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Film

"Menschen, die vor der Kamera offen mit ihrem Leben umgehen"

Interview mit Bettina Braun, Regisseurin des Dokumentarfilms "Lucica und ihre Kinder"

Regisseurin Bettina Braun
"Die meisten meiner Filme handeln von Identität und Zugehörigkeit", sagt die Kölner Regisseurin Bettina Braun.
Quelle: Angelika Huber

Du kennst Lucica und ihre Kinder schon einige Jahre. Über den zweitältesten Sohn Stefan hattest du 2015 einen kurzen Dokumentarfilm für die WDR-Reihe "Nordstadtkinder" gemacht. Wie hast du die Familie seinerzeit kennengelernt, und warum hast du dich entschieden, einen langen Film mit ihnen zu machen?

Ich habe die Familie über eine soziale Einrichtung kennengelernt. Ich suchte nach einem "mittleren" Kind in einer kinderreichen Familie, und es war gar nicht mein vornehmliches Ziel, einen Film über Migration zu machen. Als ich dann Stefan und seine Familie kennenlernte, stimmte die Mischung von dem, was ich als erzählenswertes Thema sah und "das Gefühl".

Als Thema stand für mich die Frage im Vordergrund, wie wir es als Gesellschaft schaffen können, diese Kinder so einzubeziehen, dass sie - auch später als Erwachsene - ein würdevolles Leben hier leben können. Auch im Sinne eines Spiegels der Gesellschaft: Einige Fähigkeiten, die die Menschen mitbringen, scheinen hier keinen Wert (in diesem Zusammenhang passt das Wort "Nutzen" sogar besser) zu haben.

Zum "Gefühl": Das ist etwas, was sich nicht vornehmlich analytisch erklären lässt. Ich fühle mich zu den Menschen hingezogen, meine Fantasie, was ich alles mit ihnen drehen beziehungsweise über sie erzählen möchte, wird angeregt, und ich spüre, dass es sich um Menschen handelt, die vor der Kamera offen mit ihrem Leben umgehen, ohne dabei an Würde zu verlieren.

Nachdem ich den kurzen Film über Stefan fertiggestellt hatte, gab es mehrere Gründe, warum ich noch einen weiteren Film über die Familie machen wollte. Zunächst wusste ich, dass im folgenden Jahr Einiges ansteht: Der Vater wurde aus dem Gefängnis entlassen, der älteste Sohn nach Deutschland geholt und für Stefan stand die wichtige Entscheidung zur weiterführenden Schule an. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich erst angefangen hatte, mich in den Kosmos der Familie zu begeben. Ich wollte tiefer eindringen, mehr erfahren, hatte Lust und war inspiriert, noch mehr Zeit mit der Kamera in der Familie zu verbringen. Die prekäre Lebenssituation der Familie war natürlich auch ein Grund. Diese Lebensrealität in Deutschland wollte ich sichtbar machen.

Deine Dokumentarfilme leben alle von der großen Nähe, die du zu deinen Protagonisten herstellen kannst. Bei diesem Film bist du dabei nun auf besondere Herausforderungen gestoßen. Wie bewusst war dir das, als du mit dem Dreh begonnen hast, und auf was warst du gar nicht vorbereitet?

Wie gesagt, ich wusste ja um ihre schwierige Situation und wie sehr die Familie sich "auf Messers Schneide" bewegte. Was das für mich und die Dreharbeiten bedeuten könnte, war mir auch bewusst, aber ich wollte das zum Zeitpunkt des Drehbeginns nicht zu Ende denken. Weil ich ja auch keine Lösung parat hatte. Es gab für mich keine klare Regel in die eine oder anderer Richtung, die ich mir hätte auferlegen und guten Gewissens befolgen können. Also habe ich es auf mich zukommen lassen. Ich habe aber schon zu Beginn der Dreharbeiten über die Fragen und das Dilemma, in das ich verstrickt wurde, zu schreiben begonnen. Mir war klar, dass dies ein Teil des Films werden würde.

Im Film wird auch erzählt, dass deine Protagonisten von dir Geld erhalten. Das ist eine nicht unübliche Praxis in der Dokumentarfilm-Produktion, die aber auch immer wieder kritisch diskutiert wird. Wo verlaufen bei diesem Thema für dich als Dokumentaristin die Grenzen?

