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"Ein Opfer des Staates": Rolf Horst Seiler

Gesellschaft

Ein Opfer des Staates

Rolf Horst Seiler versteckte sich 40 Jahre lang im Wald. So wollte er sich dem Zugriff der Behörden entziehen. Seiler gehört zu den 60 000 Opfern von "administrativen Zwangsmaßnahmen".

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Deren Grundrechte wurden in der Schweiz im 20. Jahrhundert systematisch verletzt. Anfang der 1960er-Jahre, Seiler war kaum volljährig, begann sein jahrzehntelanger Leidensweg. Er galt als arbeitsscheuer Tunichtgut, der entmündigt und umerzogen gehörte.

Um sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen, sah er nur einen Ausweg: Er versteckte sich im Wald. Lange Ruhe hatte er allerdings nie. Teilweise wurde er administrativ versorgt. Man wollte versuchen, aus ihm ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu machen. Teilweise landete er hinter Gittern, weil er delinquent war. Meist ging es um Vagabundismus oder Zechprellerei. Wenn er es im Winter nicht mehr aushielt im Wald, quartierte er sich in einem Gasthof ein und konnte nicht bezahlen.

Mindestens 60 000 Menschen wurden im 20. Jahrhundert in der Schweiz Opfer von behördlicher Willkür. Unter dem Titel "administrative Versorgung" wurden die Grundrechte von Betroffenen jahrzehntelang systematisch verletzt. Die Politik wehrte sich lange gegen eine ernsthafte historische Aufarbeitung und wies eine finanzielle Wiedergutmachung weit von sich. Das änderte sich unter Simonetta Sommaruga als Vorsteherin des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD). Die Politik war unter Druck geraten, weil der Unternehmer Guido Fluri über 100 000 Unterschriften für eine Initiative gesammelt hatte, die Wiedergutmachung forderte. Die Schweiz entschuldigte sich offiziell und sprach einen Solidaritätsbeitrag von 25 000 Franken pro Opfer. Damit endete ein jahrzehntelanger Kampf – oder besser: Er hätte enden sollen.

Rolf Horst Seiler ist weit davon entfernt, mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Er besitzt schon ganze Berge von Akten und fordert immer mehr an. Er will alles darüber wissen, was ihm angetan wurde – und von wem. Reporter Simon Christen berichtet über die tragische Geschichte eines Menschen, von dem man heute weiß: Er wäre kein Fall für Zwangsmaßnahmen gewesen, sondern für die Invalidenversicherung. Ein Gutachten hat inzwischen festgestellt, dass er infolge einer schweren Hirnhautentzündung im Kindesalter sein Leben lang weitgehend erwerbsunfähig gewesen ist.

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