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Gaislachkogelbahn in Soelden

Gesellschaft

Interview zum Alpentourismus: "Überdrehter Ski-Zirkus"

Der Skitourismus der Alpen ist knallharter Verdrängungswettbewerb. Alpenforscher Werner Bätzing erklärt im Vorabinterview mit makro-Moderatorin Eva Schmidt, wie Konzerne und Aktiengesellschaften die Pisten dominieren.

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Die Pistenparty in den Alpen wird immer schriller. Top-Skigebiete werden immer großspuriger ausgebaut, die kleineren machen dicht. Der Grund dafür ist einfach, sagt Alpenforscher Prof. Werner Bätzing: "Seit 25 Jahren stagniert die Zahl der Skifahrer in Europa, und in Zukunft werden sie sogar noch deutlich weniger werden". In der Folge konzentrieren sich die Einnahmen bei einigen großen Playern, während immer weniger Hotels und Lifte von Einheimischen betrieben werden. Denen, so Bätzing, blieben oft nur hohe Mietpreise, Zersiedlung der Dörfer und verstopfte Straßen.

makro: Kann man mit gutem Gewissen zum Skifahren in die Alpen reisen?

Werner Bätzing: Man kann mit gutem Gewissen nur noch dort in den Alpen Ski fahren, wo es Naturschneepisten gibt. Dies ist fast nur noch in kleinen Skigebieten möglich, weil fast überall aus Gründen der Schneesicherheit künstlich beschneit wird, inzwischen sogar auch auf Gletscherskipisten.

makro: Der europäische Skifahrermarkt wächst nicht mehr. Bringt das der Natur Entlastung?

Werner Bätzing: Nein: Seit 25 Jahren stagniert die Zahl der Skifahrer in Europa, und in Zukunft werden sie sogar noch deutlich weniger werden, weil die europäische Bevölkerung abnimmt und ihr Altersdurchschnitt stark steigt. "Rettung" erhoffen sich die Skigebietsbetreiber deshalb aus China: Die chinesische Regierung hat angekündigt, dass bis zu den Olympischen Winterspielen 2022 bei Peking 250 Millionen Chinesen Skifahren lernen sollen. Wenn nur ein Zehntel davon zum Winterurlaub in die Alpen kämen, wären hier alle Wachstumsprobleme gelöst.

makro: Es gibt immer wieder Orte in den Alpen, die mit sanftem Tourismus werben. Was ist davon zu halten?

Werner Bätzing: Wenn Orte mit "sanftem" Tourismus werben, muss man sich das genau ansehen - nicht immer ist das wirklich seriös. Ich empfehle für einen Winterurlaub eine Region, in der trotz Modernisierung die Skigebiete nicht ausgeweitet wurden, z.B. Oberjoch bei Bad Hindelang (Allgäu) oder das Gasteiner Tal (Hohe Tauern).

makro: Wie steht es um die Betreiber der Skigebiete?

Werner Bätzing: Weil die Nachfrage nach Abfahrtsskilauf seit 1990 stabil bleibt, das Angebot aber permanent vergrößert wird, gibt es inzwischen einen knallharten Verdrängungswettbewerb. In den letzten 10 Jahren haben etwa 60 kleine Skigebiete zugesperrt, während die großen immer größer werden - das größte Skigebiet mit 600 km Pistenlänge ist "Les 3 Vallées" in Frankreich.

Deshalb dominieren heute Konzerne und Aktiengesellschaften den Alpentourismus. Der größte Anbieter ist die an der Pariser Börse notierte "Compagnie des Alpes", die in den französischen Alpen 11 sehr große Skigebiete betreibt und die derzeit Skigebiete mit 800 Kilometern Pistenlänge vorbereitet.

makro: Wie gehen die Bewohner der Alpen mit der Situation um? Viele sind schließlich wirtschaftlich abhängig vom Tourismus.

Werner Bätzing: Durch die aktuelle Entwicklung werden immer weniger Hotels und Skilifte von Einheimischen betrieben, und die Arbeit als Angestelle(r) im Tourismus ist so unattraktiv, dass trotz vieler ausländischer Mitarbeiter derzeit ein großer Personalmangel herrscht. Für die Einheimischen bleiben nur noch die negativen Folgen des Tourismus übrig - hohe Boden- und Mietpreise, Zersiedlung der Dörfer, Überfüllung aller Plätze, große Umweltprobleme und tägliche Verkehrsstaus.

Deshalb ist es kein Zufall, dass sich in einer repräsentativen Umfrage in Tirol jüngst 38% aller Befragten für einen "Ausbaustopp und eine längere Nachdenkpause" ausgesprochen haben. Die tourismusfreundliche Position scheint derzeit in Tirol und in anderen Alpenregionen zu kippen.

Zur Person

  • Alpenforscher Werner Bätzing

    Emeritierter Professor für Kulturgeographie

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