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Langzeitaufnahme einer Autobahn bei Nacht

Gesellschaft

Interview zu Verkehr und Mobilität: "Klare Regeln"

Falschparkern und SUV-Fahrern soll es künftig ans Geld gehen, fordert Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel im makro-Interview. Die Städte bräuchten dringend einen Kulturwandel.

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Die Menschen zieht es in die Städte und diese kommen dem Verkehrskollaps immer näher. Stau und Lärm sind allgegenwärtig, zum Leidwesen aller Beteiligten. Die alten Verkehrskonzepte, in deren Zentrum das eigene Auto steht, sind am Ende. Der Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel fordert eine Stärkung des Fahrrad- und Fußverkehrs, konsequentes Vorgehen gegen Falschparker und möchte große SUVs am liebsten aus der Stadt raushalten. "Die Menschen", sagt er, "sind oft viel weiter als die Politik glaubt".

makro: In vielen Städten bestehen Radwege lediglich aus ein paar aufgemalten Linien auf Gehwegen und Straßen. Dennoch will die Politik verstärkt auf den Radverkehr setzen. Sind damit schon jetzt mehr Konflikte zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autos vorprogrammiert?

Helmut Holzapfel: Nein, nur dann wenn, wie heute viel zu oft, schlecht geplant wird. Radverkehr auf Gehwegen geht gar nicht oder nur in extremen Ausnahmefällen. Mit klaren Regeln und entsprechenden Kontrollen - insbesondere der Falschparker - müssen in Deutschland endlich die Gehwege für die Fußgänger freigehalten werden.

An Straßen mit hohem Geschwindigkeitsniveau der Automobile sind Radwege unabdingbar: am besten am Rande der Fahrbahn und gegen Falschparker gesichert. In "Tempo 30"-Zonen können Radler die Fahrbahn benutzen. Radschnellwege ins Stadtumland und Fahrradstraßen bei hohem Radanteil kommen dazu.

Diese Konzepte sind in zahlreichen Städten im Ausland erfolgreich realisiert worden, Kopenhagen ist da nur ein Beispiel. Bei uns zeigen Münster oder Freiburg Vorbildliches.

Zur Person

  • Der Verkehrswissenschaftler Prof. Dr. Helmut Holzapfel

    Verkehrswissenschaftler und Stadtplaner

makro: Die Erfahrungen US-amerikanischer Städte zeigen, dass durch digitale Fahrdienstleister wie Uber sogar noch mehr Autos in den Städten unterwegs sind als zuvor. Droht uns ein ähnliches Szenario, sollten sich Uber & Co auch in deutschen Städten durchsetzen?

Helmut Holzapfel: Ja klar, warum sollte das bei uns anders sein! Private Fahranbieter mit Niedriglöhnen suchen sich attraktive Strecken in der Stadt aus und verdrängen den öffentlichen Verkehr. Und auf dem flachen Land, wo Taxis die Grundversorgung entsprechend der Gesetze sichern, lassen sie sich nicht blicken. Durch diese Anbieter und ihre Computerprogramme fahren kein Bus oder kein Zug mehr.

Etwas anders sieht es mit digital gestützten Angeboten von Bürgerbussen oder Sammeltaxis aus, aber auch hier muss der Gesetzesrahmen eingehalten werden. Denn öffentlicher Verkehr ist keine Sache des freien Marktes, wenn gleichberechtigter Zugang für alle gewollt wird!

makro: Berlin diskutiert eine City-Maut, wie sie in London schon längst gang und gäbe ist. Aber wird damit nicht die Autofahrt in die City zum Privileg für Reiche?

Helmut Holzapfel: Das kommt drauf an, wie man das macht! Eine City Maut etwa nur für große SUV-Geländewagen und andere sinnlos PS-starke Pkw würde deren immense Straßen- und Umweltschäden berücksichtigen und träfe sicher keine Armen! Statt Verbote auszusprechen, ist es sicher an manchen Stellen sinnvoll, finanzielle Strategien zur Reduktion des Autoverkehrs anzuwenden.

makro: Welche finanziellen Strategien könnten das sein?

Helmut Holzapfel: Neben einer sozial gerecht gestalteten Maut muss vor allem der Preis unseres öffentlichen Raumes in der Stadt auch von den Nutzern angemessen bezahlt werden: Parken und insbesondere illegales Parken muss wesentlich teurer werden. Heute ist es oft billiger, den Wagen unter Gefährdung von Radfahrern und Fußgängern illegal abzustellen, statt in ein Parkhaus zu fahren.

makro: Was ist mit kostenlosem Nahverkehr? Wäre das nicht ein entschlossener und gleichzeitig sozial gerechter Schritt, um Pendler auf den Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen?

Helmut Holzapfel: Naja, das hört sich zunächst nach einer simplen Maßnahme an, um etwas zu bewegen. Schaut man das etwas differenzierter an, ist das nicht unproblematisch: Überall umsonst zu fahren, würde auch zu Missbrauch von Bus und Bahn etwa als Aufenthaltsort einladen. Auch öffentliche Verkehrsmittel verbrauchen wertvolle Energie. Nein, es geht vor allem um einfache, verständliche und günstige Tarife, Wien mit seinem 365-Euro-Ticket für alle öffentlichen Verkehrsmittel ist ein gutes Vorbild. Allerdings muss mit günstigen Tarifen ein entsprechender Ausbau des Angebotes einhergehen!

makro: Was wäre Ihr dringendster Vorschlag, um den Verkehr in den Städten schon heute zu entlasten?

Helmut Holzapfel: Am meisten unterschätzt werden Möglichkeiten, die in einfachen Verhaltensänderungen liegen! Z.B. kurze Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen. Auch längere Strecken in die Stadt sind mit dem Rad und in Kombination mit dem ÖPNV schon heute eine viel zu wenig genutzte Alternative zum Auto. Etwa 50% aller Autofahrten sind kürzer als 5 km, da wird viel Benzin verbrannt, das einfach zu sparen wäre, wenn Städte erkennen lassen, dass sie Fuß- und Radverkehr wirklich fördern!

Die Menschen sind oft viel weiter als die Politik glaubt: In Berlin hatte eine Gesetzesinitiative zum Radverkehr einen großen Erfolg. Ein Kulturwandel ist im Gang und ihn sollten wir forcieren. Damit es dann nicht mehr "Die Zeit fährt Auto" heißt wie bei Erich Kästner in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, sondern es wieder Zeit ist für Fußwege, Flaneure und das Fahrrad!

Das Interview führten Eva Schmidt und Konrad Schmidt.

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