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Film

"Ein Film über Lebensträume, die mit der Realität kollidieren"

Interview mit Peter Göltenboth und Florian Giefer, Regisseure des Dokumentarfilms "A Song of an unknown Actress"

A Song of an unknown Actress - Florian Giefer und Peter Göltenboth
Peter Göltenboth (r.) und Florian Giefer haben bereits 2005 beim Schnitt des Experimentalfilms "TRIP - Remix your experience" zusammengearbeitet. 2015 erhielt Göltenboth gemeinsam mit Anna Piltz im Rahmen des Grimme-Preises den "Sonderpreis Kultur des Landes NRW" für Buch und Regie des ZDF/3sat-Dokumentarfilms "Ab 18! - 10 Wochen Sommer".

Filme über Schauspielerinnen in Hollywood gibt es viele. Was hat Euch persönlich an diesem Sujet gereizt?

Wir sehen es eigentlich weniger als einen Film über Hollywood als einen Film über Lebensträume, die mit der Realität kollidieren. Und ein Film über den Konkurrenzdruck, dem immer mehr Menschen ausgesetzt sind und die Frage, was er mit uns macht.

Als Regisseure haben wir ja mit ganz ähnlichen Themen zu tun. Man muss sich in einem sehr kompetitiven Umfeld durchsetzen und es gibt keine langfristigen Sicherheiten. Für Schauspieler ist das alles noch extremer. Beim Sichten der Casting Tapes habe wir oft darüber gesprochen, wie klein die Unterschiede oft sind, die zwischen dem Erfolg des Einen und Misserfolg des Anderen stehen. Uns hat interessiert, wie man in so einem Umfeld überleben kann. Denn die Filmszene in Los Angeles ist in ihrer Konkurrenz viel extremer als hier - es ist wie ein Brennglas für alle diese Themen.

Die Ästhetik von "A Song of an unknown Actress" ist ungewöhnlich. Euer Film bewegt sich zwischen Dokumentar- und Spielfilm, Alltagsbeobachtung und Stilisierung. War diese Gratwanderung von Anfang an Teil des Konzeptes?

In klassischen Reportagen wird oft sehr viel Wahrheit behauptet und man nimmt das Gesehene instinktiv als Wirklichkeit auf, obwohl es immer einem selektiven Blick des Filmemachers unterworfen ist. Und diese dokumentierte Wirklichkeit spart dann oft Momente aus, an denen man nicht teilhaben kann. Momente tief empfundener Einsamkeit, durchwachte Nächte voller Sorge, aber auch diffuse Träume und Wunschgedanken. Das kann man sich dann immer im Nachhinein erzählen lassen, aber dann ist es schon wieder etwas völlig anderes. Diesen emotionalen Teil der Wirklichkeit wollten wir in andere Bilder fassen. In einer Dokumentation über Wissenschaftler oder Fluglotsen kann man vielleicht diesen Teil der Realität schwierig umsetzen. Aber unsere Hauptpersonen sind Schauspielerinnen. Da war es natürlich naheliegend mit ihnen gemeinsam diesen Teil ihrer Lebenswelt zu erkunden und sie "spielen" zu lassen.

Und vom filmischen Standpunkt her wollten wir die Bilderwelten Hollywoods, die man ja sozusagen verinnerlicht hat, dem gegenüberstellen wie der Alltag sich tatsächlich gestaltet. Das ist nämlich oft sehr viel normaler, als man sich das so vorstellt. Man bringt also als Zuschauer schon sehr viele Erwartungen mit, auch was das Drama angeht, das man sich von so einem Thema erwartet.

Euer Film erzählt nicht nur aus dem Leben und von den Erfahrungen von fünf Schauspielerinnen, sondern verdichtet das Gezeigte und Gesagte zu einer kollektiven Erfahrung. Wie entstand die Idee hierzu?

Wir wollten tatsächlich nie eine Reportage über eine Handvoll Protagonistinnen machen, sondern darüber hinaus nach Mustern suchen. Und wir denken schon, dass es da eine Menge Anknüpfungspunkte gibt und dass es viele Menschen auch in ganz anderen Berufen gibt, denen es ganz ähnlich ergeht. In unserem letzten Film "10 Wochen Sommer" haben wir schon damit experimentiert und finden, dass es eine gute Art ist sich einer allgemeineren Wahrheit anzunähern. Von daher wollten wir von Anfang an in anonymen Telefongesprächen Gedanken sammeln, und um diese dann in einer stilisierten Form in den Film einzubringen, das war schon beinahe der Startpunkt für unser Konzept.

