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Papst Benedikt in weißem Gewand und Pileolus ragt bei einem kirchlichen Anlass in einem großen Raum mit Wänden aus Marmor an einem Rednerpult stehend über seine Zuhörer hinaus, deren Köpfe von hinten am unteren Bildrand zu sehen sind.

Film

Verteidiger des Glaubens

Als Papst Benedikt XVI. 2013 sein Pontifikat freiwillig aufgab, war das für die katholische Kirche ein ungeheurer Schritt. Dokumentarfilmer Christoph Röhl rekonstruiert, wie es dazu kam.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2019
Datum:
Sendetermin
21.12.2020
22:25 - 23:50 Uhr

Papst Benedikts Lebensaufgabe war es, die Kirche und ihre Werte zu bewahren. Doch wurde in seinem Pontifikat vor allem durch die Missbrauchsskandale offenbar, dass die katholische Kirche sich in ihrer größten Krise befindet.

Christoph Röhl zeichnet Josef Ratzingers Werdegang vom Priesteramt über den Lehrstuhlinhaber bis zum Kardinal und dann zum Papst nach und entwirft dabei ein komplexes Bild der Machtstrukturen der katholischen Kirche.

Nachdem er in den 1960er-Jahren einige Jahre lang als Erneuerer gegolten hatte, sorgte Kardinal Ratzinger während seiner 30-jährigen Tätigkeit innerhalb des Vatikans, erst als Leiter der Glaubenskongregation, dann als Papst, maßgeblich für den Erhalt der Autorität der Kirche und des Vatikans. Er sah die Wahrheit ausschließlich in der Lehre der katholischen Kirche und sah die moderne Gesellschaft mit ihrem Relativismus als verloren an.

Die Interviewpartner im Film, die zum überwiegenden Teil innerhalb des klerikalen Systems tätig waren, stellen das offiziell propagierte Bild von Ratzinger als "bescheidenem Gelehrten" infrage. Sie machen deutlich, welche Rolle er beim Aufbau eines Machtsystems im Vatikan unter Papst Johannes Paul II. spielte und inwiefern er damit erheblich zu dem Vertrauensverlust beitrug, unter dem die katholische Kirche bis heute leidet.

Denn sein Umgang vor allem mit den internationalen Missbrauchsskandalen, mit denen er schon seit den 1990er-Jahren konfrontiert war, zeigte, dass es ihm vornehmlich um den Schutz des Ansehens der Kirche ging, nicht um das Schicksal der Opfer. Seine Bemühungen, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, blieben halbherzig, wie Betroffene aufzeigen. Zugleich musste Papst Benedikt erkennen, dass sich seine größten Feinde in Wahrheit nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche bewegten, sogar im Kreis seiner engsten Vertrauten.

Christoph Röhl kommt zu der Einschätzung, dass jene Krisen, die während Benedikts Pontifikats zum Vorschein kamen, systemischen Ursprungs sind und bis heute fortbestehen. Röhl nimmt dabei nicht nur den Vatikan selbst in den Blick, sondern zeigt auch den Einfluss auf, den Vorgänge in Landeskirchen in den USA, in Irland, den Ländern Lateinamerikas hatten und welche Rolle Laienorganisationen wie Legionäre Christi oder Het Werk für den Vatikan spielten. Gesprächspartner sind unter anderen Erzbischof Georg Gänswein, Erzbischof Charles Scicluna, der Jesuit, Gymnasiallehrer und Autor Klaus Mertes, die ehemalige Ordensschwester und Theologin Doris Wagner, die Theologen Wolfgang Beinert und Hermann Häring sowie der Ordenspriester Tony Flannery, der Ordenspriester und Kirchenrechtler Thomas C. Doyle und das ehemalige Mitglied der vatikanischen Kinderschutzkommission, Marie Collins.

Pressestimmen:
"Christoph Röhl hat einen kritischen Film gedreht, der in manchen Passagen sogar ein verheerendes Bild der katholischen Kirche und ihrer Führer zeichnet, aber er verliert niemals die Distanz." (Berliner Zeitung, 31.10.2019)
"Im großartigen Film rekonstruiert er (Christoph Röhl, d. Red.) Ratzingers Karriere anhand von Zeitzeugenberichten und Archivmaterial. (...) Die Analyse ist Röhl wichtiger als die Skandalisierung. So ergibt sich das Bild eines Mannes, der aus Angst um seine spirituelle Heimat die Augen verschließt, um dann zu merken, dass die Realität auch einen Papst einholen kann." (Abendzeitung München, 31.10.2019).

