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Zwei Pfleger schieben ein Bett über den einen Krankenhausflur entlang

Gesellschaft

Interview zum Fachkräftemangel: "Zu wenig ausgebildet"

Der deutsche Arbeitsmarkt verliert jährlich 300.000 Menschen, "jedes Jahr eine Großstadt", sagt Stefan Sell im Vorab-Interview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt und warnt gleichzeitig vor Panikmache.

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Ist der Fachkräftemangel nun real oder bloß eingebildet? Der Arbeitsmarktexperte Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz antwortet mit einem klaren Jein. Zwar gibt es ihn nicht überall, in bestimmten Berufen aber sehr wohl. Und weil dem Arbeitsmarkt jedes Jahr rund 300.000 Menschen verloren gehen, werde sich dieser Mangel noch verschärfen. Das bedeute aber auch, so Sell, "dass man dort, wo die Nachfrage hoch ist, neue und zusätzliche Ausbildungskapazitäten schaffen muss".

makro: Seit Jahren gibt es Warnungen vor dem Fachkräftemangel. Wann gehen bei uns die Lichter aus?

Stefan Sell: Die Lichter gehen wenn überhaupt eher wegen fehlender bzw. überlasteter Stromnetze im Kontext der Energiewende aus. Aber ernsthaft: Zum einen wurde in den zurückliegenden Jahren zu wenig ausgebildet. Nicht umsonst haben wir zwei Millionen Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die über keine abgeschlossene Berufsausbildung verfügen - viele von denen sind vor Jahren leer ausgegangen bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz.

Und das addiert sich jetzt mit der demografischen Entwicklung. Man muss wissen: Seit 15 Jahren verliert der deutsche Arbeitsmarkt jedes Jahr im Saldo 300.000 Menschen mehr, die altersbedingt in die Rente gehen, als unten junge Menschen nachkommen. Jedes Jahr eine Großstadt. Aber wer geht heute und in den kommenden Jahren vor allem (Stichwort Baby-Boomer) in Rente? Darunter sind viele aus der mittleren Qualifikationsebene, mit einer ordentlichen Berufsausbildung, Handwerker, Facharbeiter.

Die müssen nicht nur quantitativ ersetzt werden, sondern das muss auch qualitativ passen. Vor diesem Hintergrund wird sich der Mangel noch verschärfen, selbst wenn man die Zuwanderung aus dem Ausland forcieren würde, denn oftmals passen die geforderten und die vorhandenen Qualifikationen nicht übereinander.

Zur Person

  • Prof. Stefan Sell, Volkswirtschaftler und Soziologe, von der Hochschule Koblenz

    Volkswirtschaftler und Soziologe, Hochschule Koblenz

makro: Sie schreiben, es gäbe in Deutschland nicht "den" Arbeitsmarkt, sondern eine unglaubliche Vielzahl von "Teilarbeitsmärkten". Was meinen Sie damit?

Stefan Sell: Machen wir das an einem handfesten Beispiel deutlich: Immer wieder wird gefragt, wie viele Pflegekräfte fehlen in der Altenpflege. Politik, Medien und die Öffentlichkeit wollen dann aufgrund der angestrebten Komplexitätsreduktion gerne möglichst eine kompakte Zahl. Aber selbst wenn man die annähernd genau bestimmen könnte - was nützt die in der Wirklichkeit? Nicht viel.

Wenn beispielsweise in Städten wie Frankfurt oder Mainz händeringend Pflegekräfte gesucht werden, gleichzeitig im Westerwald oder in der Eifel Pflegekräfte vor Ort keine Beschäftigungsmöglichkeit haben, dann wird dennoch kaum eine Pflegekraft nach Frankfurt oder Mainz ziehen. Weil sie regional gebunden ist durch die Familie. Und selbst wenn sie gehen könnte, würde sie sich angesichts des niedrigen Verdienstes und der höheren Lebenshaltungskosten in Verbindung mit dem Wohnungsmangel und den hohen Mieten in den Städten selbst ins Knie schießen.

makro: Millionen von Arbeitsplätzen gehen verloren infolge der Digitalisierung, so die Prognosen. Gleichzeitig sollen Millionen Stellen unbesetzt bleiben infolge des Fachkräftemangels. Wie passen diese beiden so unterschiedlichen Szenarien zusammen?

Stefan Sell: Unterm Strich wird es aus heutiger Sicht diesen Verlust von Millionen Arbeitsplätzen nicht geben. Allerdings heißt das nicht, dass einzelne Arbeitnehmer nicht aus dem Erwerbsleben sortiert werden - wenn denn ihre Qualifikation nicht passt auf den Arbeitsplätzen der Zukunft.

Wenn man eine Prognose wagen muss, dann kann man grobschlächtig sagen, dass es Gewinner geben wird durch die Digitalisierung, die vor allem im oberen Qualifikationssegment angesiedelt sind. Aber auch - das wird häufig vergessen - im "unteren" Bereich vieler Dienstleistungsberufe wird der Bedarf sogar steigen, weil man diese Jobs aus Kostengründen kaum wegrationalisieren kann oder die Tätigkeiten sogar relativ digitalisierungsunempfindlich sind.

Sogar bei den vielbeschworenen Facharbeitern in der Industrie, die oftmals als Verlierer dargestellt werden, kann es beispielsweise bei einer Expansion des Reshoring, also der Rückverlagerung industrieller Produktion aus den bisherigen Billiglohnländern, wieder einen steigenden Bedarf geben.

makro: Hauptursache von Berufsunfähigkeit sind mittlerweile psychische Probleme. Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung?

Stefan Sell: Das lässt sich nicht einfach beantworten, denn hier wirken zahlreiche und ganz unterschiedliche Einflussfaktoren. Aber man kann relativ sicher davon ausgehen, dass ein Teil der Beschäftigten vor der mit vielen Digitalisierungsprozessen einhergehenden Beschleunigung und den permanenten Neuerungen kapituliert.

makro: Weil das Arbeitsleben zunehmend ins Internet verlagert wird, gibt es mehr und mehr Clickarbeiter. Was ist mit dem digitalen Prekariat?

Stefan Sell: Darüber wird viel geschrieben und debattiert. Aber man sollte auch hier die Kirche im Dorf lassen, denn es sind gar nicht so viele Beschäftigte, die in diese Gruppe fallen. Wir reden hier vielleicht von ein oder zwei Prozent, wenn überhaupt. Man darf nicht in den Fehler verfallen, eine noch überschaubare kleine Gruppe mit ihren Besonderheiten zu verallgemeinern.

Ein weitaus bedeutsameres Problem ist eher die Polarisierung der Einkommensverhältnisse. Konkret: Gerade der untere Einkommensbereich ist in den vergangenen Jahren abgekoppelt worden. Nur eine beunruhigende Zahl: 3,7 Millionen - wohlgemerkt - sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte verdienen weniger als 2.000 Euro brutto pro Monat. Das sind oftmals die wahren Leistungsträger unserer Gesellschaft, die den Laden am Laufen halten und die mit sehr wenig Geld über die Runden kommen müssen. Und über diese Millionen Arbeitnehmer wird kaum berichtet, die sind immer im Schatten der öffentlichen Debatten.

Das Interview führte Eva Schmidt.

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