Wie ist es Euch gelungen, die Musikerin Cherilyn MacNeal, Kopf der Indie-Band "Dear Reader", für die Idee zu begeistern, nicht nur den Soundtrack des Filmes zu komponieren, sondern auch den Kommentar zu sprechen?

Wir haben in den ersten Jahren ja beinahe ausschließlich Musikvideos gemacht und haben da immer noch eine Menge Kontakte. Wir haben früher sehr eng mit dem Indie-Label City Slang zusammengearbeitet. In diesem Fall war es dann auch Christof Ellinghaus von City Slang, der uns mit Cheri connected hat. Anna Geary Meyer, die die Texte geschrieben hat, lebt zurzeit auch in Berlin und durch den großen Zeitunterschied zu Los Angeles hat es sich dann ergeben, dass Cheri die Layouttexte eingesprochen hat. Und da haben wir dann plötzlich bemerkt, dass sie auch eine zauberhafte Sprechstimme hat und als Musikerin auch einen ganz engen Bezug zu den Gedichten.

"A Song of an unknown Actress" ist zeitlich vor der #MeToo-Debatte entstanden, die zutage gefördert hat, was Eingeweihte lange vorher wussten und interessierte Beobachter bereits ahnten. Waren die Arbeitsbedingungen der Schauspielerinnen innerhalb des von Männern dominierten Hollywood-Systems kein Thema in den Interviews, die ihr mit ihnen geführt habt?

Die Planung für den Film war schon voll im Gange als #MeToo los ging und natürlich hat das die Gespräche und auch die Blickweise beeinflusst. Wir haben uns trotzdem dagegen entschieden das als Aufhänger zu nehmen, weil es das Thema auf etwas reduziert, was ohnehin immer schon mitschwingt. Die Auseinandersetzung mit der Diskussion haben wir aber durchgängig geführt und der Film ist sozusagen unser Beitrag zu der Debatte. Eine wichtige Diskussion, die aber in vielerlei Hinsicht noch sehr eng geführt wird; zum einen reduziert auf die sexuelle Komponente und auch sehr fokussiert auf die Tat an und für sich.

Wenn man sich unseren Film ansieht, bekommt man ein Gefühl davon, wie entbehrungsreich und hart es sein kann, seinen Traum zu leben. In so einem Umfeld entstehen natürlich Machtverhältnisse, die Missbrauch und Sprachlosigkeit begünstigen. Die erhöhte Aufmerksamkeit des Themas wird hoffentlich dazu führen, dass das in Zukunft anders sein wird. Aber die Grundproblematik bleibt, dass wenn Menschen ihre Träume leben wollen und nach Chancen suchen, ein potentiell gefährliches Machtgefälle entsteht.

Warum habt Ihr nur Schauspielerinnen porträtiert?

Das war am Anfang gar nicht unbedingt so geplant. Aber wir haben dann recht schnell festgestellt, dass es zwar um eine kollektive Erfahrung geht, man aber schon eine gewisse Vergleichbarkeit der Situationen haben muss. Deswegen sind auch alle ungefähr im selben Alter. Wir hatten zum Beispiel auch mit deutlich jüngeren Schauspielerinnen gedreht, die dann aber letztlich nicht im Film gelandet sind, weil ihre Situation mit Anfang zwanzig einfach zu unterschiedlich war. Und die Frage nach Männern oder Frauen war insofern einfach, dass die Konkurrenz, über die wir erzählen wollen, so viel grösser ist: Sehr viel mehr Frauen als Männer wollen Schauspieler werden, es gibt viel weniger Rollen und das Zeitfenster, in dem eine Karriere Fahrt aufnehmen kann ist für Frauen sehr viel enger. Auch etwas, was sich hoffentlich im Zuge der #MeToo-Debatte verändern wird.

Wie ist es Euren Protagonistinnen seither ergangen?

Gina ist nach Minnesota gezogen und hat dort tatsächlich ein neues Leben angefangen und auch wenn sie noch manchmal die Wehmut überkommt geht es ihr soweit gut. Taylor oder Charly, wie sie sich jetzt nennt, macht viel Musik. Für die Anderen hat sich glaube ich nichts Dramatisches ereignet. Und so ist das normalerweise auch. Man hat immer das Gefühl, dass das ein super dynamisches System ist, in dem die Menschen im Wochentakt nach oben katapultiert oder auf den Boden geschleudert werden. Aber es ist viel kontinuierlicher und man muss sehr lange arbeiten und sich bereithalten, um vielleicht irgendwann die Chance zu bekommen. Das ist die Realität.

Interview: Daniel Schössler

Film -

A Song of an unknown Actress

Der Film folgt dem Alltag von fünf Schauspielerinnen in Los Angeles am unteren Ende der Karriereleiter.

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