Christoph Röhl wurde 1967 in Brighton, England, geboren. Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Manchester und Regie- und Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seine Filme, darunter "Und wir sind nicht die Einzigen" (Dokumentarfilm, 2010), "Die Auserwählten" (Spielfilm, 2014), "Kaisersturz" (Fernsehfilm, 2018) gewannen zahlreiche internationale Preise und wurden im Kino ausgewertet.

Interview mit Christoph Röhl

Du hast dich in manchen Interviews zur Kinopremiere deines Films schon dazu geäußert, dass dich, der du dich als Atheist bezeichnest, der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. dazu bewogen hat, dich mit der Situation der katholischen Kirche zu befassen. Was hat dabei genau dein Interesse geweckt?

Porträt Christoph Röhl
Filmemacher Christoph Röhl

Die Idee, den Film zu machen, habe ich gehabt noch bevor Papst Benedikt zurückgetreten ist. Ich hatte gerade "Und wir sind nicht die Einzigen" (ZDF/3sat) fertiggestellt, einen Dokumentarfilm zum Thema des sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule, und war in Vorbereitung meines Spielfilms "Die Auserwählten", der sich ebenfalls mit Missbrauch an dieser Schule - diesmal mit dem Phänomen des Wegschauens des Umfelds - beschäftigt. In diesem Zusammenhang hatte ich engeren Kontakt mit Betroffenen aus dem katholischen Kontext, allen voran mit den ehemaligen Schülern des Berliner Canisius-Kollegs. Wir sprachen über die Ähnlichkeiten und Unterschiede - systemisch betrachtet - zwischen dem Missbrauch an der liberalen reformpädagogischen Odenwaldschule und an der katholischen Schule und fragten uns, ob man einen ähnlichen Film über die katholische Kirche machen könnte, wie den über die Odenwaldschule. Das war das erste Mal, dass ich anfing, mich mit Joseph Ratzinger zu beschäftigen. Ich sah mir Bilder und Archivaufnahmen von ihm an und stellte fest, dass er etwas Paradigmatisches darstellte. Ich sah in seinem Werdegang und Wirken das Potential, zu einer universellen Aussage über die institutionelle Kirche kommen zu können: über ihre Kultur, ihre Art zu denken und ihre Art zu handeln - zu einer Aussage, die über seine persönliche Geschichte hinaus geht.

Ein Merkmal, das deinen Film von anderen über Papst Benedikt unterscheidet, ist, dass du dich nicht auf die Situation in Deutschland oder im Vatikan beschränkst, sondern die Situation der katholischen Kirche als Weltkirche zu erfassen versuchst. Wie hast du die Länder, auf die du eingegangen bist, ausgewählt und wie kam die Protagonistenauswahl zustande?

Die katholische Kirche ist eine weltliche Macht, die einen enormen Einfluss auf das Leben von etwa 1,3 Milliarden Menschen weltweit ausübt. Dieser Macht wollte ich im Film Rechnung tragen indem ich Gesprächspartner aus allen Teilen der Welt aufspürte. Aber das ist nur die eine Erklärung, warum ich ausgerechnet diese Auswahl von Protagonisten getroffen habe. Ein noch viel wichtigerer Grund war, dass es ungemein schwierig war, Kircheninsider zu finden, die überhaupt bereit waren mit mir über die Probleme der Kirche offen zu sprechen. Das hat mit dem strengen Geheimhaltungsgebot der Kirche zu tun, das ihre Mitglieder zur Verschwiegenheit verpflichtet. Das hatte zur Folge, dass ich ein weites Kontaktnetz knüpfen musste, bis ich geeignete Protagonisten gefunden hatte. Interessant ist die Tatsache, dass diejenigen, die sich schließlich doch bereit erklärt haben mit mir offen zu sprechen, alle einen Schock erlebt hatten, der sie veranlasst hat, dieses Schweigen zu brechen. Oft hat dieser Schock mit dem sexuellem Missbrauch an Kindern zu tun gehabt.

Im Laufe des Films gibt es immer wieder kunstvolle Passagen, in denen du die besondere Atmosphäre von Gottesdiensten und Andachten evozierst und damit die Faszination und das Schöne der kirchlichen Rituale andeutest. Welche Funktion haben diese Szenen für dich?

