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Kultur

Das westliche Friaul - aus der Reihe "Der Geschmack Europas"

Diesmal machen sich Lojze Wieser und Martin Traxl auf eine kulinarische Entdeckungsreise durch das Friaul - eine Region im Nordosten Italiens, die oft zu Unrecht nur am Weg zu den Badestränden der nördlichen Adria unbeachtet durchfahren wird, für den Reisenden aber viel zu bieten hat.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 31.12.2020

Die Region zählt zwar zu den reichsten Italiens, dennoch verdankt die friulanische Küche ihre Inspirationen der traditionellen "armen Küche", welche über Jahrhunderte hier üblich war und sich in den gesellschaftshistorischen Entwicklungen begründet.

Castello di Villalta in Fagagna.
Castello di Villalta in Fagagna.
Quelle: ORF/WDW Film/Robert Lachowitz

Das Friaul ist wie eine Straße, die Rom mit der östlichen und westlichen Welt, mit dem Norden und dem Balkan verknüpft. Entlang dieser Straße entstanden Reichtum, Villen und auch Wehrburgen, und im 11. Jahrhundert war sie die Hauptroute der europäischen Pilgerwege. In den Ebenen Friauls öffnet sich das Tor zu den Alpen und zum Meer.
Der Tagliamento, der Tajamènt in Friulan, fließt in vielen Strömen zum Meer. "Ein Land aus Schotter, Kiesel, wild geschliffenem Stein", das "im Sommer groß und weit und im Frühjahr und im Herbst klein und überschwemmt vom Fluss sich gibt" - wie es der österreichische Autor Helmut Eisendle formuliert.

Armeen - von den Türken über Napoleons Truppen bis zu den Österreichern fielen ein und filetierten das Land. Der im Mittelalter und in der Renaissance erworbene Wohlstand strahlt in seiner mediterranen Architektur. Bunt und fröhlich wirken die Fassaden und noch nach Jahrhunderten laden die Städte und Dörfer, Gassen und Plätze dazu ein, darin herum zu wandeln...;und daraus für uns selber Genuss zu beziehen und einen Blick in vergangene Lebensgewohnheiten und Ansprüche zu werfen...
Die dominant und machtvoll in der Gegend stehenden Schlösser und Villen waren für Herrscher wie Napoleon zu klein und seiner unwürdig...

Polenta
Grundnahrungsmittel der Region: Polenta
Quelle: ORF/WDW Film/Heribert Senegacnik

Und doch überstrahlten sie die aus Stein des Tagliamento erbauten hingeduckten Häuser, hinter deren Mauern und unter ihren strohfrisierten Dächern die Zeit still zu stehen scheint. Bilder, die die Kindheit des Dichters Pasolini prägten, der sie in Verse fasste: "mit hellen Augen / ins Licht der Küchen zu schauen, / ohne noch die Herde zu sehen".

Aus der Mühle nebenan, wo von Zeit zu Zeit der süße Geruch nach Mais herüberweht, spricht die Kargheit seit Jahrhunderten ihren massen- und hungerstillenden Rosenkranz. Der Mais war jahrhundertelang Hauptnahrungsquelle und prägt bis heute weite Teile der Landschaft, wie auch den Speisezettel.

Asinokäselaiber
Asino-Käse
Quelle: ORF/WDW Film/Robert Lachowitz

Zu entdecken gibt es in den Hügeln hinter Spilimbergo den Monte d`Asio, einen Berg, der dem wohl ältesten Käse Friauls seinen Namen gab: dem Asìno-Käse. Nur hier und in ein paar umliegenden Tälern gibt es diesen, auch "Formàio Furlàn" genannten und erstmals 1659 erwähnten Käse.

Schon früh haben ihre Strahlen auch die unter den Hängen der Dolomiten liegenden Orte erreicht und ihnen den Weg gewiesen. Große handwerkliche Tradition ist in Maniago, der Stadt der Messer, zuhause.

Junge Weinpflanzen
Noch junge Reben - bald wird daraus köstlicher friulanischer Wein!
Quelle: ORF/WDW Film/Robert Lachowitz

Legenden hin oder her: Alles läuft auf eins hinaus: Wein sollst du mir gebären! Das Gros der Ebene ist in den Händen der Reben, die stolz dastehen und sich produzieren. Der Kiesel des Tagliamento und der mineralhaltige Boden sind das alles Bestimmende der friulanischen Ebene, sie bestimmen das Bild der Landschaft und sind auch verantwortlich dafür, dass, um Rauscedo herum, Millionen von Reben-Setzlingen als Botschafter der Gegend in alle Welt versendet werden.

Apropos Amor: Die Geschichte des berühmtesten Liebespaares der Weltliteratur soll in Wirklichkeit hier, im Schloss Brazza, nahe Fagagna, ihren Anfang genommen haben - und nicht in Verona. Über den Streit der verfeindeten Familien war in der damaligen Zeit laut getuschelt worden, wie uns Schlossherr Pirzo-Biroli erzählt, und die Geschichte soll auch Shakespeare zu Ohren gekommen sein. Waren Romeo und Julia gar Friulaner?

