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Mann mit Flagge vor dem griechischen Parlament

Gesellschaft

Griechenland: 10 Jahre später

Vor genau zehn Jahren begann das Bailout-Drama um Griechenland. Es folgten Rettungsmilliarden, Troikafrust und ein beispielloser wirtschaftlicher Absturz. Wie sieht es heute aus?

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Von Carsten Meyer

"Zuerst hatten wir kein Glück und dann kam auch noch Pech dazu." Diese universelle Erkenntnis eines heute fast vergessenen Fußballspielers beschreibt das Griechenland-Drama ziemlich umfassend. Aber der Reihe nach.

Mitten in der Finanzkrise, es war 2009, platzten die Träume eines kreditgetriebenen Wirtschaftbooms. Ein Haushaltsdefizit von sage und schreibe 15,4% der Wirtschaftsleistung (BIP) vertrieb die Hellenen vom Olymp. Niemand gab Geld.

Der größte Bailout der Geschichte

Es folgte ein wirtschaftlicher Absturz um 25%, ein Schuldenschnitt, zahllose Rettungspakete von EU und IWF mit Krediten von rund 300 Mrd. Euro. Ein von vielen Griechen als Demütigung empfundenes Regime von Überprüfungen durch zunächst "Die Troika" und später "Die Institutionen". Was im Prinzip das gleiche war. Jahre des Darbens. Die Arbeitslosigkeit stieg in der Spitze auf über 27%. Ansonsten Niedergang: Gehälter, Renten, Hoffnungen.

Und dann, das Jahr 2019 ging zur Neige, waren die Aktien in Athen plötzlich stärker gestiegen als in jedem anderen Industrieland - mehr als 50%. Parallel fielen die Zinsen griechischer Staatsanleihen, was Zugang zum Kapitalmarkt eröffnet. Finanzmärkte wirken wie Frühindikatoren, erspüren eine Änderung der Wetterlage. Aber mitunter irren sie auch. Was war geschehen?

Hoffnungsträger

Die Parlamentswahl im Sommer 2019 spülte Kyriakos Mitsotakis ins Amt. Der bürgerliche Ministerpräsident versteht sich als Reformer. Harvard, Stanford, McKinsey, lupenreines Englisch. Finanzmärkte mögen das. Hört man ihm zu, wird schnell klar: Für seine Ideen werben kann er. Aber kann er auch liefern?

Gespart hat Griechenland, manche sagen: sich kaputtgespart. Die von EU, EZB und IWF geforderten finanziellen Eckdaten - Kostensenkungen, Haushaltsüberschuss, Rentenkürzungen - hat der sozialistische Ex-Ministerpräsident Alexis Tsipras, wenn auch widerwillig, geliefert. Die parallel geforderten Strukturreformen - Bürokratieabbau, Investitionsförderung, effektives Steuerrecht - sind nur halbherzig verfolgt, teilweise auch aktiv verschleppt worden. Hier liegt der Grund, weshalb sich Griechenland zwar stabilisiert hat, aber kaum erholt.

Reformagenda

Mitsotakis muss man nicht zur Reform-Jagd tragen. Seine Agenda deckt sich prinzipiell mit jener der Geldgeber: Griechenlands Haushaltsüberschuss lag 2019 deutlich über den geforderten 3,5% des BIP. Europarekord. Erster Spielraum für Steuersenkungen, um Investitionen anzulocken, insbesondere die wichtigen ausländischen Direktinvestitionen.

Zwei Dinge sind der Regierung besonders wichtig: Zum einen der Zugang zum Kapitalmarkt. Anleihen von über 17 Mrd. Euro hat man dort bereits platzieren können. Die Zinsen für zehnjährige Anleihen waren im Februar zwischenzeitlich auf unter 1% gefallen. 2012 waren es noch über 30%! Jetzt kann Griechenland einen teuren IWF-Kredit vorzeitig ablösen.

Eine Bank, die 40 Prozent faule Kredite in den Büchern hat, kann schlicht nicht wie eine Bank handeln. Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis zur Lage der griechischen Banken

Zum zweiten hat sich die Regierung mit der EU auf einen Plan geeinigt, endlich die von faulen Krediten lahmgelegten griechischen Banken flottzukriegen. Erst danach können sie die Wirtschaft wieder mit Geld versorgen.

Und dann kam das Virus

Konsumentenstimmung, Investment-Rating, Produktivität, selbst Löhne - alles erholt sich, wenn auch schleppend. Die Arbeitslosigkeit ist runter auf zuletzt 16,6%. Griechenlands Wirtschaft bewegt sich wackelig wie ein Patient nach langer, schwerer Krankheit.

Die Corona-Pandemie hat das Zeug, alle Fortschritte zu vernichten. Der IWF erwartet einen Einbruch der Wirtschaft um 10%. Zurück auf Los.

Sisyphos war Grieche.

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