Film

Der offene Blick - Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma

Der Film stellt Künstlerinnen und Künstler der Minderheit der Sinti und Roma vor, die in ihren Werken das Trauma der Verfolgung und ganz persönliche Erfahrungen gestalten.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2022
Datum:
Verfügbar
weltweit
Verfügbar bis:
bis 21.10.2022

Sie bedienen sich verschiedenster Ausdrucksformen und Mittel, doch allen gemeinsam ist der offene Blick. Diesen erfahrbar zu machen, gelingt Peter Nestler, indem er ihnen ohne kulturelle Festschreibungen und auf Augenhöhe begegnet.

Ausgangspunkt auch dieses Films ist wie in "Unrecht und Widerstand" die leidvolle Geschichte der Sinti und Roma während des "Dritten Reichs", diesmal in Österreich.

Gitta Martl und ihre Tochter Nicole Sevik lesen kurze Texte. Sie gedenken darin der Sinti und Roma im oberösterreichischen "Zigeuneranhaltelager" Weyer. Außer einer Reihe von 32 Farbdias ist von diesen Menschen nichts geblieben. Dr. Alois Staufer hatte sie im Frühjahr 1941 fotografiert. Die Abgebildeten wurden ein halbes Jahr später nach Polen deportiert und ermordet. Der Schriftsteller Ludwig Laher hat in mühevoller, beinahe 20-jähriger Recherche die Lebenswege von Opfern und Tätern minutiös rekonstruiert.

Ceija Stojka (1933-2013) war eine österreichische Schriftstellerin, Malerin, Sängerin, Aktivistin und Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen. Ihre Bilder werden weltweit in Museen und Galerien ausgestellt. Ceija Stojka schuf eigene Ausdrucksformen, formte Erinnerung und Traumata zu einem malerischen Oratorium gegen das Vergessen.

Die Filmemacherin Karin Berger begleitete das Schaffen Ceija Stojkas als Freundin und Mentorin während zweieinhalb Jahrzehnten. Sie erinnert an die außergewöhnliche Frau, auch in ihren beiden Dokumentarfilmen "Ceija Stojka - Porträt einer Romní" (1999) und "Unter den Brettern hellgrünes Gras" (2005).

Der junge Schriftsteller und Roma-Aktivist Samuel Mágó, der sich in seinen Texten mit Identität und Vorurteilen auseinandersetzt, sagt: "Für meine Generation ist Ceija Stojka ein wahnsinnig großes Vorbild."

In diesem Kontext steht ein Exkurs der Filmwissenschaftlerin Radmila Mladenova zu antiziganistischen Klischees in der Filmgeschichte seit D. W. Griffith, denen Fotografien entgegengestellt werden, die durch einen "egalitären Blick" in der Darstellung von Sinti und Roma gekennzeichnet sind.

Die Künstlerin Lita Cabellut verbrachte ihre Kindheit in prekären Verhältnissen im spanischen Aragon. Als Zwölfjährige wurde sie von einer katalanischen Adelsfamilie adoptiert, übersiedelte 1980 in die Niederlande, studierte an der Gerrit Rietveld Academy in Amsterdam und lebt seither in Den Haag. Als Malerin bedient sie sich einer neuzeitlichen Fresko-Technik, kreierte Opern-‎Ausstattungen und Kostüme, zum Beispiel für die Aufführung von "Karl V." in der Bayerischen Staatsoper.‎ Sie erzählt von ihrer Arbeit als Art Director an einem Film von Carmen Chaplin über den vermuteten Roma-Hintergrund ihres weltberühmten Großvaters.

In den letzten Jahren hat sich für Künstlerinnen und Künstler aus der Minderheit im Zeichen kultureller Selbstbehauptung einiges zum Positiven gewendet. So bietet beispielsweise die Galerie und Stiftung Kai Dikhas unter Leitung von Moritz Pankok mit mehr als hundert Ausstellungen ein kontinuierliches Forum. Teile der Sammlung sind auf der diesjährigen "documenta fifteen" zu sehen.

Jovan Nicolić erzählt in poetischen Kurzgeschichten von seiner Kindheit in einer jugoslawischen Musikerfamilie. "Die Träne" ist eine tragikomische Miniatur über die Trauerfeier für seinen toten Vater, dem man ein letztes Mal das Saxofon an die Lippen legt.

Der Film zeigt über die Gespräche mit den Künstlerinnen und Künstlern hinaus auch beispielhaft Werke - ob es Gemälde, Fotos, Performances oder Filme sind - und lässt Autorinnen und Autoren aus ihren Texten lesen.

Eingerahmt wird der Film durch Ausschnitte eines Konzerts der "Roma und Sinti Philharmoniker". Das Orchester versammelt Musiker aus ganz Europa zu Konzerten. Darunter spektakuläre Erstaufführungen wie das "Requiem für Auschwitz" von Roger Moreno-Rathgeb. Unter der Leitung von Riccardo M Sahiti konzertierte das Philharmonie-Orchester mit der Performerin Iva Bittová, dem Cymbalisten László Rácz und dem Violinen-Virtuosen Roby Lakatos im Herbst 2021 beim "Morgenland Festival Osnabrück".

"Der offene Blick" entstand im Rahmen der Arbeit an dem Film "Unrecht und Widerstand".

Peter Nestler über die beiden Filme: "In den Sechzigerjahren habe ich von diesem ständigen Unrecht erfahren, wurde darauf aufmerksam gemacht, vor allem durch die Werke des Malers Otto Pankok, den ich 1965 kennenlernte, und durch die soziale Arbeit von Birgitta Wolf, durch die Schriften von Hermann Langbein, der im Auschwitzprozess einer der Hauptzeugen war. Ich erfuhr von der ununterbrochenen Diskriminierung der Minderheit in Deutschland und Österreich, in der sich alles um den Wiederaufbau drehte, um wirtschaftlichen Aufstieg. Die Kriegsverbrechen wurden ad acta gelegt, und die viele Täter, einstige SS-Angehörige und Kriminalpolizisten, wie auch die 'Rassehygieneforscher', kehrten in ihre Ämter und Positionen zurück, betrieben jahrzehntelang weitere Diskriminierung und Ausgrenzung der Sinti und Roma.

1970 machte ich den Film 'Zigeuner sein', der Menschen der Minderheit zu Wort kommen ließ. Die neuen Filme, 'Unrecht und Widerstand' und 'Der offene Blick', sind eine umfangreiche Bestandsaufnahme aus der Gegenwartsperspektive mit Beiträgen von Menschen der Minderheit, den Nachkommen der Überlebenden, den Historikern, die sich mit dem tief verwurzelten Antiziganismus befassen (sich engagieren!), mit Poeten, Musikern, Fotografen und Filmemachern, Journalisten. Was hat sich geändert, ist besser geworden seit den Nachkriegsjahren, und was droht, schlecht zu bleiben? Das sind die Bausteine der Filme, die wir, das Team zusammengesetzt haben. Das und nichts anderes."

Peter Nestler, Jahrgang 1937, zählt seit den 1960er-Jahren zu den bekanntesten deutschen Dokumentarfilmregisseuren.‎ Er lebt seit den 1970er-Jahren in Schweden, hat aber weiter für deutsche Sender und das schwedische Fernsehen Dokumentarfilme realisiert. Zuletzt hat er für das Museum Ludwig den Film "Picasso in Vallauris" (2021) gedreht, zuvor für ZDF/3sat die Filme "Flucht" (2000), "Die Verwandlung des guten Nachbarn" (2001) und "Fremde Kinder: Mit der Musik groß werden" (2003).

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