Obwohl ich selbst sehr kirchenfern aufgewachsen bin, wollte ich versuchen, die Kirche im Film so darzustellen, wie sie Ratzinger gesehen und empfunden hat - als etwas Erhabenes, Schönes, Zeitloses. Die Kirche hat für Ratzinger mit Heimat und Familie zu tun, auch mit Geborgenheit, Sehnsucht und Nostalgie. Das alles wollte ich durch die Bilder zum Ausdruck bringen. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: Diese schönen Bilder stellen ein Ideal dar, das im starken Kontrast zu den teilweise grauenvollen Aussagen im Film steht. Mit dieser Gegenüberstellung wollte ich eine dramaturgische Spannung erzeugen.

Fast alle Protagonisten des Films waren oder sind noch in der Kirche Funktionsträger oder beobachten als Journalisten den Vatikan seit Jahren. In der Summe entsteht jedoch ein kritisches Bild des Wirkens Papst Benedikts. Hätte es neben Kardinal Gänswein und Kardinal Scicluna nicht noch andere Stimmen gegeben, die ihn verteidigt hätten, das heißt, wie gehst du mit dem Vorwurf um, der Film sei einseitig?

Die allermeisten Menschen, darunter viele Mitglieder der Kirchenhierarchie, haben den Film für seine Ausgewogenheit und Nuanciertheit gelobt. Die Einzigen, die mir Einseitigkeit vorgeworfen haben, sind einerseits die institutionelle Kirche, repräsentiert durch die Deutschen Bischofskonferenz, und andererseits die apologetisch-konservativen Ratzinger-Verehrer gewesen, die auf ihre Galionsfigur ein fast hagiographisches Licht zu werfen pflegen und jede Kritik beinah als Häresie betrachten. Dabei sind alle Fakten in meinem Film genau recherchiert und belegt. Die traurige Wahrheit ist sogar, dass ich einen viel härteren Film über Ratzinger hätte machen können und dass ich nicht so sehr entlastendes als vielmehr belastendes Material weggelassen habe. Das ist besonders hinsichtlich Ratzingers Umgang mit dem Gründer der Legionäre Christi, dem seriellen Täter Marcial Maciel, der Fall.

Dein Film ist nicht nur ein Porträt von Papst Benedikt, sondern auch eine Bestandsaufnahme der Verhältnisse im Vatikan und stellt ihn als eine sich selbst dienende Institution dar. Hast du den Eindruck, dass sich seit dem Rückzug von Papst Benedikt die Zustände verändert und verbessert haben?

Ich bin der Meinung, dass Joseph Ratzinger für die vielen Krisen der Kirche sehr viel Verantwortung tragen muss. Andererseits kann man die Probleme der Kirche nicht auf eine Einzelperson reduzieren. Jene Krisen, die während Benedikts Pontifikats zum Vorschein kamen, waren systemischen Ursprungs - und bestehen bis heute fort.

Welche Resonanz hast du bei den vielen Filmvorführungen seit dem Kinostart Ende letzten Jahres erhalten?

 Wir haben "Verteidiger des Glaubens" auf einer deutschlandweiten Kinotour gezeigt, zum Teil gemeinsam mit katholischen Einrichtungen, und hinterher mit dem Publikum rege Diskussionen geführt. Wir haben erlebt, wie der Film aufwühlt - gerade bei denjenigen, die zum ersten Mal mit dem wahren Ausmaß der Missstände in ihrer Kirche konfrontiert wurden. So ergriff beispielsweise eine ältere Dame während einer Diskussionsrunde in Frankfurt das Wort und sagte beinahe verzweifelt: "Auch wenn das alles wahr ist, was Sie in Ihrem Film zeigen, werde ich mich dennoch entscheiden, es nicht zu glauben." So etwa wie: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Aber ich habe auch gemerkt, wie der Film nicht nur betroffen macht. Er befreit auch. Immer wieder haben sich Zuschauer bedankt, dass wir endlich etwas zur Sprache gebracht haben, das sie ein Leben lang in ihrem Innern gespürt haben, aber wegen ambivalenten Gefühlen der Kirche gegenüber bisher nicht den Mut hatten, frei zu äußern.  

Interview: Udo Bremer, 3sat

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