Die Webseite verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Sie können der Verwendung von Cookies widersprechen. Nähere Informationen finden Sie hier.

Obon

Film

Obon

Akiko Takakura ist eine von nur zehn Menschen, die 1945 in nächster Nähe die Atombombenexplosion von Hiroshima überlebt haben. In dem animierten Dokumentarfilm erzählt sie ihre Geschichte.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2018
Datum:

Noch heute, wenn sie als alte Frau durch die Stadt geht, blickt Akiko Takakura immer wieder zurück in diese Zeit. Vor allem, wenn Obon, das Geisterfest, gefeiert wird, bei dem Akiko die Geister ihrer Eltern empfängt.

Zu visuell und emotional bewegenden Bildern beschreibt Takakura, wie sie damals, mitten in einer Hölle von Schrecken und Alpträumen, einen seltenen Moment der Nähe zu ihrem Vater erlebte.

Während ihr Arbeitskollege und Freund an seinen Verbrennungen und einem gebrochenen Rücken starb, überlebte die damals 20-jährige Akiko Takakura durch pures Glück den Atombombenabwurf. Sie erinnert sich an kleinste Details und erweckt sie in ihren Erzählungen zum Leben. Die Szenen des Films basieren ausschließlich auf Akiko Takakuras Erfahrungen. Sie ist inzwischen 95 Jahre alt und lebt unter der Obhut ihrer Familie in Hiroshima.

"Obon" ist der Name eines der wichtigsten buddhistischen Feste, bei dem sich die Familien an ihre verstorbenen Angehörigen erinnern. Dem Glauben entsprechend kehren deren Geister jedes Jahr für einen Tag zu den Lebenden zurück. Zur Vorbereitung auf die Ankunft der Geister putzen die Menschen ihre Häuser und hängen Laternen auf, um den Ahnen ihren Weg nach Hause zu erleichtern. Am Feiertag selbst werden Speisen und Getränke auf dem heimischen Altar geopfert. Die Familiengräber werden gesäubert und mit Blumen geschmückt. Am Abend werden zu schneller Bon-Odoru-Musik auf den Tempelplätzen Tanzrituale ausgeführt. Am Ende verabschieden sich die Gläubigen von den Geistern und lassen die Laternen auf einem Fluss hinaus aufs Meer treiben. Sie sollen die Geister zurück in ihre Welt führen.

In Hiroshima hat das Obon-Fest eine besondere Bedeutung, weil dann die Opfer der Atombombenexplosion vom 6. August 1945 in die gemeinsame Erinnerung einbezogen werden.

Der Dokumentarfilm von André Hörmann und Anna "Samo" Bergmann gewann den Preis "Große Klappe" beim Duisburger Dokumentarfilmfestival "Doxs!".

Stab

  • Regie - André Hörmann, Anna "Samo" Bergmann

Das große Trauma

Interview mit André Hörmann, Co-Regisseur von "Obon"

Es gibt schon viele Spielfilme und Dokus über Hiroshima und Nagasaki und die Überlebenden der Atombombenabwürfe. Warum wolltest Du mit der Künstlerin Anna "Samo" Bergmann noch einen Film darüber machen?

Regisseur André Hoermann ("Obon")
Co-Regisseur André Hörmann
Quelle: Tom Bergmann

Ich war ein paar Mal in Japan mit unterschiedlichen Projekten. Aus diesem Grund war mir Hiroshima als großes Trauma des Landes immer im Hinterkopf. Sicherlich auch, weil ich als Deutscher mich mit den Folgen der Weltkriege und unserer Schuld seit meiner Kindheit auseinandersetze. Unsere Perspektive kenne ich, aber welche unmittelbaren Auswirkungen diese Ereignisse in anderen Kulturen haben, hat mich sehr interessiert. Ich war 2012 Stipendiat der Villa Kamogawa des Goethe-Instituts Kyoto und konnte mich drei Monate lang in die Recherche dazu stürzen. Ich war in Hiroshima und habe viele Überlebende getroffen. Darunter Frau Takakura. Die Geschichte hat sich dann im Interview herauskristallisiert. Wie Frau Takakura die Liebe ihres Vaters inmitten der Katastrophe der Atombombe gefunden hat, berührte mich sehr, weil es der einzige Hoffnungsschimmer in all den grauenhaften Geschichten der Überlebenden war.

Wie kam es zu Deiner Zusammenarbeit mit Anna "Samo" Bergmann? Wie habt Ihr die Regie-Aufgaben geteilt?

Hiroshima-Überlebende Akiko Takakura und Regisseurin Anna "Samo" Bergman ("Obon")
Hiroshima-Überlebende Akiko Takakura und Regisseurin Anna "Samo" Bergman
Quelle: Tom Bergmann

Anna und ich kennen uns seit 2001, als wir uns bei einem Filmfestival in Moskau trafen. Sie ist mittlerweile die Frau meines Arbeitspartners und Freundes Thomas Bergmann. Wir haben gemeinsam an der Filmuniversität Babelsberg studiert. Zur Zusammenarbeit kam es also ganz natürlich. Die Aufgabentrennung ist ganz deutlich. Ich bin Dokumentarfilmer, habe das Thema recherchiert, die Interviews geführt, das Drehbuch geschrieben und den Film gemeinsam mit unsere Co-Produzenten Christian Vizi finanziert. Anna hat die Animationsregie, die Animation und das Tonkonzept gemacht. Wir haben uns zwar immer abgestimmt, aber Anna hat bei Visualisierung, Ton und Musik die Führung übernommen. Eine tolle Arbeitsteilung, die uns beiden großen Spaß gemacht hat!

Warum hast Du den Film nach dem japanischen Geister-Fest benannt?

