigen Hoffnung auf ein ewiges Leben vermittelt. Durch seine Überwindung der Leiden und des Todes partizipieren sie alle, die im Herzen eins mit Christus sind, an diesem göttlichen Beweis für das ewige Leben.

Traditionelles Ballonsteigen zu Tsakonischem Tanz in Leonidio.
Traditionelles Ballonsteigen zu Tsakonischem Tanz in Leonidio.
Quelle: ORF/Manuela Zips-Mairitsch.

In der byzantinischen Festungsstadt Monemvasia am südlichen Peloponnes kann man sich wie kaum anderswo auf den geschichtlichen Glanz besinnen und auf Erneuerung durch die Überwindung des Todes im ewigen Leben hoffen. Bei der überaus weltlichen Variante der Osterfeiern in Leonidio werden die bösen Kräfte des Leidens und des Todes hingegen mit Böllerschüssen und allem erdenklichen Krawall vertrieben. Doch neben den Exzessen mit den selbst gebastelten Bomben existiert auch hier ein Element der spirituellen Hoffnung: In der Osternacht werden hunderte Heißluftballons in allen erdenklichen Größen in den Himmel geschickt, um mit dieser Handlung an der Auferstehung teilzuhaben. Aus theologischer Sicht folgt das Páscha-Fest an beiden Orten demselben Ablauf. Am Tag der Kreuzigung, dem Großen Freitag, treffen sich vor allem die Frauen in ihrer alten Kirche, gut die halbe Nacht werden sie hier verbringen, um die Totenbahre Christi mit Blumen zu schmücken. Am Todestag Jesu geht es um die Überwindung des Todes auf dem Weg zum ewigen Leben. Bei der frühmorgendlichen Messe am Großen Freitag nimmt der Priester den Leib Christi vom Kreuz und bringt ihn ins Allerheiligste. Für viele ist die Prozession der Totenbahre Christi der spirituelle Höhepunkt des Páscha-Festes. Tausende Menschen drängen sich durch die engen Straßen Monemvasias. In Leonidio warten sie auf den Plätzen vor den zahlreichen Kirchen, um nach dem "Bombenfest" und dem Feuerwerk ihre sorgfältig und aufwändig gefertigten Ballons steigen zu lassen. Mit dem Weihrauch erfasst in Monemvasia eine ganz eigene Atmosphäre den antiken Ort und erlaubt eine Zeitreise in die Ursprünge des Christentums. So wird die innige Glaubenserfahrung des Todes Christi als Voraussetzung für die Auferstehung möglich.

In Leonidio ist es die Nacht der Party und damit auf säkulare Weise eine Praxis, dem Tod zumindest vorüber gehend zu entkommen. Am Abend des Großen Samstags - der Osternacht - verliest der Priester an beiden Orten die gesamte Apostelgeschichte - als Zeugnis für die Wahrhaftigkeit der Auferstehung. Wenn es in der Kirche finster wird, ist der Moment gekommen.

Mit dem ewigen Licht aus Jerusalem verkündet der Priester die frohe Botschaft: "Christos anésti! Christus ist auferstanden!" Angeführt vom Priester drängen die Feiernden nun aus den Kirchen. Das symbolisiert, dass die Auferstehungsbotschaft der ganzen Welt gilt. Punkt Mitternacht geben sogar im sonst so besinnlichen Monemvasia einige Knallkörper den Startschuss für die österliche Freudenzeit. In den Umarmungen drückt sich der Gedanke der Versöhnung aus. Manche werden am Kirchenplatz ausharren bis die Rache am vermeintlichen Verräter Christi ansteht: die Judasverbrennung. Die meisten sehen darin keine symbolische Hinrichtung, sondern ein jährliches Spektakel. Zeremonienmeister wie der alte Dimitris erhalten den Applaus der Schaulustigen. Die griechisch-orthodoxe Kirche distanziert sich jedoch von dem weit verbreiteten Brauch und betont die österlichen Motive der Befreiung, Versöhnung und Nächstenliebe.

Eine Dokumentation von Manuela Zips-Mairitsch und Werner Zips

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