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Gesellschaft

Geld oder Moral

Klimawandel, Umweltzerstörung, Ausbeutung - bisher wurde die Finanzindustrie als Teil des Problems angesehen. Aber kann sie auch Teil der Lösung sein? Ein Blick nach Norwegen macht Hoffnung.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2020
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 28.04.2021

Von Carsten Meyer

Die Finanzwelt steht an einem Scheideweg: kurzfristige Trader versus langfristige Investoren. Gier versus Verantwortung. Künstliche Intelligenz versus menschlicher Verstand. Seit Jahrzehnten wird die Finanzindustrie von den "Wölfen" der Wall Street dominiert, die kurzfristige Vorteile suchen. Aber es geht auch anders: Nachhaltigkeit und Ethik haben heute mächtige Protagonisten.

Prominentestes Beispiel: der Staatsfonds von Norwegen. Während an den Börsen heute meist nur daran gedacht wird, was in den nächsten 30 Sekunden passiert, denkt man dort in anderen Kategorien.

Der größte seiner Art

Yngve Slyngstad, der Geschäftsführer, sagt worum es geht: "Der Fonds ist für zukünftige Generationen. Das bedeutet, dass wir einen sehr langfristigen Anlagehorizont haben." Beaufsichtigt wir der Fonds durch das norwegische Parlament. Hier werden die Grundsätze der Anlagepolitik festgelegt und auch die Höhe der jährlichen Auszahlungen.

Norwegens Staatsfonds ist der größte seiner Art. Sein Vermögen beläuft sich mittlerweile auf 1,1 Billionen Dollar. Pro Kopf macht das für jeden der 5,3 Millionen Norweger gut 200.000 Dollar.

Aktien, Anleihen, Immobilien

Der Fonds hält Anteile an mehr als 9000 Unternehmen, was 1,5 Prozent aller Aktien des globalen Finanzmarktes ausmacht. Die größten Positionen sind Apple, Amazon und Microsoft, was nicht verwundert, handelt es sich schließlich auch um die größten Aktien-Unternehmen der Welt. Überhaupt hat der Fonds in den vergangenen Jahren seine Aktienquote ausgebaut. Eine Welt der niedrigen Zinsen macht auch vor Norwegens Staatsfonds nicht halt.

Gleichwohl hat der Fonds auch viele Milliarden in US-amerikanische, japanische und deutsche Staatsanleihen investiert. Eine dritte Säule bilden Immobilien in erstklassigen Lagen: in der Regent Street in London, auf den Champs Elysées in Paris und am Times Square in New York.

New York ist auch der Arbeitsplatz von Vaishali Lara Kathuria. Sie arbeitet als Analystin für den Fonds und legt Wert darauf, die Interessen des gesamten norwegischen Volkes zu vertreten: "Wir wollen Reichtum auch für künftige Generationen sichern und dafür sorgen, dass er ihnen zugutekommt."

Der Makel

Ein grundsätzliches Dilemma kann der Fonds nicht auflösen: Ursprünglich stammt das Vermögen aus dem Ölreichtum des Landes. Der Finanzexperte und Aktivist Sony Kapoor sieht deshalb die Investitionen des alten Fonds äußerst kritisch: "Man kann nicht leugnen, dass der norwegische Wohlstand auch darauf beruht, dass fünf Millionen Norweger einen unverhältnismäßig großen Anteil zum Klimawandel beitragen." Aus moralischer wie auch wirtschaftlicher Sicht müsse die Abhängigkeit von Öl und Gas beendet werden, fordert er.

Genau das geschieht auch. Das Portfolio an Öl-, Gas- und Kohlebeteiligungen wird zurückgefahren und soll auslaufen. Gleichzeitig investiert man zunehmend in erneuerbare Energien. Aber der Fonds geht weiter: Nach längeren Debatten im Parlament wurde ein Ethikrat eingerichtet. Dieser Rat hat den Ausschluss von Unternehmen empfohlen, die als korrupt gelten oder mit Tabak, Kinderarbeit, umweltschädlichem Verhalten und Atomwaffenproduktion zu tun haben. Die "Bad Guys" stehen auf dem Index.

Der Fonds macht Druck

"Menschen aus der ganzen Welt sammeln für uns Informationen", erzählt Johan Andresen, Leiter des Ethikrates. "Wir haben Web-Crawler, die im Internet nach einer Kombination aus Firmennamen und Korruption oder Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschäden suchen. Damit können wir uns einzelne Unternehmen herausgreifen und sie genauer überprüfen."

Vor kurzem habe man sich beispielsweise Strände in Bangladesch oder Pakistan angeschaut, an denen Reedereien ihre Schiffe verschrotten lassen - unter schwierigsten Bedingungen für Mensch und Umwelt. Als großer Investor übt der norwegische Staatsfonds hier Druck aus. Vier der Unternehmen habe man aus dem Fonds geworfen, so Andresen. Mit weiteren ist man in Verhandlungen über andere Geschäftspraktiken.

Wikinger versus Wölfe

Selbst die Cashcow der Norweger und Herzstück des Fonds, der halbstaatliche Öl- und Gaskonzern Equinor, versucht, klimafreundlich zu werden: Der erste freischwimmende Offshore-Windpark der Welt wird zwei Bohrplattformen 140 Kilometer vor der norwegischen Küste mit Energie versorgen. Ziel ist CO2-Neutralität.

Investoren beginnen zu begreifen, dass Nachhaltigkeit und attraktive Renditen sich nicht ausschließen. Norwegens Staatsfonds hat aufgrund seiner Größe eine Leuchtturmfunktion. Vielleicht verdrängen die "Wikinger" tatsächlich eines Tages die "Wölfe".

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