Obon, das japanische Geisterfest, ist die Klammer und der Anlass des Films. Es geht an diesem Tag darum, sich an die Toten zu erinnern. Das hat in Hiroshima natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Akiko Takakura kehrt in ihren Erinnerungen immer wieder zurück zu dem Tag des Bombenabwurfs und zu ihrer Angst, ihrem Horror, aber eben auch zu dem tiefen Gefühl der Liebe zu ihrem Vater, dass sie bei ihrer Heimkehr das erste Mal im Leben gespürt hat. Obon gibt uns die Möglichkeit, Fragmente ihres ganzen Lebens über ihre Erinnerungen zu erzählen. Um diese Erzählstruktur klarzumachen, haben wir sie gleich mit dem Titel des Films gesetzt.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, die Geschichte von der Überlebenden Akiko Takakura selbst erzählen zu lassen?

Ich bin ja von Haus aus Dokumentarfilmer und arbeite immer mit Interviews. Die Off-Stimme von Akiko ist die Aufzeichnung meiner stundenlangen Gespräche mit ihr. Daraus haben wir den Film gebaut. Wir haben einige spannenden Momente in den Film genommen, andere resultierten in den fragmentarischen Szenen in den Rückblicken. Die Treffen mit Frau Takakura waren sehr intensiv und berührend für mich, weil sie ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Emotionen bis ins Detail geteilt hat. Für mich hat der Schrecken der Bombe dadurch zum ersten Mal ein Gesicht bekommen.

Wie bist Du mit Anna "Samo" Bergmann zu dem visuellen Konzept des Films gekommen und zu den animierten Erinnerungsbildern? Die Zeichnungen sehen aus wie die Originalbilder von Überlebenden in Hans-Dieter Grabes Augenzeugen-Dokumentarfilm "Hiroshima, Nagasagki", den 3sat zusammen mit Eurem Film zeigt.

Das Design hat sich aus mehreren Faktoren zusammen ergeben. Einerseits ist es Annas eigener Stil, andererseits hat sie sich natürlich von der japanischen Kunst inspirieren lassen. Sie war schon vorher sehr fasziniert von den Hokusai‘ Prints (Drucke des japanischen Malers Katsushika Hokusai). Die zweite Inspirationsquelle waren eben genau die Zeichnungen von Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki. Es gibt ein ganzes Buch davon, und sie hat sie sich sehr oft angeschaut, als sie an dem Film gearbeitet hat. Viele sind in einem "naiven" Stil gezeichnet, oft weil die Künstler keine professionellen Zeichner waren. Solche Bilder sind deswegen erschütternd, weil diese Leute ihre Emotionen nicht hinter ihrem künstlerischen Können verstecken konnten und ihre Geschichten direkt weitergegeben haben.

Welche Rolle spielt in Deinem Konzept der Ton? Die O-Töne aus dem Alltagsleben sind ja meist realistisch, manchmal ist der Ton aber stark stilisiert.

Ton macht ja beim Animationsfilm die Hälfte der Gestaltung aus. Es ist ja nichts da. Durch die Tonebene wird der Film erst zum Leben erweckt. Unser Ziel war es, im Ton die Erzählperspektive zu verdeutlichen. Wir wollten subjektiv in die Erinnerungen von Akiko Takakura einsteigen. Sehen was sie sieht, hören was sie hört, um empathisch mit ihr zu fühlen. Deswegen ist der Ton an einigen Stellen stilisiert, und einzelne Geräusche sind hervorgehoben. Das Knacken der verbrannten Knochen, das Zischen der schmelzenden Haut und der Donner der Bombe und das langgezogene Pfeifen direkt danach basieren auf Akikos Erläuterungen.

Erst beim mehrfachen Anschauen des Films fiel mir auf, dass Haut, vor allem aber Hände eine wichtige Rolle in der Geschichte spielen: die Hand der Kollegin, die der Protagonistin ihre angeblich lange Lebenslinie zeigt und kurz danach stirbt, der Vater, der seiner Tochter die Hände wäscht ...

Deine Beobachtung ist richtig. Mir selbst war das nicht bewusst, aber Anna Samo ist während der Animation aufgefallen, dass Hände ein wiederkehrendes Motiv sind. Das hat sie dann auch entsprechend unterstützt. Und Frau Takakura hat während meiner Gespräche immer wieder vom Geräusch der im Feuer knackenden Hände gesprochen. Das hat sie traumatisiert. Es war also immer ein Thema, aber dass es sich so durchzieht, hat mich selbst überrascht.

Willst Du weiter mit Anna "Samo" Bergmann zusammenarbeiten? Wie ich hörte, arbeitest Du Zeit an einem ganz anderen Projekt. 

Wir arbeiten gerade an einem weiteren Animadok-Projekt über die Einwohnerinnen eines Altersheims für Prostituierte in Mexiko-Stadt. Das wird eine ganz andere Erzählform und andere Animationsstile haben und macht uns beiden viel Freude.

(Fragen: Shaho Nemati, Achim Forst)

Weiterer Beitrag zu 75 Jahre Atombombenabwurf auf Hiroshima:

ZDF Logo
Film -

Atombombenopfer sagen aus

In seinem schonungslosen wie berührenden Dokumentarfilm von 1985 lässt Hans-Dieter Grabe Opfer der beiden Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki 1945 zu Wort kommen.

Meine Merkliste

Alle Inhalte auf Ihrer Merkliste sind noch mindestens 3 Tage verfügbar.

Sie haben derzeit keine Videos in Ihrer Merkliste

Sie können ein Video der Merkliste hinzufügen, indem Sie das "+" am Teaser oder Beitrag anwählen.

Live

Statische Headline

1h 7min