Lojze Wieser mit Giulia Palamin in der Mosaikschule.
Lojze Wieser mit Giulia Palamin in der Mosaikschule.
Quelle: ORF/WDW Film/Heribert Senegacnik.

1922 wurde die "Scuola Mosaicisti del Friuli" mit dem Ziel gründet, jungen Leuten die Kenntnis der Mosaik- und Terrazzo-Kunst als Kapital mitzugeben.

Heute kommen Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Welt in die "Mosaikschule", um sowohl die Restaurierung historischer Mosaike, als auch eine eigene moderne Formensprache zu erlernen. Das sterbende Handwerk in der gesamten Region wurde wiederbelebt und hat zur Neugründung von dutzenden Betrieben im Friaul beigetragen.
Jahrhunderte der Bedeutung prägen dieses Land: zu sehen ist sie auf den Bildgeschichten der Fresken, wo Macht und Pracht herunterleuchten.

Vor allem in Spilimbergo, zu Deutsch Spengenberg, über dessen Ritterspiele Ulrich von Liechtenstein im Vers-Roman "Frauendienst" berichtet oder bei Paolo Santonino, der nach den Türkeneinfällen im 15. Jahrhundert in Visitationsreisen die kirchliche Dominanz wieder herstellte. Man konnte sich Meister aus Venedig leisten, die an den Pilgerwegen, auf Kirchenwänden und Hausmauern die Geschichten nicht nur des Christentums zu erzählen wussten. Ein fürs andremal durch Schönheit beeindruckend und zu jener Zeit - wohl auch - einschüchternd, wie man es dann und wann aus Büchern erfährt.

Der Tagliamento, von Dante poetisch als "Gott der Strudel" bezeichnet. Mäandernd, breit und sanft, dann wieder wild und ungezähmt, treibt in seiner mehrarmigen Schotterwüste gelbe, rote, schwarze und grüne Kiesel vor sich her - Ausgangsmaterial der Mosaikkunst.

 Im Keller des Weingut Emilio Bulfon
Im Keller des Weingut Emilio Bulfon
Quelle: ORF/WDW Film/Robert Lachowitz

Der Tagliamento ist aber auch Klimaspender für den Wein. An seinen Ufern gedeihen alte, noch nie gehörte heimische Sorten, die wiederentdeckt und rekultiviert wurden: Cjanorôs, Forgiarin, Piculìt-Neri bei den Roten. Sciaglìn, Ucelùt, Cividin bei den Weißen.

In früheren Tagen war die Vielfalt der autochtonen Rebsorten geradezu unüberschaubar. Jedes Tal hatte seinen eigenen Wein. Fast alle gingen im Lauf des letzten Jahrhunderts durch die Vereinheitlichung des Weinmarktes verloren. Ein wichtiger Teil davon konnte jedoch gerettet, dokumentiert und ins italienische Weinregister aufgenommen werden.
Der Pionier auf diesem Gebiet war Emilio Bulfon, der in den letzten 30 Jahren vielen dieser Weinsorten wieder eine Zukunft gegeben hat.

 Lojze Wieser mit Marco Alberti von "La Casa del Prosciutto".
Lojze Wieser mit Marco Alberti von "La Casa del Prosciutto".
Quelle: ORF/WDW Film/Heribert Senegacnik.

Die edlen Stücke des Schweines werden aber seit Jahrhunderten in San Daniele, der Stadt des Prosciutto, geadelt. Nur ist auch hier das Handwerk der industriellen Verarbeitung gewichen.

Seit jeher wussten die Fleischer in San Daniele die Lage und die Thermik zu nutzen. Wie weit die Heiligen dabei ihre Hand im Spiel hatten und haben, ist zur Gänze noch nicht erforscht.

Eselrennen
Wer triumphiert hier wirklich?
Quelle: ORF/WDW Film/Robert Lachowitz

Worin gleichen sich der Asìno, der Käse und der Ásino, der Esel? Sind wir Zeugen einer Metamorphose, der Wandlung von Form und Zustand? Wir sind Zeugen eines Wettkampfs, einer besonderen Volksbelustigung, die in Fagagna schon seit gut hundert Jahren dem Esel zu Ehren tausende Menschen anzieht. Um sich selbst wiederzuerkennen? Aufgeregt, gespannt sind Mensch und Tier. Wer wird triumphieren? Wird er störrisch stocken oder wird er dem Circus Asinus folgen? Wer gibt eine bessere Figur ab?

Beim Proloco in Fagagna streben die Gladiatoren im Cicus Asinus ihrer Siegesrunde zu und wollen gefeiert werden... Incognito denkt man bei sich: "Wer sind nun die wahren Helden im Friaul? Ausdauer, Wendigkeit, Listigkeit und Störrigkeit? Was gilt hier wirklich 'Cogito, ergo sum' oder eher: 'Asino, ergo sum'?"

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