Kultur

Druckfrisch

In dieser Ausgabe von "Druckfrisch" spricht Denis Scheck mit Husch Josten, 1969 in Köln geboren, über Hummersuppe, menschliche Abgründe und ein Ferienhaus in der Normandie. Des Weiteren wird Antje Rávik Strubels "Blaue Frau" vorgestellt. Außerdem Denis Schecks Kommentar zu den Büchern der aktuellen "Spiegel"-Bestsellerliste, diesmal Belletristik, sowie eine ganz persönliche Empfehlung: "Das Ereignis" von Annie Ernaux.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 17.10.2022

"Eine redliche Lüge" von Husch Josten - Ein glamouröses Paar mittleren Alters, ein prachtvolles Ferienhaus an der französischen Atlantikküste, und viele nette Leute, die zu Besuch kommen: Könnte wieder ein schöner Sommer werden. Man geht am Strand spazieren, abends gibt es Cocktails und Gespräche. Perfekte Gastgeber, angenehme Musik, gepflegte Manieren. Man spricht gern über Bücher. Und dann geht das Gemetzel los. "Ich fand den Trieb schon immer interessanter als den Geist. Mit einer Erektion kann ich jedenfalls besser malen."

"Ach", ruft seine Frau Deborah ironisch aus, "wie originell!" "Für dich ist das originell, weil du total frigide bist, klar", entgegnet Julius Shriver. Die anderen sehen betreten auf ihre Teller, nur Deborah Shriver nicht: "Mangelndes sexuelles Verlangen hat vor allem mit dem Partner zu tun, mein Lieber. Nur Selbstreflexion des Partners könnte da Abhilfe schaffen, aber die erfordert Geist", kontert sie. "Wo kein Geist, da keine Abhilfe." Julius Shriver springt von seinem Stuhl auf, die Serviette fällt zu Boden. "Weil Sex auch so viel mit Geist zu tun hat... ", brüllt er. "Warum wissen dann die blödesten, ungebildetsten Menschen, wie man''s macht? Warum können sich irgendwelche archaischen Völker fortpflanzen? Hä?"

Dass Husch Josten die eskalierenden Dialoge dieser Leute mit einiger Freundlichkeit betrachtet, macht es nur böser, dramatischer, komischer – und es bereitet raffiniert den großen Moment vor, in dem endlich ein finsteres Geheimnis enthüllt wird. Eine Bombe, eine Lebenslüge, eine Katastrophe. Dieser Roman ist eine brillant spannende Gesellschaftssatire in mildem Spätsommerlicht, unterfüttert mit klugen Beobachtungen sozialer Verwerfungen und geschmeidiger Mittelstandslügen, perfekt arrangiert und höchst appetitlich angerichtet!

Husch Josten, geboren 1969 in Köln, studierte Geschichte und Staatsrecht und arbeitete dann als Journalistin in London. 2011 erschien ihr vielbeachteter erster Roman "In Sachen Joseph".

"Blaue Frau" von Antje Rávik Strubel - Heißt sie nun Adina? Oder Sala? Doch Nina? Oder ist sie einfach nur "Kleiner Mohikaner"? Die zarte junge Frau aus einem Skifahrerdorf im tschechischen Riesengebirge ist in Helsinki gestrandet, studiert oder arbeitet, man weiß es nicht so genau, sortiert Erinnerungen, Traumata und Identitäten und versucht, vielleicht zum ersten Mal, wirklich sie selbst zu werden, als ihr, irgendwo draußen, in einer Bucht am Meer, die blaue Frau erscheint: Ein magisches Zitat? Ein Spiegel? Eine Mahnung aus der Vergangenheit?

"Vor ihrer hell umrissenen Gestalt bricht das Dunkel des Tunnels jäh ab. Sie schaut mir entgegen. Ich frage sie, ob sie in der Nähe wohne. Ob sie oft am Hafen sei. Die Geste, die ihre Antwort begleitet, beschreibt einen Kreis, keine Richtung. Sie komme gern hierher. Das Klirren der Segelstangen, das Schreien der Möwen, der Geruch nach Teer, das gefalle ihr. Nur hier könne sie mit mir reden, zwischen den Schienen, den Schuppen und der Badestelle am Ufer, an der eine Bank aufgestellt ist." So beginnt also ein Gespräch, zwischen Adina und der blauen Frau, das gar nichts märchenhaftes hat: Denn es geht um das Heute, um die schwierige Gegenwart Europas wie das fragile Leben der Frau, die wohl doch Adina heißt, und die, verunsichert, verängstigt nach einem sexuellen Übergriff, ihren Weg ins Morgen sucht.

Antje Rávik Strubel erzählt uns das, zwingend und schön, psychologisch klar und streng ausdifferenziert, vor dem fahlen Leuchten der finnischen Landschaft: Eine große, berührende Geschichte!

Antje Rávik Strubel, geboren 1974 in Potsdam, studierte Literaturwissenschaften und Psychologie. 2001 erschien ihr erstes Buch "Offene Blende". Mit ihrem neuen Roman ist sie für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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