Grundsätzlich ist es für mich erst einmal eine Frage der Gemengelage. Ich gehe davon aus, dass wir beide - vor und hinter der Kamera - etwas voneinander wollen. Die Gründe für Protagonisten, bei einem solchen Film mitzumachen, können mannigfach sein; manchmal spielt Geld überhaupt keine Rolle, manchmal schon. Wie viel oder wenig Geld fließt, beziehungsweise ich für richtig halte oder bereit bin, zu geben, kann sich von Film zu Film und mit der jeweiligen Lebenssituation und dem jeweiligen Verhältnis Filmemacher/Protagonist ändern. Und - wie mein Film ja erzählt - können sich die Parameter auch während des Drehzeitraums ändern. Die Grenzen verlaufen für mich an der Stelle, wo Geld zum (fast) ausschließlichen Grund und Antrieb wird, beim Film mitzumachen. Wenn ich den Eindruck habe, dass sich die Menschen vor der Kamera, nur um im Film zu sein und damit an das Geld zu kommen, verbiegen. Dann ist das nicht mehr die Wirklichkeit, die ich für erzählenswert halte.

Es wäre ein vermeintlich Leichtes gewesen, Schwierigkeiten, die das Projekt im Laufe seines Entstehungsprozesses mit sich brachte, im Film durch einen Kommentar aus dem Off transparent zu machen und zu erklären. Du hast dich bewusst gegen diese Option entschieden, warum?

Ich habe im Schnitt lange Zeit mit einem persönlichen Off-Text gearbeitet, in dem ich meine Gedanken, Fragen und Gefühle während der Drehzeit zum Ausdruck gebracht habe. Die Hauptgründe, mich gegen den Off-Text zu entscheiden, waren: Der Film begleitet die Familie, nicht mich. Das Interesse an mir, der Filmemacherin, an meinem Hintergrund und Überlegungen, stellte sich nicht ein. Zumindest nicht über das hinaus, was sowieso im Material steckte und darüber im Film erzählt wurde. Es war interessant und erstaunlich zu sehen, wie viel Macht sich die Ebene des gesprochenen Wortes über den Rest des Materials ausgenommen hat. Selbst leise und zurückhaltend formuliert, beanspruchte diese Erzählebene eine fast unantastbare Werteinstanz. Das wurde möglicherweise dadurch verstärkt, dass die porträtierte Familie schlecht Deutsch spricht und ihre "Kultur" weniger "sprachgewaltig" ist. Meine Sprache aus dem Off hätte die sehr starke non-verbale Kommunikation und das Miteinander der Menschen vor der Kamera erstickt.

Der Film endet auf eine Art hoffnungsfroh. Weißt du, wie es der Familie seither ergangen ist? Wie haben sich die Kinder weiterentwickelt?

Was Lucica in der Zeit, in der sie mit ihren Kindern in Deutschland ist, erreicht hat, ist, gemessen an ihrem Umfeld, schon eine kleine Erfolgsgeschichte. Trotzdem hat sich nach Abschluss der Dreharbeiten Einiges eher zum Schlechten entwickelt. Alex ist immer wieder in Konflikt mit der Polizei geraten, und so hat Lucica ihn zurück nach Rumänien geschickt. Das macht mich traurig, denn ich glaube, Alex hat einiges Potential in sich.

Was mich aber besonders bedrückt ist, dass Stefan die Schule geschmissen hat. Wo er in der Grundschule noch das ein oder andere Erfolgserlebnis hatte, ist er in der Hauptschule tagtäglich Erfahrungen des Scheiterns und des Misserfolgs ausgesetzt gewesen. Das hält auf Dauer keiner durch. Das hat meines Erachtens auch mit dem Erwachsenwerden zu tun. Je älter er wurde, desto weniger hat er seine eigene Leistung aus einem subjektiven Empfinden beurteilt und sich mehr im direkten Vergleich zu Anderen eingeordnet. Hinzu kam die Pubertät. Auch er hat Deutschland nun zunächst verlassen, wann er zurückkommt, weiß ich gerade auch nicht.

Ich beobachte, dass Lucica und die Kinder, sobald es schwierig wird, das Vertrauen in unser System verlieren. Sie ziehen sich dann auf die Regeln und Strukturen ihrer Herkunft zurück. Dort empfinden und erleben sie Verlässlichkeit, so wie sie sie kennen. Das ist menschlich, kann aber zu Schwierigkeiten und Konflikten in und mit unserer Gesellschaft führen.

Interview: Katya Mader

Lucica und ihre Kinder
Film -

Lucica und ihre Kinder

Ein Dokumentarfilm über den Alltag einer Familie in Not: Lucica, 29, lebt mit ihren sechs Kindern in einer Einzimmerwohnung in Dortmund.

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